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Ausgabe Mai/Juni 2004
Yoga - ein ganzheitlicher Übungsweg für Körper und Geist

Eine Einführung von Dr. Ulrike Döring

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Wem kämen bei dem Gedanken an Yoga nicht verbogene, schlanke Körper in den Sinn, denen es - wie auch immer – gelingt, in akrobatischen, knotenähnlichen Posen minutenlang auszuharren! Yoga steht für uns westliche Menschen zunächst für eine spezielle Form der Gymnastik, die ihren Ursprung in Indien hat und dort von ausgemergelten Asketen mit Lendenschurz praktiziert wird. Als Trend aus den USA hat Yoga nun auch in den hiesigen Fitness-Studios Einzug gehalten und wird dort u.a. als “Power-Yoga” gewinnbringend an Körperbewusste verkauft. Sie kommen und machen ihre Übungen, genauso wie “Bauch – Beine – Po”, “Fatburner “Callanetics” etc. und gehen wieder. Sonst passiert in der Regel nichts. Sicher ist wichtig und richtig, dass es für jedes Interesse ein Angebot gibt und sich jeder das heraus sucht, was er für sein Wohlbefinden braucht. Aber mit Yoga hat das nur am Rande zu tun. Yoga ist mehr, viel mehr als Gymnastik mit ein wenig Entspannung.

Yoga als ganzheitliches Lebenskonzept
Das Wort “Yoga” kommt aus dem Sanskrit und bedeutet “Vereinigung, Einssein”. Oberstes Ziel ist es, durch Einheit von Körper, Geist und Seele Leiden aller Art zu beenden und im Hier und Jetzt glücklich zu sein. Um das zu erreichen, wird die Vereinigung des “Höheren Selbst” (atman) mit dem Göttlichen bzw. der universellen Kraft angestrebt. Als ganzheitliches, physio- und psychologisches Lebenskonzept mit umfangreichen geistig-spirituellen Prinzipien führt Yoga durch körperliche und mentale Praxis dorthin. Dieser Weg ist nicht immer einfach. Er erfordert Disziplin, regelmäßige Praxis und Aufrichtigkeit und Bewusstheit im täglichen Leben. Aber dafür belohnt er mit Freude und Entspannung, Klarheit und innerer Ruhe – Dinge, die uns in unserem heutigen Leben häufig abhanden gekommen sind.

Über 2500 Jahre Tradition
Das Yoga-Konzept ist ein uraltes Erbe der Menschheit. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob Yoga bereits in der Indus-Kultur (3000-1800 v. Chr.) bekannt war oder erst später durch arische Einwanderer nach Indien kam. Impulse bekam die Entwicklung des Yoga aus dem Vedismus (1500-900 v. Chr.), dem Brahmanismus (900-300 v. Chr.) und dem Hinduismus (ab 300 v. Chr.). Die ersten schriftlichen Belege über yogische Techniken finden sich in den Veden (etwa 700 v. Chr.), den ältesten heiligen Schriften Indiens. Der zweite Teil dieses Grundlagenwerkes, die 200 Upanishaden, sind Basis für alle weiteren klassischen Yoga-Schriften wie Patanjalis Yoga-Sutren (200 v. Chr.), die Bhagavadgita (ein Dialog zwischen Krishna und Arjuna, dem Heerführer, entstanden 500 v.Chr. zur Zeit Buddhas, Teil des indischen Epos “Mahabharata”) und andere.

Unkonfessionell und universell
Die Entwicklung von Yoga ist eng mit der indischen Kultur und ihrer Religionsgeschichte, besonders dem Buddhismus und Hinduismus, verbunden. Dennoch versteht sich Yoga nicht als Religion. Ganz im Gegenteil: Es ist überkonfessionell und universell und vereint Religionen, Weltanschauungen und Philosophien. Ein Christ wird Yoga ebenso als eine spirituelle Bereicherung erleben wie ein Moslem oder ein Atheist.

Yoga ohne Körperübungen
Nicht zu jeder Yoga-Form gehört zwingend die körperliche Praxis. So zum Beispiel das Prinzip des Karma-Yoga: Es besteht darin, Egoismus abzulegen, persönliche Interessen zurückzustellen und stattdessen Nächstenliebe und selbstlosen Dienst am Mitmenschen zu üben. Im Bhakti-Yoga verbindet man sich mit dem Göttlichen in tiefer Liebe. So ist man in der Lage, das Göttliche in jedem Menschen, in jedem Tier und in jeder Pflanze zu sehen. Unter Jnana-Yoga versteht man den Weg der (Selbst-) Erkenntnis und des Selbstbewusstseins. Die Erkenntnis wächst durch geistige Reflektion über Lehren und Schriften, das Zwiegespräch in der Gemeinschaft (satsang), die Meditation und die Annahme eines spirituellen Lehrers. Dieses neue Bewusstsein kommt im Alltag durch aufrichtiges Handeln zum Ausdruck. All diese unterschiedlichen Praktiken des Yoga können den Yogi im besten Falle zu seinem höchsten Ziel bringen – dem Einssein, “samadhi” in Sanskrit.

Der Königsweg
Wissen und Erkenntnis sind auch Voraussetzungen für Raja-Yoga, das als der königliche Yogaweg gilt. Ein Raja-Yogi ist nicht mehr abhängig von seinen Stimmungen und Gefühlen, von körperlicher Befindlichkeit und Sinneswahrnehmung oder gar der Meinung anderer. Wie ein König ist er Herr seiner selbst und lässt sich nicht vom Außen bestimmen. Er kontrolliert Körper und Sinne - und damit den Geist. Dadurch wird er frei. Diese Freiheit (moksha) erreicht der Yogi über den achtfache Pfad – ein Weg, der strengen ethischen und moralischen Grundsätzen unterliegt.

Der achtfache Pfad
1. Stufe
In der ersten Stufe muss sich die Erfüllung der Yamas vollziehen, der fünf moralischen Tugenden für ein Yoga-Leben: Nicht-Gewalt (Ahimsa) in Gedanken, Worten und Taten gegenüber allen Wesen ist die erste wichtige Anforderung. Schlecht über andere zu denken, sie zu beschimpfen oder gar zu töten, kommt für einen Yogi nicht in Frage. Vielmehr liebt er die Wahrheit (Satya) und betrügt und stiehlt nicht (Asteya) – im Kleinen wie im Großen. Er zügelt seinen Wunsch nach Sinnesgenüssen und kann enthaltsam sein (Bramacharya). Er löst sich von Besitz und Begehren, von seinem Ego und “Mein” und “Dein” (Aparigraha).

2. Stufe
Die zweite Stufe erreicht man durch das Einhalten der Niyamas, der fünf ethische Regeln: Ein Yogi strebt nach innerer, äußerer und mentaler Reinheit (Saucha) und wird sich niemals gehen lassen. Bei Stress und Konflikten zeigt er heitere Gelassenheit und Verständnis (Santosha). Er ist pünktlich, diszipliniert und leistet freiwilligen Verzicht (Tapas). Er betreibt Selbstanalyse und Selbsterkenntnis, ist sich seiner selbst bewusst (Swadhyaya) und vertraut auf Gott (Isvara-Pranidhana).
Yamas und Niyamas umfassen die beiden unteren Stufen des achtfachen Pfades – mit ihnen praktiziert man Kriya-Yoga. Bedeutende Yoga-Weisen wie Iyengar sprechen von ihnen als Wurzeln eines Baumes, die das Fundament für ein Leben in Wahrheit, Aufrichtigkeit und Liebe bilden. So ist auch für die meisten Yoga-Richtungen die Einhaltung der Yamas und Niyamas unabdingbar.

3. Stufe
Erst auf der dritten Stufe folgen die Asanas, die Körperübungen, mit denen Yoga üblicherweise bei uns assoziiert wird. Es gibt mehrere hundert Positionen, die sehr unterschiedliche Wirkungen auf den Körper oder einzelne Bereiche haben, z.B. Stoffwechselprogramme, Wirbelsäulenübungen, Verdauungsanreger, Gelenkaktivierung, Zellaufbau usw. Neben den Asanas, den festen Posen, gibt es auch Kriyas wie z.B. den Sonnengruß (surya namaskar). Bei Kriyas verbinden sich Einzelstellungen zu einer fließenden Bewegung. Dazu kommen Hathaats und Hathenas, spezielle kräftigende Techniken und Positionen sowie Mudras, die neuromuskulären Hand- und Körpergesten. Alle Übungen haben das Ziel, den Körper in Harmonie zu bringen, Krankheiten vorzubeugen oder vorhandene zu heilen. Sie erfordern Konzentration und beruhigen den Geist.

4. Stufe
Die Asanas können nur in Verbindung mit der richtigen Atmung wirken. Diese Disziplin des Yoga heißt Pranayama und ist die vierte Stufe auf dem achtfachen Pfad. Pranayama-Yoga, die Wissenschaft des Atems, bedeutet die Kontrolle der universellen Energie “prana”, die sich u.a. in unserer Atemluft befindet. Durch vielfältige Atemtechniken kann sie gezielt in den Körper aufgenommen und dem Nervensystem zugeführt werden. Zusammen mit “prana” gelangt auch reichlich Sauerstoff – unser Lebenselixier – in den Körper.

5. – 8. Stufe
Die Stufen fünf bis acht auf dem achtfachen Pfad lassen sich nur durch Meditation erreichen. Zunächst werden die Sinne von der Welt zurückgezogen (Pratyahara), dadurch verstärkt sich die Konzentration (Dharana), die ein entspanntes Beobachten der Welt ermöglicht, ohne sich in ihr zu verstricken (Dhyana). Am Ende dieses Weges steht “Samadhi”, der Zustand der Einheit, der Glückseligkeit. Yoga im Alltag
Mit Yoga beginnt ein kontinuierlicher Erkenntnis- und Reinigungsprozess auf allen Ebenen. Alles, was uns behindert und unser wahres Wesen verdeckt, löst sich nach und nach auf. Das Leben wird leichter, wir erfahren mehr Freude und Zufriedenheit. Voraussetzung ist, dass wir nicht nur yogisch sind in der Stunde unserer Übungen, sondern in jedem Augenblick unseres Lebens. Es ist wichtig, sich als Begleitung einen qualifizierten und persönlich gereiften Yogalehrer (Mann oder Frau) zu suchen, zu dem man Vertrauen hat und bei dem man sich wohl und angenommen fühlt. Am Anfang erfordert Yoga etwas Disziplin und Übung, aber der Erfolg stellt sich bald ein. Von großem Vorteil ist es, wenn es gelingt, Yoga als festen Bestandteil in den Tagesablauf zu integrieren. Den Morgen mit einer Meditation und ein paar leichten Asanas zu beginnen, ist ein wunderbarer Start in einen erfüllenden Tag.


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