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Ausgabe Mai/Juni 2009
Aufwachen!


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Vor 10 Jahren gründete der Psychotherapeut Christian Meyer in Berlin das spirituelle Zentrum „zeit-und-raum“. Seine Vision: Menschen auf dem Weg inneren Erwachens zu unterstützen. Haidrun Schäfer sprach mit Christian Meyer - anlässlich seines neuen Buches mit dem Titel: „Aufwachen – der Weg der inneren Erfahrung“.

KGS: Was heißt Aufwachen?

Christian Meyer: Das „Aufwachen“ ist eine grundlegende Veränderung, die früher meistens Erleuchtung genannt wurde. Die Inder bezeichnen es als „Befreiung“ oder „Verwirklichung“. Darin kommt zum Ausdruck, dass der Mensch durch diese Transformation erst wirklich wird und seine tatsächliche Natur verwirklicht. Die christliche Mystik bezeichnete es als den „Durchbruch in den göttlichen Grund“ oder als Erleuchtung. Wir nennen es Aufwachen, weil Erleuchtung missverständlich ist. Erleuchtung klingt so, als wenn eine Person erleuchtet wird, d.h. dass zu ihr etwas hinzugefügt wird. Aufwachen oder Erleuchtung bedeutet aber zu erkennen, dass da gar keine Person ist und deswegen bevorzugen wir den Begriff Aufwachen. Allerdings wird dieser Begriff heute auch schon wieder verwässert, denn oft wird damit nur ein lebendiger werden oder eine wachere bewusstere Aufmerksamkeit bezeichnet. Ich meine den Begriff des Aufwachens in einem sehr grundlegenden Sinne. Es geht um eine innere Transformation, die eine völlige innere Veränderung bedeutet, die dazu führt, dass der Verstand still wird und dass kein Ich-haftes Gefühl mehr da ist. Es gibt niemanden mehr, der etwas tut. Stattdessen stellt sich eine Art Schweben in einem unendlichen Raum der Stille ein, die Erfahrung einer tiefen Stille und eines zeitlosen Friedens, die immer wieder begleitet ist von einem tiefen Glück und Glückseligkeit.


Kann man sagen, dass sich der Raum des Bewusstseins, der
ja außerhalb von unseren fünf Sinnen existiert, vergrößert?

Nicht vergrößert, sondern überhaupt erst findet. Es ist nicht eine Erweiterung von etwas, was schon da ist, sondern es ist wirklich das Betreten einer ganz anderen Dimension, die vorher nicht gekannt wurde. Es ist keine Erweiterung oder Verlebendigung – es ist eine so radikale Veränderung, dass man merkt: Es ist eine neue und andere Art dazusein und man erkennt, dass der vorherige Zustand wie ein Schlafwandel war. Es ist eine neue Daseinsweise und Wahrnehmungsweise – man handelt von einer ganz anderen Ebene aus. Die bisherige Wahrnehmung, die auf dem Zentrum eines Ich basierte, wird weggefegt und hinterlässt etwas völlig Neues.


Ist das Erwachen ein Aha-Erlebnis oder wächst man da hinein?

Sowohl als auch. Ich habe Schüler, bei denen der Prozess des Hineinwachsens deutlich zu beobachten ist. Sie machen eine Erfahrung von tiefer Stille und Unendlichkeit, in der der Verstand still ist. Diese Erfahrung dauert eine oder zwei Stunden an und verschwindet dann wieder. Der Prozess besteht darin, dass die Erfahrungen zunehmen und später nicht nur in Gegenwart des Lehrers auftreten, sondern auch alleine. Und irgendwann gibt es einen Erdrutsch, wo plötzlich alles aufhört. Und nachdem alles aufgehört hat, ist diese Stille des Verstandes keine Erfahrung mehr über einen Zeitraum, sondern die dauerhafte Daseinsweise. Ich glaube, dass der Erdrutsch eine bestimmte Struktur hat. Es fühlt sich so an, als wenn man nach Innen in einen Abgrund fällt. Dieser Abgrund wird immer enger, je weiter man sich fallen lässt. Gleichzeitig verändert sich der Atem und wird immer weniger, immer zarter. An dieser Stelle haben viele Menschen Angst zu ersticken. Wenn sie in der Lage sind, dieser Angst zu begegnen und sie auszuhalten, dann geht das Fallen weiter durch einen noch engeren Tunnel und irgendwann – irgendwann weitet sich der Abgrund und aus dem Fallen wird ein Schweben, später ein Fliegen und dann erkennt man das Eins-Sein. Ich glaube, das ist die vollständige Erfahrung des Aufwachens. Dieser Zustand hat Ähnlichkeit mit Nahtoderfahrungen – wir sind dabei, das zu erforschen. Wichtig ist, das Fallen in diesen tiefen Raum und die offene Begegnung mit der Angst zu sterben zuzulassen, denn wenn man tief Luft holt, kommt man wieder nach oben und dann ist es vorbei. Ich glaube, dass Menschen aufwachen können, ohne durch diesen tiefen Abgrund zu kommen, aber dass dann das Aufwachen zu flach und auch nicht dauerhaft ist. Wenn sie aufwachen, ohne durch diesen Abgrund zu kommen, müssen sie dieses Erleben, das die Mystiker früher das “innere Sterben” genannt haben, nachholen. Es sind bestimmte Schichten, die man einfach durchschreiten muss. Da ist die Schicht der Leere, die mit diesen existentiellen Ängsten zu tun hat, mit der Angst vor der Bodenlosigkeit, der Auf-lösung in der Leere, dem vollkommenen Alleinsein und dem Sterben selbst. Manche durchleben diese Schicht in fünf Minuten, manche brauchen Wochen. Meistens taucht sie einige Male auf. Die Zeiträume sind individuell, aber die Struktur ist immer die gleiche.


Was ist das Ergebnis, wenn man aufgewacht ist?

Der Verstand ist still. Das Ergebnis ist, dass diese scheinbare Realität um uns herum nicht mehr als wirklich wahrgenommen wird. Es löst sich auf und stattdessen ist dieser unendliche, zeitlose Frieden und die Erkennt-nis, dass du selber dieser Frieden bist. Und ab dem Moment ist kein ‚Ich’ mehr. Kein ‚Ich brauche, ich tue, ich sollte...’. Zuerst hat man noch das Gefühl, dass man schwebt. Da gibt es noch jemanden in einem Raum. Selbst das Fliegen ist noch eine Erfahrung in einem Raum. Und dann schlägt es plötzlich um und du bist der Raum selbst. Das ist die Erfahrung des Aufwachens, die wirklich tief geht und ab da gibt es wieder einen Pro-zess. Das Aufwachen weitet sich in die verschiedenen Lebensbereiche aus und vertieft sich immer weiter.


Was ändert sich in der Alltagsrealität?

Normalerweise erlebt oder tut ein Mensch etwas und anschließend bleibt das Erlebnis oder die Tat in den Gedanken: Man denkt darüber nach, ob man etwas richtig gemacht hat oder man erinnert sich an eine schöne Situation oder man überlegt sich, wie man sich hätte besser verhalten können.
Dadurch bleibt ein Ereignis in den Gedanken und der Mensch hat ein Gefühl von Kontinuität. Wenn du aufgewacht bist und du erlebst etwas, dann erlebst du den Augenblick und danach verschwindet das Erlebte, weil keine Gedanken übrig bleiben. Das Erlebte hinterlässt keine Spuren im Gedächtnis und dadurch erlebst du den Tag viel länger. Die Ereignisse bleiben still, weil man innerlich mit den Gedanken nichts mehr tut. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Es ist ja klar, dass dadurch alles viel intensiver wird, weil ich in dem Moment ganz da bin. Trotzdem gibt es gleichzeitig eine Art Beiläufigkeit, die einhergeht mit einer tiefen Gelassenheit. Gleichzeitig intensiv und gelassen. Dich gleichzeitig tief berühren lassen und still sein. Es ist wirklich sehr schön.


Und wann sind Sie erwacht?

Ich hatte vor 10 Jahren meinen Lehrer Eli Jaxon-Bear kennen gelernt und einen Enneagramm-Kurs bei ihm gemacht. Ein paar Wochen später nahm ich an einem zweiwöchigen Retreat in Italien teil und danach bin ich aufgewacht. Mit diesem Aufwachen hat sich meine Arbeit als Psychotherapeut radikal verändert und 1999 habe ich mit der spirituellen Arbeit angefangen und begonnen, wöchentliche Treffen anzubieten.


Was passiert bei den Treffen?

Gerade ist ein Buch von mir im Kamphausen-Verlag erschienen: „Aufwachen – Der Weg der inneren Erfahrung“. Es enthält die wichtigsten Lehrgespräche und Übungen, die während eines zweiwöchigen Retreats vor drei Jahren gemacht wurden. In diesem Buch ist die konkrete Arbeit sehr schön nachvollziehbar. Es ist kein theoretisches Buch, sondern stellt die konkrete Arbeit auf der Basis von Tonbandprotokollen dar. Das Lesen ist wie eine Teilnahme an dem Retreat.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!


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