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Ausgabe Januar/Februar 2005
Wirklichkeit pur

Aristoteles - der unbewegte Beweger

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Im Januar 2005 beginnt mit dem Thema “Aristoteles” eine Weiterbildung zu “den großen PhilosophInnen der Moderne”. Der Philosoph und Autor Lutz von Werder regt zum “Selber-Denken” in einem philosophischen Jahrestraining an, um die Lebensphilosophie der TeilnehmerInnen zu vervollständigen. Andreas Brüning schreibt über Aristoteles’ Lebensstationen.

Charles Darwin sagte einmal, die geistigen Größen seiner Zeit seien “gemessen an Aristoteles einfache Schuljungen“. Aristoteles lebte von 384 bis 322 v. Chr. und interessierte sich insbesondere für die Veränderung in der Natur. Er ging davon aus, dass im Stoff immer das Potential vorhanden ist, eine bestimmte Form zu erlangen. Der Stoff strebt danach, seine innewohnenden Potentiale zu verwirklichen. Jostein Gaarder beschreibt diese philosophische Einsicht in Sofies Welt wie folgt: “Es war einmal ein Bildhauer, der sich über einen riesigen Granitblock beugte. Jeden Tag hieb und hackte er an dem formlosen Stein herum, und eines Tages besuchte ihn ein kleiner Junge. ‚Was suchst du denn?‘ fragte der Junge. ‚Abwarten‘, sagte der Bildhauer. Nach einigen Tagen kam der Junge wieder und nun hatte der Bildhauer ein schönes Pferd aus dem Granitblock herausgemeißelt. Der Junge staunte das Pferd sprachlos an. Dann drehte er sich zum Bildhauer und fragte: ‚Woher hast du das gewusst, dass das darin steckt?‘” Für Aristoteles ist jede Veränderung der Natur eine Umformung des Stoffes von der Potentialität (Granitblock) hin zur Verwirklichung (Pferd).

Lehren des Aristoteles
Die aristotelischen Lehren und Theorien vermitteln wichtige Einsichten in den Bereichen der Physik, Naturphilosophie, Psychologie, Logik, Ethik und Metaphysik. Die aristotelische Metaphysik bezieht sich auf den “ersten Beweger”, der alle anderen Bewegungen in der Welt auslöst. Wenn Gott vollkommen ist, sagt Aristoteles, dann sehnen sich alle Dinge nach dieser Vollkommenheit. Im Gegensatz zur christlichen Theologie beschränkt sich seine “Theologie“ auf das, was die “Wissenschaft” nachweisen kann.

Schüler Platons
Aristoteles war Platons interessantester Schüler sowie Gegenspieler. Er entstammte einer Familie von ÄrztInnen. Er wurde 384 v.Chr. in Stageira in Thrakien, im Norden des heutigen Griechenland, geboren. In jungen Jahren kam er nach Athen und verbrachte 20 Jahre als Schüler in der Platonischen Akademie. Der sechzigjährige Platon und der 40 Jahre jüngere geniale Schüler Aristoteles inspirierten sich einerseits gegenseitig, andererseits kristallisierten sich philosophische Gegensätze heraus – wie beim Aufeinandertreffen zweier Genies zu erwarten. Nach Platons Tod lebte Aristoteles eine Zeit lang in Kleinasien am Hofe des früheren Mitschülers Hermias, der es dort inzwischen zum Herrscher gebracht hatte, und heiratete dessen Nichte und Adoptivtochter. Philipp, König von Makedonien, der Griechenland mit Gewalt einigte, berief ihn dann an seinen Hof, um die Erziehung seines Sohnes Alexander des Großen zu übernehmen.

Eigene Schule
Nach dem Regierungsantritt Alexanders kehrte Aristoteles nach Athen zurück und eröffnete eine eigene Schule, Lykeion (Lyzeum) genannt. In Athen entfaltete er eine ausgedehnte Forschungs- und Lehrtätigkeit. Wahrscheinlich standen ihm außer seinem eigenen Vermögen weitere finanzielle Ressourcen zur Verfügung, die er von Alexander dem Großen erhielt. Aristoteles legte sich eine große Privatbibliothek an und dazu eine naturwissenschaftliche Sammlung mit Pflanzen und Tieren aus der ganzen damals bekannten Welt. Alexander der Große soll seine Gärtner, Jäger und Fischer angewiesen haben, Exemplare aller vorkommenden Pflanzen- und Tierarten zu Aristoteles zu senden. Als Höhepunkt seiner Forschung gilt die metaphysische Entdeckung, dass das Göttliche als unbewegter Beweger zu betrachten ist.

Flucht ins Exil
Gegen Ende der zwölf Jahre, die Aristoteles seiner Schule vorstand, geriet er in politische Bedrängnis. In der Öffentlichkeit galt er als Freund der mazedonischen Politik, obwohl sich sein Verhältnis zu Alexander dem Großen stark abgekühlt hatte. Nach dem frühen Tod von Alexander dem Großen entlud sich der aufgestaute Hass der Athener Bürger in einem plötzlichen Ausbruch der Feindschaft. Aristoteles wurde, wie Sokrates, der Gottlosigkeit angeklagt. Er entzog sich aber dem drohenden Todesurteil durch die Flucht, um, wie er sagte, den Athenern nicht zum zweiten Male Gelegenheit zu geben, sich gegen die Philosophie zu versündigen. Im darauffolgenden Jahr 322 v.Chr. verstarb er vereinsamt im Exil. Es ist nichts Neues, dass ein Staat seine besten Köpfe in die Verbannung schickt und deshalb ist es durchaus an der Zeit, sich wieder mit dem größten Vorbild von Charles Darwin zu befassen.


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