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Ausgabe November/Dezember 2004
Zeit des Wartens

Auszug aus dem Buch von Lorenz Marti “Wie schnürt ein Mystiker seine Schuhe?” mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlages.

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Warten – mehr als ein mühsamer Zeitraum zwischen einem Vorher und einem Nachher. Die Kirche hat ihm sogar einen ganzen Festkreis gewidmet, den Advent: Vier Wochen lang warten.
Ungeduld, Ärger und etwas Zen
Ich bin mit F. im Restaurant zum Essen verabredet. Da sitze ich jetzt und warte. Es ist Zeit. Doch er ist nicht da. Ich mag keine unpünktlichen Leute. Jetzt ist er schon fünf Minuten zu spät. Ich warte. Leiser Ärger steigt auf. Zehn Minuten. Der Kellner fragt, ob er schon etwas zu trinken bringen dürfe. Nein danke, es kommt gleich noch jemand. Gleich? Vorläufig warte ich. Und schimpfe schweigend in mich hinein. Fünfzehn Minuten. Ich warte und kann gar nichts anderes tun als einfach zu warten. Es ist zum Davonlaufen, doch ich bleibe sitzen. Zwanzig Minuten. Dieser Kerl bekommt etwas zu hören, wenn er endlich erscheint! Doch er erscheint nicht. Fünfundzwanzig Minuten. Wie kann er mich einfach so sitzen lassen!? Nie mehr werde ich mich mit ihm verabreden, nie mehr! Achtundzwanzig Minuten. Und plötzlich steht er da. Ich bin empört und schaue ihn strafend an. Er brummelt eine Entschuldigung. Und es wird schließlich doch noch ein ganz gemütlicher Abend.

Was habe ich in diesen achtundzwanzig Minuten Warten gemacht? Mich genervt und geärgert. Dabei habe ich es doch schon hundert Mal gelesen und gehört: Das Hier und Jetzt allein ist wichtig. Da kann ich mir lange wünschen, F. möge endlich kommen. Tatsache ist: Er ist jetzt nicht da. Was ist falsch daran? Doch letztlich nur meine Vorstellung, er müsste jetzt da sein. Möchte ich ihn nicht um alles in der Welt in diesen gegenwärtigen Moment hineinzwingen, wäre eigentlich alles in Ordnung.
Statt mich zu ärgern, könnte ich das “Sakrament des Augenblicks” (Caussade) feiern. Ein heiliges Ritual, inmitten im belebten Restaurant und ohne dass jemand etwas davon merken würde. Ich könnte mit all meinen Sinnen meine Umgebung abtasten, die Geräusche und Töne aufnehmen, die Bilder, die Gerüche. Ich könnte den Gästen zuschauen, wie sie essen, trinken und miteinander plaudern. Ich könnte den flinken Kellner bewundern, der mehrere Teller gleichzeitig durchs Lokal balanciert. Ich könnte diskret dem Gespräch am Nebentisch zuhören. Oder ich könnte einfach das Nichtstun genießen. Sollte meine drängende Ungeduld aber dennoch stärker sein, könnte ich beobachten, wie diese mich in immer neuen Schüben packt, wie sie sich anfühlt und was sie bewirkt. Als Beobachter würde ich mich weder langweilen noch aufregen – ich würde zuschauen.
Das wäre schon fast eine Zen-Übung. Zen in der Kunst des Wartens. Denn, so der große Zen-Gelehrte D.T. Suzuki: “Zen offenbart sich im langweiligsten und ereignislosesten Leben des einfachen Mannes auf der Straße, dem aufgeht, dass er inmitten des Lebens, wie es gelebt wird, lebt. Zen öffnet die Augen für das größte Geheimnis, wie es sich täglich und stündlich ereignet. Zen lässt uns in der Welt leben, als schritten wir durch den Garten Eden.”
Und ich sitze da im Restaurant und merke in meiner Ungeduld nichts davon. Aber Übung macht den Meister. Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich auf jemanden oder etwas warten muss. Jede von ihnen ist eine Gelegenheit, die Augen zu öffnen und diesen “Zen-Geschmack” für den Garten Eden zu kultivieren.Übrigens: Sara, Abrahams Frau, musste Jahrzehnte warten, bis sie als Neunzigjährige (!) das lang ersehnte Kind bekam. Die Israeliten mussten sich vierzig Jahre lang gedulden, bis sie das Gelobte Land betreten durften. Überhaupt wird in der Bibel auffällig viel gewartet, sogar Gott selber wartet gelegentlich. Das Warten scheint seinen ganz eigenen Wert zu haben. Es ist mehr als nur ein mühsamer Zwischenraum zwischen einem Vorher und einem Nachher. Die Kirche hat ihm sogar einen ganzen Festkreis gewidmet, den Advent: Vier Wochen lang warten. Was sind dagegen die lächerlichen achtundzwanzig Minuten, die ich im Restaurant warten musste?


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