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Ausgabe November/Dezember 2004
Das können wir klären!

Marshall Rosenbergs gewaltfreie Kommunikation und sein neu erschienenen Handbuches “Das können wir klären”.

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Seine Erfahrungen zeigen Marshall Rosenberg, dass jedem Konflikt ein nicht befriedigtes Bedürfnis zugrunde liegt. Das klingt einfach – hinderlich ist, dass wir in den meisten Fällen nicht gelernt haben, unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu formulieren, geschweige denn die des anderen.

Bedürfnisse
So wie Marshall Rosenberg diesen Begriff gebraucht, können Bedürfnisse “als Ressourcen aufgefasst werden, die das Leben bereithält, um sich selbst zu erhalten. Zum Beispiel hängt unser physisches Wohlergehen davon ab, dass unsere Bedürfnisse nach Luft, Ruhe und Essen erfüllt werden. Unser psychisches und spirituelles Wohlergehen wird verbessert, wenn unsere Bedürfnisse nach Verständnis, Unterstützung, Ehrlichkeit und Sinnhaftigkeit erfüllt werden. Nach meiner Definition der Bedürfnisse verfügen alle Menschen über dieselben Bedürfnisse. ... Was uns unterscheidet, sind die Handlungen, mit denen wir unsere Bedürfnisse erfüllen möchten. Ich habe entdeckt, dass es Konfliktlösungen erleichtert, wenn wir unsere Bedürfnisse von den Handlungsstrategien unterscheiden, mit denen wir diese Bedürfnisse erfüllen können. Bedürfnisse nehmen keinen Bezug auf spezielle Menschen, die spezifische Dinge tun. Das kann als Leitlinie dienen, um Bedürfnisse und Strategien auseinander zu halten. Im Gegensatz zu Bedürfnissen beziehen sich Handlungsstrategien – die im Allgemeinen als Wünsche, Bitten, Sehnsüchte und “Lösungen” bezeichnet werden – auf spezielle Menschen, die ganz spezifische Handlungen ausführen.”
Rosenbergs Ansatz erfordert nicht nur, dass wir lernen, unsere Bedürfnisse auszudrücken, sondern auch, dass wir andere dabei unterstützen, sich ihrer Bedürfnisse klar zu werden. Wir können uns selbst trainieren, Bedürfnisse zu hören, die hinter den Botschaften anderer verborgen sind, ganz unabhängig davon, wie die anderen sich ausdrücken.

Paarbeispiel
Ein Paar ist seit 39 Jahren verheiratet und hat einen Konflikt über das Thema Geld. Kurz nach der Eheschließung hatte die Frau zweimal das gemeinsame Konto überzogen. Seitdem lässt der Mann sie keine Überweisungen mehr tätigen. Marshall Rosenberg macht die Vorhersage, dass dieser Konflikt innerhalb von 20 Minuten gelöst werden kann; von dem Moment an gerechnet, an dem beide Seiten sagen können, was die Bedürfnisse der anderen Seite sind. Er beginnt damit, die Frau zu fragen – die vorher behauptet hat, nach 39 Jahren Ehe sehr gut zu wissen, was der andere braucht – welche Bedürfnisse ihr Mann hat. “Das ist doch offensichtlich: Er möchte einfach, dass ich überhaupt kein Geld mehr ausgebe.” Sofort reagiert der Ehemann: “Das ist doch lächerlich.” Nach Rosenbergs Definition beinhaltet ein Bedürfnis keinen Bezug auf spezifische Handlungen wie “Geld ausgeben” oder “kein Geld ausgeben”. Die Frau versucht es ein zweites Mal: “Er ist ganz genauso wie sein Vater.” Wieder hat das nichts mit Bedürfnissen zu tun. Die Frau liefert eine Analyse, warum er so ist, wie er ist. Sie hat Diagnosen, eine intellektuelle Wahrnehmung, aber seine Bedürfnisse versteht sie nicht. Auf die Frage an den Ehemann, welches Bedürfnis er schützen wolle, wenn er das Scheckbuch vor ihr versteckt, antwortet er: “Sie ist eine wunderbare Frau, aber wenn es um das Thema Geld geht, dann handelt sie vollkommen verantwortungslos.” Auch der Mann ist nicht in der Lage, seine Bedürfnisse zu erkennen und auch er bietet eine Diagnose. Rosenberg glaubt, dass bei Kritik, Diagnosen oder intellektuellen Interpretationen viel zu viel Energie zur Verteidigung und zum Gegenschlag verwendet wird und dass dieser Weg nicht zu Lösungen führt. An dieser Stelle schaltet Rosenberg seine Fähigkeit ein, Bedürfnisse zu erspüren, die aus dem Konflikt heraushelfen können. Er fragt den Mann: “Hast du Angst in dieser Situation, weil du das Bedürfnis hast, die Familie in ökonomischen Belangen zu schützen?” “Das ist doch genau das, was ich sage.” Wenn wir hören können, was eine Person braucht, dann ist es für sie ein großes Geschenk, weil es ihr hilft, Verbindungen zum Lebendigen in ihr aufzunehmen.

Die andere Seite
Jetzt ist der nächste Schritt sicherzustellen, dass der andere es auch gehört hat. Das ist in den meisten Fällen nicht so. Statt dessen versteht die Frau: “Nur weil ich das Bankkonto einige Male überzogen habe, als wir frisch verheiratet waren, heißt das noch lange nicht, dass ich immer so weitermache.” Jetzt wendet sich Rosenberg der Frau zu und übersetzt ihre Botschaft: “Ich vermute, du fühlst dich wirklich tief verletzt und möchtest, dass darauf vertraut wird, dass du aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen kannst.” “Ja, genau.” Es dauerte eine Weile, bis der Mann verstanden hatte, dass es ihr Bedürfnis war, dass ihr vertraut wird. Ab diesem Zeitpunkt dauerte es keine 20 Minuten, um einen Weg zu finden, mit dem die Bedürfnisse von beiden befriedigt werden können.

Bitten
Nach den Schritten, Bedürfnisse auszudrücken und sich mit den Bedürfnissen der anderen Seite zu verbinden, werden Strategien gesucht, die alle zufrieden stellen. Dazu ist es hilfreich, die Bitten in gegenwartsbezogener Sprache auszudrücken. “Ich möchte, dass du am Samstagabend mit mir ins Theater gehst” sagt nichts über den gegenwärtigen Augenblick aus. Vielleicht möchte ich eine Zusage von der Person, ob sie mitkommt. Oder ich möchte, dass sie mir erzählt, wie sie sich bei dem Gedanken fühlt, mit mir auszugehen. Oder ich möchte wissen, ob sie Bedenken hat mitzukommen.
Bitten sollten immer positiv formuliert werden: Ich sage, was ich brauche und nicht, was ich nicht möchte. Auch ist es hilfreich, für Formulierungen klare Handlungsverben zu gebrauchen. “Ich möchte, dass du mir zuhörst.” “Ich höre dir doch zu.” “Nein.” “Doch.” ... ist zu vage. Zuhören ist kein Verb, das eine aktive Handlung ausdrückt. “Ich möchte, dass du mir zurückspiegelst, was ich gesagt habe, um sicher zu sein, dass ich mich verständlich ausgedrückt habe” ist eine klare Formulierung.
Die Bedürfnisse einer anderen Person zu verstehen heißt nicht, die eigenen Bedürfnisse aufzugeben. Dazu gehört auch, bei einen “Nein” auf das Bedürfnis dahinter zu hören und es nicht als Zurückweisung zu empfinden.


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