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Ausgabe März/April 2009
Wege aus der Angst

Ofir Touval ist Psychologe und arbeitet als Heilpraktiker in Berlin. Im Gespräch mit Haidrun Schäfer geht er den Ängsten an den Kragen

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Haidrun Schäfer: Was ist das Schlimmste an Ängsten aus psychologischer Sicht?

Ofir Touval: Es gibt eine Folgeerscheinung, die bei allen Ängsten gleich ist – sei es die Angst um einen geliebten Menschen, die Angst vor einer Prüfung oder die Angst vor dem Zahnarzttermin – und das ist das Gefühl der Lähmung. Diese Lähmung betrifft sowohl den Denk- als auch den Bewegungsapparat und deshalb macht mich dieser Zustand hilflos. Um mich aus einer Situation zu retten, muss ich entweder meinen Verstand oder meinen Körper benutzen. Eine Lähmung liefert mich einer Situation aus. Ängste sind eine heftige Erscheinung und können das Alltagsleben ziemlich beeinträchtigen.

Was sind die Ursprünge für Ängste?

Die Ursprünge sind zahlreich, aber auch hier gibt es eine Gemeinsamkeit: Sie liegen immer in einem Geschehen aus der Vergangenheit, sei es ein Trauma aus der Kindheit, negative Erfahrungen mit den Eltern, Verletzungen, Folgen von Fehlern usw. Diese Erlebnisse haben den sogenannten Vermeidungseffekt zur Folge, der uns davor bewahren will, noch einmal eine solch negative Erfahrung zu machen. Ängste haben also an sich durchaus einen Sinn, denn sie wollen uns vor Gefahren bewahren.

Wie reagieren wir auf Ängste?

Angst hat drei Wirkmechanismen. Der erste ist die Lähmung: Ich kann nicht reden, kann mich nicht bewegen, kann nicht denken. Der zweite ist die Flucht: Ich renne weg – was sich im modernen Leben manchmal schwierig gestaltet, wenn der Chef am Telefon ist. Der dritte ist der Kampf: Ich reagiere mit einer Gegenattacke und werde aggressiv – verbal oder körperlich. Das sind die drei Muster, die uns auf der instinktiven Ebene begleiten.

Das Problem ist, dass alle drei Muster nicht geeignet sind, die Angst zu besiegen: weder sich tot zu stellen noch die Flucht noch der Gegenangriff. Trotzdem nutzen wir diese Muster tagtäglich in unserem Alltag. Wenn mein Partner mich angreift und ich bekomme Angst, denn die Kritik bedroht mich, reagiere ich entweder mit Flucht oder mit Gegenangriff oder Ignoranz. Es gibt noch eine moderne vierte Reaktion auf Angst: Zum Arzt zu gehen und sich Beruhigungsmittel verschreiben zu lassen.

Gibt es einen konstruktiven Umgang mit Ängsten?

Der einzige Schlüssel ist eine Veränderung des Bewusstseins. Angst ist eine Reaktion von meinem Nervensystem und von meinem Unterbewusstsein, das auf eine Bedrohung reagiert. Die Bedrohung betrifft immer mein Ich oder mein Ego. Das, womit ich mich identifiziere – also mein Körper – wird bedroht und ich habe Angst. Wenn das Bewusstsein sich dahingehend verändert, dass ich erkenne, dass ich nicht dieser Körper bin, dass ich nicht mein Ego bin – in dem Moment verliert die Bedrohung ihren Schrecken.

Ich kann sie als einen Hinweis wahrnehmen, wo ich mich verändern kann, wo ich wachsen kann. Insofern kann ich sogar dankbar für den Hinweis sein. Und in dem Moment lähmt mich die Angst nicht mehr, sondern ich kann sie in konstruktive Bahnen lenken. Es gibt ein Wort im Deutschen, das heißt „Vertrauen“. Vertrauen basiert auf dem logischen Denken: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Auto mich von A nach B bringt, also vertraue ich ihm. Wenn nun die Batterie leer ist, nützt auch mein ganzes Vertrauen nichts.

Es gibt noch einen ähnlichen Begriff und zwar „Gewissheit“. Wenn ich eine Gewissheit über meinen Ursprung oder mein Sein habe und weiß, dass ich ein Teil der Schöpfung bin, dann habe ich auch keine Angst mehr. Mein Körper ist ein Werkzeug, dass ich nutzen kann, um auf der Erde Erfahrungen zu machen und mich zu entwickeln. Aber ich bin nicht mein Körper. Folglich kann nicht ICH bedroht werden, sondern nur mein Körper oder mein sozialer Status oder mein Wohlstand. Sämtliche irrationalen Ängste wie Zukunfts- oder Beziehungsängste betreffen immer nur die Ebene vom Ego. In dem Moment, in dem ich mein Bewusstsein transformiere, verliere ich meine Ängste.

Gar nicht so einfach, denn schließlich habe ich jahrelang gelernt, mich mit meinem Ego zu identifizieren.

Wo finde ich Unterstützung, wenn ich diesen Weg gehen möchte?

Neben meiner Praxistätigkeit biete ich immer wieder Vorträge und Seminare an, in denen ich Menschen Werkzeuge vermittele, wie wir unser Bewusstsein transformieren können: Weg von einem reaktiven Verhalten, das nur die Befriedigung der egoistischen Bedürfnisse anstrebt, hin zu einem spirituellen Bewusstsein.

www.touval.de


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