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Ausgabe Juli/August 2004
Jiddu Krishnamurti

Ist die moderne Erziehung nicht gescheitert? Erziehung und das Leben des Menschen aus der Sicht des indischen Lehrers

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Krishnamurti war ein äußerst unabhängiger Geist, der sich nur schwer einordnen lässt. Er selbst hat sich auf keine Philosophie, Weltanschauung oder Religion bezogen. Manche zählen ihn zu den bedeutendsten spirituellen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts (z.B. TIME Magazine, 2000). Andere sehen in ihm einen der wichtigsten Denker und Philosophen dieser Zeit (z.B. der Dalai Lama, 1995 bei der Feier zum 100. Geburtstag Krishnamurtis). Er inspirierte viele namhafte Künstler, Schriftsteller, Psychologen und Pädagogen und gründete insgesamt sieben Schulen, davon fünf in Indien.

Krishnamurti über das Leben des Menschen und die Erziehung
Krishnamurti hat die Vorgänge und Mechanismen im menschlichen Bewusstsein offen gelegt. Er beschrieb eingehend, wie deren Konsequenzen die Ursache für die ständig wachsenden Schwierigkeiten, Probleme und Krisen zwischen den Menschen und Gesellschaften dieser Erde darstellen. Eine seiner wichtigsten Aussagen ist: “Du bist, was die Welt ist und die Welt ist, was du bist.” Was wir also außen sehen - die Konflikte, die Kriege, den Terror, die Sucht nach Ablenkung und Erfüllung, das Verlangen nach Anerkennung, Selbstbehauptung und Macht, die Gleichgültigkeit gegenüber Ausbeutung, Armut und Zerstörung - das alles ist nichts anderes als ein Spiegelbild unseres eigenen Inneren. Tief sitzende innere Angst, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit versucht das Denken durch Wissen, moralische Grundsätze, persönliche Überzeugungen, Religion und Glauben zu bekämpfen und erschafft dabei das um seinen Fortbestand bangende Ich. Dieses innerlich unsichere Ich trennt sich unweigerlich von der Ganzheit des Lebens und Daseins ab und kann nur noch auf sich selbst bezogen wahrnehmen, denken und handeln. Es gerät also zwangsläufig in Gegensatz und in Konflikt zum anderen - zu seinen Mitmenschen wie zur Natur, zur Umwelt, zum ganzen Dasein.
Die grundlegenden Bewusstseinsvorgänge, die zu diesem Ich führen und es am Leben erhalten, sind in uns allen gegenwärtig, weltweit. Es arbeitet in allen Lehrern und Erziehern, in allen Eltern und Verwandten, in der ganzen Gesellschaft. Und so wird es an unsere Kinder weitergegeben. Wir wünschen uns das Beste für sie und dennoch erziehen wir sie mehr oder weniger zur Anpassung an eine Welt, die von einem immer unmenschlicher werdenden Wettbewerbsdruck, dem Zwang etwas darzustellen, von rücksichtslosem Machtstreben, Gewalt und endlosem Leiden beherrscht wird. Müssen wir uns nicht eingestehen, dass diese Form der Erziehung und Lebensweise gescheitert ist?

Bewusstwerden als Schlüssel
Dem stellt Krishnamurti eine vollkommen andere Sichtweise des Lebens und der Erziehung gegenüber. Eine Lebensweise, die aus einem umfassenden Wahrnehmen der Ganzheit unseres Daseins und der inneren Verbundenheit mit allen Dingen und Erscheinungen entsteht. Eine Lebensweise, die auf einer natürlichen Verantwortlichkeit, auf Mitempfinden und auf einer Form von Intelligenz beruht, die alle Faktoren eines Problems einzubeziehen vermag. Dies ist für ihn nicht durch eine neue Methodik, nicht durch eine neue Ethik oder Moral und nicht durch eine Verhaltensänderung oder Umkonditionierung erreichbar. Er weist überzeugend nach, wie all das nur weiter zum Fortbestehen der gegenwärtigen Situation beiträgt.
Für Krishnamurti ist einfaches, unmittelbares und nicht eingreifendes Bewusstwerden der Schlüssel zu einer wirklich grundlegenden Veränderung. Bezogen auf die Erziehung ist dieses Bewusstwerden nicht vorrangig etwas, das den Kindern und Jugendlichen beigebracht werden kann oder muss. Dieses Bewusstwerden ist vor allem anderen die Aufgabe der Eltern, Lehrer und Erzieher, ja eigentlich die Aufgabe von uns allen, den Erwachsenen. Wir bilden das Umfeld, an dem sich das sich entwickelnde Bewusstsein der Kinder ausrichtet und aus dem es aufnimmt, was dort an Denk- und Verhaltensweisen vorherrscht. Unser tatsächliches inneres Sein entscheidet also darüber, wie sich die kommenden Generationen entwickeln können.
Rajesh Dalal, Direktor der größten Krishnamurti-Schule in Indien, wird in seiner Einführung zum Thema und bei den Workshops am Samstag auf diese Form der Erziehung aus seiner 28jährigen praktischen Erfahrung näher eingehen. Einen tieferen Einblick in Krishnamurtis Sicht- und Betrachtungsweise vermittelt ein Auszug aus einem seiner Briefe an seine Schulen, der im Anschluss abgedruckt ist. Krishnamurti hat ein äußerst umfangreiches Werk hinterlassen. In Deutsch sind derzeit über 30 Buchtitel erhältlich. Viele seiner Reden und Gespräche wurden auf Tonband oder Video aufgezeichnet. Informationen dazu sind bei der Veranstaltung ausgelegt.


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