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Ausgabe Januar/Februar 2004
Das Feng Shui am Potsdamer Platz

Eine Beschreibung aus dem Blickwinkel der chinesischen Geomantie von Peter Fischer und Tilman Weiland.

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Obwohl die Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten des Potsdamer Platzes von der Bevölkerung immer besser angenommen werden, fühlen sich viele Besucher hier nicht wohl.
Wenn man sich auf den umliegenden Flächen des Quartiers Daimler Chrysler und auf dem Marlene-Dietrich- Platz bewegt, fühlt man sich in der Regel recht unwohl und getrieben. Die Orientierung gerade in den untergeordneten Straßen um den Marlene-Dietrich-Platz und die Alte Potsdamer Straße herum fällt sehr schwer. Die höchste Attraktivität geht eindeutig von den Innenbereichen wie den Kinos und den Shopping Arkaden aus. Das Sony Center hingegen wird in der Regel als wesentlich angenehmer wahrgenommen. Menschen halten sich im Außenbereich auf und verweilen an der mittig platzierten Wasserfläche - sogar unter den strengen Augen des Sicherheitspersonals. Auch ist die Orientierung innerhalb dieser Fläche problemlos möglich.

Positives Beispiel Sony Center
Was läuft im einen Fall richtig und im anderen Fall falsch? Das Positiv-Beispiel ist das Sony Center. Im ersten Schritt wurde ein gemeinsam genutzter freier Platz definiert (im Feng Shui sagen wir: “ Das gemeinsame Herz”), um im nächsten Schritt die Gebäude darum herum anzuordnen, die so miteinander korrespondieren können (“Meister und Diener” oder “Haupt- und Nebengebäude”). So entsteht eine klar definierte Mitte mit einer eindeutigen Hauptzugangsachse über das DB-Gebäude hin zum Potsdamer Platz, an der man sich orientieren kann (im Feng Shui redet man von: “Ausrichtung”). Die Bürogebäude mit nicht-öffentlichem Zugang wurden in einer zweiten Bebauungszeile vom Rest des Baukörpers abgesetzt (im Feng Shui redet man von “vorne und hinten”). Durch die außergewöhnliche Form wurde ein Erlebnis für den Besucher geschaffen, ein Stück innerstädtische Identität (“Shin”/”Affekt/Gefühl/Zuneigung”).

Negatives Beispiel Marlene-Dietrich-Platz
Ganz anders im Bereich Marlene-Dietrich-Platz/Alte Potsdamer Straße. Es gibt hier im Außenbereich kein klar erkennbares Zentrum. Gerade durch die mediterran anmutende Fassade von Renzo Piano hätte hier die Chance bestanden, aus dem Marlene-Dietrich-Platz eine Piazza im südländischen Stil zu erschaffen. Dadurch wäre der öffentliche Raum wiederbelebt worden, der ja unter der starken Verlagerung von Flächen in den Innenbereich leidet. In der momentanen Bebauung ist hier ein reiner Vorplatz für das Spielcasino und die Musical Hall entstanden. Da beide tagsüber jedoch nur wenige Menschen anlocken, ist dieser Platz nicht gerade ein Publikumsmagnet. Die weitere Bebauung folgt linearen Achsen, die jedoch in fünf verschiedenen Winkeln aufeinander stoßen und jeweils einander gegenüber nicht einsehbar sind. Des weiteren gibt es kein klares vorne und hinten, keine klare Ausrichtung. Daher auch die Orientierungsschwierigkeiten, wenn man sich hier bewegt. Es gibt keine eindeutigen Bezugspunkte, an denen man sich orientieren könnte. So wurden schon auf der untersten Ebene fundamentale Feng Shui-Prinzipien verletzt.

Die Wirtschaftsdrachen
Doch zurück zum Potsdamer Platz selbst. Er ist der zentrale “Qi-Sammelpunkt” für die umliegenden Flächen. Dadurch kommt ihm eine Symbolwirkung zu, die wir näher beleuchten wollen. Seitens der Alten Potsdamer Straße und des Sony Centers zeigen hier sechs spitze, bedrohliche Baukörper, von denen jeder ein Wirtschaftsunternehmen repräsentiert, auf den Potsdamer Platz. Sie blicken in die gleiche Richtung - nach Osten - was symbolisch ihr Ziel definiert. Doch es gibt kein klares Gegenüber, kein “entfernter Berg”, nichts womit man diese “Wirtschaftsdrachen” in Beziehung setzen könnte. Das Ziel bleibt ein virtuelles “Wir wollen mehr”. Das Gegenüber, die “Stoßrichtung” der Wirtschaftsdrachen, ist ein Relikt der Berliner Stadthistorie, der Leipziger Platz. Bezeichnenderweise wurde die Familie Wertheim enteignet, um das Projekt “Potsdamer Platz” zu realisieren. Doch die eigene Vergangenheit kann nicht besiegt werden. So sehen wir sechs kapitalistische Wirtschaftsdrachen im pluralistischen Schulterschluss ohne klares ethisch moralisches Ziel, die ein Stück aus dem alten Berlin herausbeißen. Wenn wir uns abschließend die Gebäude anschauen, die um den Potsdamer Platz errichtet wurden, so können wir feststellen, dass hier zumindest die Kohärenz von Form und Inhalt eingehalten wurde: Hier hat sich die neue Architektur der (Wirtschafts-)Macht ein Denkmal gesetzt.

Peter Fischer ist Leiter des Feng Shui College Berlin, www.FengShui-CollegeBerlin.de. Er wurde von international anerkannten Experten für Feng Shui und chinesische Astrologie ausgebildet. Sein Anliegen ist es, Feng Shui historisch korrekt und in der Praxis anwendbar zu vermitteln.

Tilman Weiland, Jahrgang 1973, Dipl. Ing. Architektur an der TU Berlin. Sein Ziel ist es, in der Architektur hohe gestalterische Qualität mit kompetenter Feng Shui-Anwendung zu verbinden. Er hält regelmäßig Seminare und Vorträge in Berlin und Brandenburg und ist Dozent am Feng Shui College Berlin, www.feng-shui-architektur.net


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