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Ausgabe Januar/Februar 2005
Der Klang - das Lied - die Stille

Die Autorin und Regisseurin Ursula Weck berichtet über die Erfahrung des inneren und äußeren Hörens.

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Ein Unfall
Im Jahr 2001 hatte ich einen Fahrradunfall, der einen angebrochnen Arm und eine schwere Gehirnerschütterung zur Folge hatte. Der Arzt riet mir, mich so wenig wie möglich zu bewegen, nicht zu lesen, nicht fernzusehen, nicht zu arbeiten. Ich solle mir eine Aus–Zeit nehmen. Plötzlich wurde ich in einen leeren Raum katapultiert. Nichts war mehr wie gewohnt. Ich war auf fremde Hilfe angewiesen. Um mich herum Stille, nichts geschah mehr. Das Leben fand draußen vor meiner Tür statt. Ich lag auf dem Sofa und stellte mir Fragen: Wer bin ich jetzt, wenn ich nicht mehr funktioniere? Bin ich überhaupt noch da, wenn mich keiner mehr sieht? Wer bin ich jenseits der Formen und Konditionierungen?

Die Stille danach
Die Stille wurde immer lauter. Das Denken nahm zu. Ich ärgerte mich, dass ich nicht mehr an meinem Computer sitzen konnte. Sobald ich zuviel tat, wurde mir schwindlig. Also versuchte ich, nichts zu tun und zu schweigen. “Es wird schon vorbeigehen”, tröstete ich mich immer wieder. Dann entdeckte ich etwas: Ich begann in mich hineinzuhören. Ich betrat meinen inneren Raum. Hier war eine Welt, die “in mir” existierte. Was hörte ich? An der Oberfläche war ungeheures Geplapper, Gedanken, die durch mich hindurchrasten. Ich hörte ihnen zu, ließ ihnen den Raum, den sie brauchten. Ich hörte Stimmen von Menschen, die ich kannte. Ich hörte den Widerhall der Lieder, die ich gesungen hatte. Ich hörte Geräusche der Natur: den Wind in Bäumen, Regen, Tierstimmen. Ich hörte plötzlich meiner ”eigenen” Welt zu. Dann versuchte ich, tiefer zu gehen. Ich wollte meine eigene Stimme hören. Die Stimme, die jenseits von konditionierten Programmen existiert. Ich wollte wissen, wer in mir spricht, was sie mir zu sagen hat. Erst als ich wirklich still wurde, nichts mehr erwartete, konnte ich sie hören und wahrnehmen. Ich war erstaunt, wie zufrieden ich in diesen Zuständen sein konnte. Immer häufiger begann ich, nach innen zu reisen. Mir zuzuhören. Schließlich ertrug ich es, dass es immer stiller wurde in mir. Der Raum wurde gleichzeitig größer. Der Unfall ist zu meinem Lehrmeister geworden. Er hat mir Türen geöffnet zu mir selbst.

Veränderungen
Diese Erfahrung hat auch meine Arbeit verändert. Seit etwa 20 Jahren arbeite ich freiberuflich für den Rundfunk – als Autorin und Regisseurin. Das Hören ist ein wichtiger Teil meines Berufes. Ich habe in langen Interviews vielen Menschen aus aller Welt zugehört. Bei den Aufnahmen trage ich immer Kopfhörer, denn so kann ich noch genauer und intensiver lauschen, was mir und wie es mir gesagt wird. Mein Ohr hat somit viele Schwingungen sehr bewusst aufgenommen. Ich habe mit den Stimmen und den Geschichten gearbeitet. Viele Dokumentarsendungen und Hörspiele sind dabei entstanden. Heute ist mein Ohr nicht mehr ausschließlich nach außen gerichtet. Das bedeutet, dass meine Themen andere geworden sind. In den Rundfunkanstalten gibt es noch Vorbehalte gegenüber sogenannten spirituellen Themen. Aber die Zeit ist reif für eine neue Sicht und vor allem für neues Hören – mit Ohren, die auch nach innen horchen können.


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