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Ausgabe Mai/Juni 2009
Das innere und das äußere Glück

Der Psychologe Ofir Touval im Gespräch mit Haidrun Schäfer über die essenzielle Frage nach Erfüllung im Leben.

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Haidrun Schäfer: Wir leben in einer Gesellschaft voll materiellem Überfluss. Warum sind viele Menschen nicht glücklich und führen ein erfülltes Leben?

Ofir Touval: Darf ich mit einer Gegenfrage antworten? Was hat es mit dem Wunsch nach Erfüllung im Ursprung auf sich? Wenn wir uns unsere Wünsche etwas genauer anschauen, stoßen wir in der Regel auf Geld, Liebe und den Zweitwagen vor dem Eigenheim. Die Frage ist, WAS wir in Wirklichkeit damit meinen, wenn wir uns z.B. ein Haus wünschen? Wollen wir ein Haus oder ein Zuhause? Wenn wir Gesundheit anstreben, geht es um die Abwesenheit von Krankheit oder um ein Gefühl von Wohlbefinden? Suchen wir einen Partner oder eine Partnerschaft? Und was verbirgt sich hinter dem Lottospiel? Ist es nicht vielmehr der Wunsch nach innerem Reichtum als nach einem Sack voll Gold?


Es sind natürlich die Gefühle von Wohlbefinden und nicht ein bestimmtes Haus oder Kleid oder Paar Schuhe – sehr wichtig, bei uns Frauen...

Genau, hinter jedem Wunsch verbirgt sich als Grundmotivation ein Verlangen nach innerer Erfüllung und nicht das Verlangen nach dem Gegenstand an sich. Unser Trugschluss ist zu glauben, dass wir die Befriedigung im außen finden. Das ist für einen vorübergehenden Moment zwar richtig, aber danach kommt immer eine Talfahrt. Nach jedem Höhepunkt geht es wieder runter, das liegt in der Natur der Sache. In dem Moment, wo wir uns an etwas Äußeres haften – sei es ein Projekt, was wir verwirklichen wollen oder eine Ausstellung mit unseren Bildern oder ein Hausbau – und glauben, dass die Umsetzung uns ein Gefühl von Erfüllung beschert, unterliegen wir einem Irrtum, denn die Befriedigung ist nicht dauerhaft. Für den Moment haben wir ein gutes Gefühl, ja, aber wie bei einem Orgasmus ist jeder Höhepunkt bereits der Anfang vom Ende.


Und wo finden wir dauerhafte innere Erfüllung?

In dem wir uns von dem Streben nach kurzfristigen Höhepunkten verabschieden und uns auf einen Transformationsprozess einlassen, der zu dauerhaftem Glück führt. Ziel ist die Erweiterung des Bewusstseins für die Tatsache, dass die Erfüllung in mir wohnt. Das Gefühl von Erfüllung ist IN MIR – unabhängig von einer Gehaltserhöhung oder Liebeserklärung. Solange mein Bewusstsein meint, etwas im Außen zu brauchen, um glücklich zu sein, können wir nur kurzfristige Höhepunkte erfahren. Die einzige Möglichkeit, die Ebene von Leid, Schmerzen und Sorgen zu verlassen ist, diesen Transformationsprozess des Bewusstseins voranzutreiben.


Was meinen Sie mit „Transformation des Bewusstseins“?

Der erste Schritt besteht in der Erkenntnis, dass mein Glück nicht im Außen entsteht – weder durch Gegenstände noch durch Menschen oder Ruhm und Ehre. Solange wir meinen, der nächste Karrieresprung oder die Hochzeit würde uns glücklich machen, rollen wir wie Sisyphus den Stein immer wieder den Berg hoch und werden garantiert von der nächsten Enttäuschung heimgesucht. Der zweite Schritt besteht darin, mir jeden Tag mein Ziel erneut vor Augen zu führen. Was will ich? Was suche ich? Das muss jeder in seinen Worten mit seinen Begriffen formulieren, solange bis es sonnenklar vor Augen leuchtet. Am Anfang drehen sich die Wünsche noch um Geld, Liebe und Anerkennung, aber irgendwann in diesem Prozess erkennen wir, dass es nur Stationen auf dem Weg sind.


Was ist Ihr Ziel?

Mein Ziel ist es, jetzt in diesem Moment und in jedem weiteren Moment glücklich und erfüllt zu sein. Nicht, wenn mein nächstes Projekt abgeschlossen ist, nicht, wenn ich reich bin, nicht, wenn ich meine Frau getroffen habe. Mein Ziel ist, jede Sekunde in meinem Leben erfüllt zu sein. Wenn ich morgens aufwache, denke ich nicht an das Wetter und die anstehenden Verabredungen für den Tag, sondern mein erster Gedanke ist: Was ist mein Ziel heute? Glücklich zu sein! Mit diesem Gefühl aufzustehen, Zähne zu putzen und den Kaffee zu trinken – das ist göttlich.


Man darf also ruhig die Dinge, die von außen zuzuführen sind, genießen.

Selbstverständlich! Dafür sind sie doch da! Aber nicht mit der Erwartung, dass sie mich glücklich machen, sondern in dem Bewusstsein, dass ich glücklich bin und damit kann ich das genießen, was um mich herum ist – sei es meine schöne Wohnung, meine geliebten Kinder oder der Konzertbesuch. Das ist ein kleiner und doch gigantischer Unterschied: der Unterschied zwischen innerem und äußerem Glück. Wenn ich mich auf diesen Weg mache und jeden Tag das Ziel vor Augen habe, heute glücklich zu sein, dann habe ich den entscheidenden Perspektivwechsel vollzogen. Dann kann ich weiter auf diesem Weg gehen, denn der Weg ist das Ziel – der Weg ist die Transformation des Bewusstseins.


Das klingt so einfach...

Je länger man auf diesem Weg geht, umso leichter wird das Leben. Am Anfang gibt es immer wieder Stolpersteine in Form von negativen Gedanken oder negativen Gefühlen. Wir können unsere Sorgen und Enttäuschungen nicht von heute auf morgen hinter uns lassen. Es ist ein Weg – raus aus dem Dschungel von Opfer-sein hin zu der lichten Welt von Erfüllung.

mehr Info: www.touval.de


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