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Ausgabe März/April 2009
Dieser Augenblick ist das Tor

Ein Gespräch mit der spirituellen Lehrerin Gangaji zur Frage unserer größten Angst

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Frage: Gangaji, müssen wir Angst vor dem Tod haben?

Gangagji: Was wir am meisten fürchten, ist das Ende der körperlichen Form und die meisten Menschen verbringen ihr Leben mit Strategien, wie dieses Ende vermieden werden kann. So lange du deine Hoffnung daran hängst, den Bestand des Körpers verlängern zu können, hoffst du auf eine Rettung vor dem Ende. Im Warten auf diese Rettung übersiehst du aber die ewige, offene Grotte Deines Herzens. Du übersiehst die strahlende Stille des Seins, von wo alle Klarheit, alle Weisheit, alle Seligkeit, aller Friede und alle Ewigkeit von Natur aus offenbar sind.

Es ist gut, dass die körperliche Form ein Ende hat. Wenn wir uns der immanenten Wahrheit von der Sterblichkeit des Körpers hingeben, dann dient das dazu, uns tiefer hinein zu stoßen in das Jetzt, diesen Augenblick. Dieser Augenblick ist das Tor zur Wahrheit des allgegenwärtigen Seins.

Dein spezielles Lebens ist eine Erscheinung, die in diesem Sein auftaucht und vergeht. Alle Erscheinungen haben dort ihren Ursprung, durchwandern es und kehren wieder dorthin zurück. Der Körper vergeht in einem Augenblick.
Erkenne das und sogar die vergänglichen Erscheinungen deines Lebens können plötzlich auf mysteriöse Weise von diesem Urgrund künden, der alles umfasst.

Einige von uns stehen kurz vor dem Tod. Kannst du einige Worte darüber zu uns sprechen?

Ich spreche immer und immer nur vom Tod. Alles was ich sage, weist darauf hin. Wenn man willens ist, den Tod voll und ganz zu erfahren, dann hat man die letztendliche Lehre empfangen. Wenn wir die Unausweichlichkeit des Todes erkennen, liegt darin die glorreiche Gelegenheit, das Ende des Körpers zu erleben, bevor der Körper tatsächlich stirbt. Diese Erfahrung kann dir keiner abnehmen. Du kannst sie aber selber in genau diesem Augenblick erleben. Du brauchst nicht zu warten, bis der Körper zerfällt. Du brauchst nicht zu warten, bis irgendein plötzliches Ereignis dir den Tod vor Augen stellt. Du kannst den Tod jetzt durchleben und in diesem Erlebnis kannst du erkennen, was stirbt und was nicht sterben kann; was vor der Geburt existierte und daher nicht dem Tod unterworfen ist.

Wie siehst Du den Ursprung von Krankheit?

Der Körper-Verstand-Komplex ist der Ursprung von Krankheit. Wenn du dich nicht mit dem Körper identifizierst - nicht einmal einen Moment - dann ist dort, wo du bist, keine Krankheit.

Es gibt viele metaphysische Theorien über Krankheit und deren Ursprung. Krankheit als Lehrer oder Lehre, aber ich frage mich manchmal, ob es Karma sein kann?

Karma ist eine metaphysische Theorie. Mit der Theorie von Karma kann sich der Verstand an Vorgänge klammern und Sinn darin finden. Im Westen haben wir die metaphysischen Karmakonzepte übernommen, aber unser Verstand findet darin meistens keinen Trost. Die meisten denken: „Aber was habe ich denn getan? Wie kann ich das loswerden? Wie kann ich das umwandeln? Was mache ich damit?“ Das Konzept von Karma kann leicht zu einer neuen Quelle der Unruhe des Geistes werden. Der Verstand versucht stets, alles in ordentliche Kategorien einzusortieren. Das Leben lässt sich aber nicht in eine Schubelade pressen. Die Wahrkeit kann nicht kategorisiert werden. Wahres Erleben passt in keine Kategorie und wenn diese Krankheit dein Lehrer ist, dann lässt sich auch dieser Lehrer in keine Kategorie zwängen.

Es geht also darum, das Bedürfnis nach Verstehen aufzugeben?

Ich spreche nicht davon, das Bedürfnis nach Verstehen aufzugeben. Denn das wäre falsch. Die Einladung bezieht sich darauf, dem Bedürfnis, dem Nicht-Wissen, dem Tod nackt gegenüber zu treten, anstatt eine weitere Theorie zu finden, die nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit wahrem Wissen hat und daher nur einen flüchtigen Anschein von Frieden hervorbringen kann.

Krankheit tritt generell dann in den Vordergrund, wenn offenbar wird, dass der Körper nicht so gesund sein wird wie man dachte. Das ist ein Augenblick der Reife, denn diese harte Tatsache trifft auf alle Körper zu. Im Westen haben wir den Körper verehrt. Er ist unser Gott geworden und wenn er nicht gut zu uns war, wenn uns übel mitgespielt hat, dann war es ein Gott der Rache. Wenn er gut zu uns war, dann war es ein Gott des Vergnügens. Es ist eine Stunde der Rechenschaft, wenn sowohl die Beschränkung des Körpers als auch das wiederkehrende Bedürfnis nach körperlicher Erfüllung erkannt wird. Es ist eine tiefe Enttäuschung und eine große Gelegenheit.

Wir leben unser Leben in der kindlichen Illusion, dass eines Tages der richtige Gefährte, der richtige Körper oder das richtige Leben uns das geben werden, was wir brauchen. Dann, mit Alter oder Krankheit kommt die Erkenntnis: „Der Körper ist beschränkt! Womöglich bekomme ich nicht, was ich brauche?“ Das rüttelt uns bis in die Grundfesten auf. Wenn du bereit bist, dich der Enttäuschung zu stellen, bereit bist, diesem Bedürfnis nackt gegenüberzutreten, dann kannst du erkennen, was du wirklich willst. Wenn du krank bist, schreist du vielleicht zuerst: „Ich will wirklich meine Gesundheit zurück!“ Wenn du aber tiefer gehst, dann stelle dir einen Augenblick lang vor, du würdest durch ein Wunder wieder gesund und frage dich, was wird mir dieses Wunder geben?

Eine ausführliche Version finden Sie unter www.kgsberlin.de

www.gangaji.org


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