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Ausgabe November/Dezember 2004
Das Herz-Sutra

Auszug aus dem Buch “Der buddhistische Weg zum Glück”.

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Der Dalai Lama erklärt in dem Buch “Der buddhistische Weg zum Glück” die Bedeutung des buddhistischen Begriffs der “Leere”, der im Westen immer wieder falsch verstanden wird. Erst das richtige Verständnis des Wesens der Leere und damit die Einsicht in die wahre Natur der Wirklichkeit ermöglicht jenes tiefe, mitfühlende Verstehen, das zur Befreiung von der Quelle allen Leidens führt und damit hin zu jenem Glück, nach dem wir alle streben. Hier eine zusammenfassende Einleitung von Haidrun Schäfer mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Die Vier Edlen Wahrheiten bilden den Rahmen für die Gesamtheit Buddhas Lehren. Diese sind die Wahrheit vom Leiden, die Wahrheit von der Entstehung des Leidens, die Wahrheit von der Aufhebung des Leidens und die Wahrheit vom Pfad, der zur Aufhebung des Leidens führt. Die Essenz der Vier Edlen Wahrheiten ist, dass wir die Ursachen und Bedingungen für Leiden kennen und verstehen müssen, ebenso wie die Ursachen und Bedingungen für das Entstehen von Glück.

Wechselseitige Abhängigkeiten
Antriebsmotor der Vier Edlen Wahrheiten ist das Kausalitätsprinzip mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung. In den Erklärungen der Zwölf Glieder des abhängigen Entstehens geht Buddha ausführlich darauf ein. Diese Belehrungen basieren auf der Grundannahme, dass alle Phänomene – unsere Erfahrungen, die Dinge und Ereignisse – lediglich als Resultat einer Anhäufung von Ursachen und Bedingungen zustande kommen und in Erscheinung treten. Das führt zur Erkenntnis, dass alle Dinge von Natur aus wechselseitig voneinander abhängig sind und in ihrem Entstehen ganz und gar das Resultat anderer Dinge und Faktoren sind. Einer wesensmäßig abhängigen Natur kann logischerweise keine von anderen Phänomenen unabhängige Natur innewohnen – es muss von etwas unabhängig Existierendem leer sein. Derjenige, der die wahre Natur dieser Leerheit klar versteht, wird von allem Leiden vollständig befreit. Diese Lehre bildet die Grundlage von Buddhas Lehre über die Leerheit, dem Kernstück des Herz-Sutra.

Negative Geisteszustände
Ein großer Teil unseres Unglücklichseins und Leidens rührt von Störungen und Tumulten in unserem Denken und Empfinden. Kleshas sind negative Geisteszustände wie Begierden, Abneigung, Zorn, Stolz oder Eifersucht. Die Konfrontation mit Widrigkeiten an und für sich führt nicht unvermeidlich zu einem verstörten Geisteszustand; auch inmitten widriger Umstände ist der Hauptgrund für unser Unglücklichsein unser eigener undisziplinierter, dem Einfluss der Kleshas unterworfener Geist. Kleshas sind relativer und subjektiver Natur; sie haben keine absolute oder objektive Grundlage. Dies mag am Beispiel von Speisen deutlich werden: Französische, stark verschimmelte Käsesorten essen wir mit Genuss, was Asiaten überhaupt nicht nachvollziehen können – asiatische Delikatessen erwecken bei uns dagegen Befremden bis Abscheu. Im Westen ist “alt” schon fast ein Schimpfwort, während in der tibetischen Gesellschaft dem Alter großer Respekt entgegengebracht wird. Unsere Einstellungen spiegeln Gedanken und Emotionen wider und diese spiegeln zwei prinzipielle Antriebskräfte wider: Anziehung und Ablehnung.

Die leere Natur des Selbst
Wenn wir Gefühle von Verlangen, Wut oder Zorn untersuchen, stellen wir fest, dass diese Emotionen letztlich in unserem Greifen nach dem Objekt dieser Emotion wurzeln. Wenn wir Einsicht in unser Bewusstsein nehmen, können wir erkennen, dass unser Greifen negative und destruktive Emotionen erzeugt. Indem wir die Leerheit verstehen, indem wir die leere Natur aller Phänomene, uns selbst eingeschlossen, klar wahrnehmen, können wir uns von negativen Emotionen befreien. In dem Augenblick, in dem wir Einsicht in die leere Natur des Selbst und aller Realität zu entwickeln beginnen, nimmt der Prozess des Ablassens von unserem verblendeten Greifen seinen Anfang. Indem wir die nach einem Selbst greifende Unwissenheit, das erste Glied abhängigen Entstehens, unterminieren, verhindern wir das Entstehen des zweiten Gliedes und befreien uns schließlich aus dem endlosen Kreislauf leidvoller Leben. Es muss aber klar sein, dass es nur das Selbst, nach dem man als etwas inhärent real Existierendem greift, zu verneinen gilt. Das Selbst als konventionelles Phänomen wird nicht negiert. Diese Unterscheidung muss man begreifen, sonst kann man nicht voll und ganz verstehen, was mit Nicht-Selbst gemeint ist.


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