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Ausgabe Mai/Juni 2009
Wenn mehr, mehr, mehr – nicht mehr geht

Von Marc Rackelmann

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„Masters of the Universe“ nannten sich – nur halb im Scherz – die Banker, die zu ihrem eigenen Nutzen irrwitzige Geldbeträge verschoben haben. Solange, bis das System des immer mehr und immer weiter in der Finanzkrise kollabierte. Wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau sollte aus der armseligen Hütte erst ein stattliches Haus, dann ein Palast werden. Am Schluss wollte sich des Fischers Frau nicht mehr damit zufrieden geben, Kaiser und Papst zu sein – sie wollte nicht eher ruhn, bis sie zu Gott selbst geworden war. Wir wissen, wie das Märchen endet: Das Paar saß wieder da, wo es begonnen hatte.
Die Finanzkrise wurde für ihre Akteure auch zu einer persönlichen, narzisstischen Krise. Wer bin ich, wenn ich mein Ego nicht durch noch mehr Geld auf meinem Konto, noch teurere Autos und noch schönere Frauen stützen kann? Narzissmus ist die Leit- (und Leid-)haltung unserer Gesellschaft. Die über ihre aufgeblasenen Egos gestolperten Banker sind zwar dem allgemeinen Ärger und der Schadenfreude preisgegeben, völlig fremd ist dieser Charakterzug jedoch den wenigsten Menschen in unserem Kulturkreis. Da er aber so allgegenwärtig ist, ist seine Gestalt für uns manchmal schwer erkennbar. Was macht den Narzissmus im Kern aus?
Im Kern jedes Narzissten befindet sich ein Loch, ein unersättliches, schwarzes Loch, in dem alle Bestätigungen und alle Erfolge zu verschwinden scheinen. Wie ein Süchtiger muss ein Narzisst die Dosis nach Anerkennung von außen immer weiter erhöhen, um das Loch nicht spüren zu müssen. Narzissten setzen alles daran, möglichst nie mit diesem Loch in Kontakt zu kommen. Es fühlt sich bedrohlich und vernichtend an – wie der Tod. Narzissten stellen unrealistische Anforderungen an sich und das Leben. Sie stehen unter einem immensen Leistungsdruck und sind, egal, wie sie sich zu amüsieren scheinen, im Kern sehr unglücklich und einsam. Da die Wirklichkeit den narzisstischen Ansprüchen selten genügen kann, kennen alle Narzissten depressive Phasen. Die tiefe Überzeugung, versagt zu haben, macht sich dann breit.
Was bringt Menschen zu der Überzeugung, aus sich heraus nichts wert zu sein und nur durch permanente Leistung ihre Existenzberechtigung zu verdienen?
Die narzisstische Wunde hat ihren Ursprung in dem Gefühl, als Kinder von unseren Eltern nicht – genügend – gesehen worden zu sein. Vielleicht waren sie selbst so voll mit eigenen Problemen, dass für uns emotional wenig Platz war; vielleicht brauchten sie uns als kleinen Verbündeten im Kampf mit dem Leben; vielleicht sollten wir für sie das erreichen, was ihnen selbst verwehrt geblieben war. Das Kind fühlt: „Wenn ich das nicht bekomme, was ich eigentlich brauche – Einfühlung, Interesse an meinem Wesen - dann bedeutet das, dass mit mir etwas nicht in Ordnung sein kann. Nur wenn ich mich anstrenge und die an mich von außen gestellten Anforderungen erfülle, bin ich richtig.“
Und so entsteht das narzisstische „falsche Selbst“, dessen Gefühlsqualitäten und Haltungen ich oben kurz umrissen habe. Da das falsche Selbst zwangsläufig Krisen verursacht, trägt es den Kern zu seiner Überwindung bereits in sich. Von uns Betroffenen braucht es die Bereitschaft, den Schmerz zu spüren und die Scham darüber wahrzunehmen, dass wir beschämt worden sind. Dann können wir aus dem Kreislauf von Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen, beschämen oder beschämt werden, aussteigen. Da die Ressourcen unseres Planeten endlich sind, kommt diese Bewusstseinswandel nicht nur unserem eigenen Seelenheil zugute. Wir erhalten damit auch die Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen.

Marc Rackelmann ist Diplom Politologe und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er arbeitet als Körperpsychotherapeut in eigener Praxis in Berlin Friedenau mit Einzelnen, Paaren und Gruppen. www.praxis-rackelmann.de

Literatur: Heinz Kohut: Narzissmus, Frankfurt a. M., 1976 - Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt a. M., 1997 - Stephen M. Johnson: Der narzisstische Persönlichkeitsstil, Köln, 2000 - Heinz-Peter Röhr: Narzissmus. Das innere Gefängnis, München, 2005


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