aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Mai/Juni 2004
Höhere Gymnastik oder Anschirrung an das Göttliche?

Anmerkungen zur Philosophie des Yoga von Jochen Kirchhoff

art31054
Was als Yoga bekannt ist (meist ist das sogenannte Hatha-Yoga gemeint) erfreut sich ungebrochener Popularität und dies schon seit Jahrzehnten. Kaum eine Volkshochschule, die nicht auch Yoga-Kurse anbietet. Woher diese Popularität, diese enorme Breitenwirkung? Was erhofft sich der Westmensch von einer Praxis, die seit alters mit fernöstlicher Spiritualität verbunden ist und hier im Laufe von Jahrtausenden einen hohen Grad an Differenzierung erreicht hat? Glaubt er ernsthaft, sich mittels Yoga an das Göttliche anzujochen oder anzuschirren? (Das ist ja die Ursprungsbedeutung von Yoga: Joch, im Sinne der Anjochung an den kosmischen Urgrund, der die Gottheit/das Göttliche ist.)

Höhere Leibesübung
Die Frage ist schwer zu beantworten, weil hier allenthalben Erwartungen, Hoffnungen, Sehnsüchte das Feld bestimmen, häufig gemischt mit Täuschung und Selbsttäuschung, die dem Westmenschen suggerieren, er könne hier der eigenen Ratio, dem eigenen Zweifel entfliehen und sich einklinken in einen uralten Kraftstrom, der ihn trägt und gewissermaßen von sich selbst befreit. Generell liegt die Faszination fernöstlicher Spiritualität gerade hierin: Weg vom eigenen Quellgrund, von der eigenen Kultur und Geschichte und – und dies vor allem – weg vom ewig quälenden und ewig nörgelnden Ego. Geht diese Rechnung auf? Das lässt sich kaum durchweg bejahen. Das Ego quält weiter und nörgelt weiter, durch alle Asanas hindurch, die der jeweils favorisierte Yoga-Meister anleitet. Ist also Yoga, wie Kritiker argwöhnen, doch nur so etwas wie (bestenfalls!) höhere Gymnastik, höhere “Leibesübung” und der Rest allenfalls Zusatz, Dekor oder pure Ideologie? Zu diesen Kritikern – das darf in Erinnerung gerufen werden – gehörte auch der große Psychologe C.G. Jung und es gibt gute Gründe, ihn ernst zu nehmen. Für C.G. Jung war der Großteil der Hatha-Yoga-Praxis Flucht und Ausflucht, eine Art Ausweichmanöver vor der geistig-seelischen Herausforderung, mit der der abendländische Mensch konfrontiert ist: der des Selbst, der Individuation (=Selbstwerdung).

Raja-Yoga
Wenig bekannt ist, dass es Formen des sogenannten Raja-Yoga (=das “königliche Yoga”) gibt, in denen Asanas, fixierte Körperpositionen überhaupt, gar keine oder eine verschwindend geringe Rolle spielen. Raja-Yoga kann auf vielfältige Weise praktiziert werden, als Naturmeditation genauso wie als Musikmeditation. Ich selbst habe schon in den späten 80er Jahren ein eigenes Klang-Yoga-System entwickelt und in Seminaren praktiziert. Der Klang, der hier im Zentrum steht, ist die klassische Musik der westlichen Tradition (siehe Buchtipp “Klang und Verwandlung”).
Raja-Yoga, in einem etwas weiter gefassten Sinn, ist ein geistiges Yoga, eine Form geistiger Disziplin, die dem Einzelnen einen Weg der Bewusstseinsentwicklung, der höheren Bewusstwerdung, aufweist und dies ohne die Möglichkeit, Verantwortung – vor allem die für sich selbst – zu delegieren, wie dies in fast allen “Guru-Traditionen” geschieht, auch den subtilsten. Ich glaube, dass es dem mehrheitlich aus dem kosmischen Lot geratenen Menschen der herrschenden Bewusstseinsformation vor allem anstünde, sich im tiefsten Sinne selbst zu ergreifen oder, wie der romantische Dichter Novalis schreibt, “sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen”. Genau dies ist genuines “westliches Yoga”. Asanas mögen dann zusätzlich praktiziert werden; essenziell sind sie nicht. Möglich sogar, dass sie “stören” oder ablenken. Gerade im Hatha-Yoga liegt auch die Gefahr eines subtilen Materialismus, einer Körperbezogenheit, die das Physisch-Sinnliche nicht überschreitet, sondern gerade festzurrt, also das Gegenteil von dem erreicht, was idealiter angestrebt wird.

Der Weg des königlichen Yoga
Letztlich können wir der Frage nicht ausweichen, worum es überhaupt geht in der menschlichen Existenz, was es auf sich hat mit dem Menschen generell und dem je Einzelnen. Dieser Einzelne ist im Kern immer auf sich selbst zurückgeworfen, kann sich nie entgehen (und darf sich auch nicht entgehen). Jeder Tod ist einzeln und individuell. Täusche dich nicht darüber! Ich glaube, dass jede Spielart des spirituellen Kollektivismus auf Selbstbetrug und Selbstverrat hinausläuft. Gerade das Selbst, so verhöhnt und missbraucht, bedarf der Stärkung: Über das vertiefte Ich zum ICH. Über das kleine zum Großen ICH. Dies ist der Weg des “königlichen Yoga”, wie ich ihn verstehe.

Das Ziel
Es gibt starke Indizien für die Annahme, dass kosmisches Werden Bewusstseinswerden ist, dass der äonenlange Zug durch die inkarnierten Formen auf einen höchsten Zustand der Bewusstheit abzielt, den man als Atman-Bewusstsein bezeichnen könnte, ohne dass es sinnvoll wäre, an diesem Begriff zu kleben. Es gibt analoge Begriffe. Wenn auch nur der zarteste Verdacht besteht, dass dem Menschen so etwas wie das Atman-Bewusstsein sozusagen als Geburtsrecht zukommt (wie auch das Buddha-Sein), dann dürften wir keine Sekunde zögern, uns auf den Weg zu machen. Gibt es das menschenmögliche höchste Ziel, muss es im Prinzip erreichbar sein. Und zwar für jeden wirklichen Menschen, der sich seines eigenen kosmisch-anderweltlichen Potenzials bewusst wird. Wenn es das Ziel gibt, ist es erreichbar. Und: Wenn es das Ziel gibt, ist es – für jeden Einzelnen – schon jetzt eine kosmische oder andersweltliche Wirklichkeit. Ich betone: schon jetzt! Und so gilt mit nur geringen Einschränkungen: Du gehst den Weg, weil du immer schon angekommen bist! Und weil dies so ist, gibt es dich überhaupt...


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.