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Ausgabe September/Oktober 2004
Doppelsignale in Beziehungen


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“Wir haben einen Konflikt.” – Das ist die Signalebene. Auf einer anderen Ebene gibt es unabsichtliche, unbewusste Signale, die Doppelsignale – um die und um die Ebene darunter, den Urgrund, geht es in einem Vortrag des Analytikers und spirituellen Lehrers Arnold Mindell, den wir in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlages abdrucken.

Es ist normal, in Beziehungen die Beziehungssignale zu 90 % zu verdrängen. Wir reden miteinander, wir unternehmen etwas miteinander, wir arbeiten miteinander und gleichzeitig vernachlässigen wir alle Beziehungssignale, die nicht direkt mit unserem absichtlichen Kontakt zu tun haben. Deshalb gibt es so viele Beziehungsschwierigkeiten, lang andauernde Spannungen und im schlimmsten Fall auch Krieg.

Doppelsignale aus dem Unterbewusstsein
Es gibt Signale, die wir unabsichtlich senden, und über diese Doppelsignale in Beziehungen möchte ich sprechen. Auf den ersten Blick scheinen Doppelsignale keinen rechten Sinn zu machen. Im Voraus weiß man nie, was hinter einem Doppelsignal verborgen liegt, denn sie sind unbewusst. Nur wenn man sie verstärkt und erforscht, findet man heraus, welche Informationen sie enthalten und was sie ausdrücken wollen.
Ich beschäftigte mich mit der Frage, warum ich Doppelsignalen nicht öfter folge und sie in meine Beziehungen einbringe, obwohl ich doch aus meiner beruflichen Erfahrung weiß, wie wichtig sie sind? Schließlich habe ich herausgefunden, dass ich meine Werkzeuge im Alltag nicht benutzte, weil mir der spirituelle Hintergrund dafür fehlte. Wenn ich nicht weiß, was ich tue und warum ich gewisse Sachen tue, dann gehe ich immer wieder zurück zum Taoismus. In meinem Lieblingsbuch “Tao te king” steht, dass das Tao, das nicht beschrieben werden kann, der Urgrund ist, das Wichtigste. Das bedeutet für meine Arbeit, dass unter den Doppelsignalen und Signalen noch ganz tief unten das Tao ist, das man nicht nennen kann. Dieses Tao ist wie ein Urgrund, ein Urboden oder Gemeinschaftsboden, ein Urgefühl, das wir Menschen alle haben, über das wir uns aber wenig bewusst sind. Das Tao stellte ich mir so vor: Bevor man isst, hat man Hunger, und bevor man weiß, dass man Hunger hat, gibt es ein kleines Magengeräusch. Das ist das Tao, das man nicht nennen kann. Oft fragt man, wer hat das gemacht? Habe ich das gemacht? Nein, das kam aus meinem Magen. Und das ist das Nichtlokale am Tao. Der Kopf kommt nicht mit, der Verstand weiß noch nichts davon, und das ist auch der Grund, warum ich meinen Doppelsignalen nicht immer gefolgt bin: Mein Verstand hat sie nicht verstanden.

Konfliktarbeit unter Ureinwohnern
In Australien hatten wir einmal die Gelegenheit, an einer Konfliktarbeit unter Ureinwohnern teilzunehmen. Das ging so: Die zwei Streitenden kamen zusammen. Der eine sagte: “Wir haben einen Konflikt.” Der andere bestätigte: “Ja, das haben wir.” Der Erste unterstrich: “Einen großen Konflikt!” “Ja, einen sehr großen Konflikt”, bestätigte der andere wieder. Daraufhin sagten sie nichts mehr, sondern machten ein Feuer in der Mitte. Dann stellten sie sich beide davor und schauten still ins Feuer. Nach einer Weile, als ob jemand ein Zeichen gegeben hätte, schauten sie sich wieder an, nickten beide, sagten: “Gut” und gingen auseinander. Da habe ich sie gefragt: “Hey, was habt ihr eigentlich gemacht?” Der eine antwortete mir: “Ich weiß nicht, aber jetzt ist es besser.” Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie diese Menschen mit dieser tiefen Ebene in Kontakt sind und wie sie damit umgehen können. Für mich war das, was sich da abgespielt hat, Mystik, aber für sie ist es Kultur, etwas Selbstverständliches und etwas ganz Mächtiges.

Praxisbeispiel eines Paares
Ein Paar ist zu uns gekommen, beide berufstätig, aber in der Beziehung kamen sie nicht gut miteinander aus. Die beiden saßen sich gegenüber und sprachen miteinander über ihren Beruf. Sie sagte: “Es geht uns nicht gut und wir kommen einander einfach nicht näher.” Dabei hat sie eine Bewegung mit ihren Schultern gemacht. Das Schulterzucken war ein Doppelsignal. Wir haben die Frau gefragt: “Wenn du das verstärken könntest, was liegt hinter dieser Bewegung?” Dann sagte sie: “Ich möchte keine Arme mehr haben. Ohne Arme muss ich nicht mehr handeln, ich will nicht mehr handeln oder irgend etwas tun.” Als sie das sagte, hat ihr Partner gelächelt. Also fragten wir ihn, was hinter seinem Lächeln liegt. Er sagte: “Ah, ich finde das alles lustig, und es ist gar nicht so ernst, wie ich es mir vorgestellt hatte.” “Nicht mehr handeln” und “das ist alles nicht so ernst” sind Doppelsignale. Aber wir wollten noch tiefer in die tiefere Ebene vordringen, zu dem unbeschreiblichen Tao, den Urgefühlen. Deshalb baten wir die beiden, noch tiefer in die Signale einzusteigen, über sie zu meditieren und wahrzunehmen, was geschieht. Nach einer Weile sagte die Frau: “Ich spüre eine Stille, ich bin wie losgelöst, weit weg auf einem hohen Berg sitzend. Ich konnte einfach sein.” Und der Mann sagte: “Ja, da ist jemand, der wirklich losgelöst ist und überhaupt...” Er lachte und entspannte sich gleichzeitig. Sie auf ihrem stillen Berg und er jetzt völlig losgelöst, auf diese Weise haben sie sich wieder gefunden. Es gab grundsätzlich keine Gegensätze. Tiefer unten im unbeschreiblichen Tao, da gab es eine mystische Beziehung.
Man kann also den Doppelsignalen folgen und dann noch weitergehen bis zum Ursprung der Doppelsignale, und dort liegt das Tao, das man nicht nennen kann. Es braucht Meditation und ein wenig Konzentration, um das zu tun, aber das ist der kürzeste Weg, den gemeinsamen Boden zu erreichen.

Beispiel Großgruppe
Wir waren in Dublin, Irland, und haben dort an dem Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden gearbeitet. Wenn wir in Großgruppen arbeiten, dann trennen wir die Parteien nicht, sondern lassen den Dialog zwischen ihnen aufkommen. Es flogen heftige Anschuldigungen durch den Raum. Die Wut und der Hass waren absichtliche Signale. Doch dazwischen gab es immer wieder ganz kleine Pausen, die nicht so richtig mit den Gefühlen von Wut und Hass zusammenzupassen schienen. Ich habe mich gefragt, was diese kleinen Pausen bedeuten. Sind sie ein Doppelsignal oder drücken sie nur das Luftholen aus?
Zwei Männer, einer aus dem Süden und einer aus dem Norden, warfen sich gegenseitig Mord vor. Einer hatte auf seinem Hals einen riesigen roten Fleck. Erst nach einer Weile realisierte ich, dass es ein Doppelsignal sein musste. Deshalb versuchte ich, ihn mit diesem Fleck in Kontakt zu bringen. Ich sagte zu ihm: “Da ist ein roter Fleck auf deinem Hals.” Er wendete sich um und machte große Augen. Das verriet mir, dass ich auf etwas Wichtiges gestoßen war. Der Mann sagte, er hatte vor drei Wochen einen Herzanfall erlitten und er glaube, dass dieser rote Fleck damit in Zusammenhang stehe. Sein Gegner sagte darauf: “Du hattest einen Herzanfall, aber ich habe solchen hohen Blutdruck, dass der Arzt mich gewarnt hat, wenn ich weiter so rumschreie, dann könnte das tödlich für mich enden.” Inmitten dieser Ernsthaftigkeit ist plötzlich auch etwas seltsam Lustiges aufgetaucht. Ich sagte ihnen: “Wenn ihr nicht aufhört, euch so zu verhalten, dann werdet ihr sterben, bevor ihr den anderen umbringen könnt.” Im Raum wurde es ganz still. Der Mann aus dem Süden, der ein Holzbein hatte, war für seine Verhältnisse zu lange gestanden und versuchte nun zu sitzen. Doch der Stuhl schien für diese Art von Behinderung nicht geeignet zu sein. So stand er schließlich wieder auf und bot dem Gegner seinen Stuhl an. Er legte dann sogar seinen Arm um ihn. Das war ein sehr berührender Moment, der uns alle überraschte. Indem sie auf irgendeine Weise tiefer in ihre Signale hineingingen, sind sie wahrscheinlich auf einen gemeinsamen Boden gestoßen und haben dort einen gemeinsamen Nenner gefunden, nämlich den Tod.
Dieser Fall ist ein Beispiel dafür, dass auch in den ausweglosesten Konflikten ein gemeinsamer Boden zu finden ist. Um ihn zu finden, muss man an seiner Wahrnehmung arbeiten und meditieren können. Aber es ist machbar. Wenn man anfängt, das Tao zu verstehen, hat man mit der Zeit das Gefühl, ein Mystiker zu werden.


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