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Ausgabe November/Dezember 2003
Raus aus dem Kopf, rein in den Körper

Inner-Skiing und Energy Dance im winterlichen Engadin

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Seit über zwanzig Jahren veranstaltet der Allegra Skiclub unter Leitung des Berliner Sportlehrers Uwe Kloss im Skigebiet von Scoul Kurse nach der Methode des Inner-Skiing. Anders als bei herkömmlichen Skiurlauben stehen hier nicht Leistung, Geschwindigkeit, Zerstreuung und abendliches Remmi-demmi im Vordergrund, sondern Freude an der eigenen Beweglichkeit, bewusste Körperwahrnehmung und Erholung im Einklang mit der Natur. Veronika Schmidt ist letzten Winter mitgefahren.

Inner-Skiing
Rhythmisch stampfen sie den Schnee unter den Sohlen ihrer klobigen Schuhe fest und recken beschwörend die Arme gen Himmel, als wollten sie die Wolken wegschieben, die jetzt, am frühen Vormittag, noch die Gipfel des Silvretta-Massivs verhüllen. Nein, es sind keine rätoromanischen Ureinwohner, die zu den dezenten Merengue- und Salsa-Klängen aus der Tropical Bar an der Liftstation des Motta Naluns uralte Fruchtbarkeitskulte vollführen. Bei dem Häuflein vermummter Gestalten unter den giftgrünen Palmen aus Plastik handelt es sich um kopflastige deutsche Stadtbewohner, die ihre vernachlässigten Muskeln lockern für ein Skitraining der ganz besonderen Art.

Inner-Skiing heißt die Methode, die vor Jahren in den USA entwickelt wurde und über Menschen wie Uwe Kloss ihren Weg nach Deutschland und von da aus in das weite Skigebiet von Scoul fand. Mit Hilfe von spielerischen Elementen, Bildern und kreativer Aufgabenstellung wollen er und sein Team den Teilnehmern ein neues Gefühl für Abfahrt und Langlaufen vermitteln. Statt den Kopf mit Informationen zu beladen, lenken sie die Aufmerksamkeit in den Körper. “Wie bewege ich mich eigentlich auf den Skiern? Was macht mein Körper, damit er um die Kurve kommt? Wie muss ich meine Bewegung verändern, um mehr Sicherheit zu bekommen?” Mit solchen und ähnlichen Fragen wird sich während des nun folgenden Unterrichts die Gruppe beschäftigen, die sich jetzt, je nach Leichtfüßigkeit aufgeteilt in Bären, Hasen, Schwalben und Möwen, um ihre Teamer schart.

Energy Dance
“Im Mittelpunkt unserer Skiurlaube steht die Wiederentdeckung der Lebensfreude”, sagt Uwe Kloss noch, bevor er mit seinen Möwen elegant bergab schwebt. Seit zwei Jahrzehnten schon bringt er – nicht nur auf der Piste – Menschen in Bewegung, zunächst in Berlin und in den letzten Jahren auch in anderen Großstädten Deutschlands. Energy Dance heißt das von ihm entwickelte Rezept gegen Unlust und Trägheit, eine Abfolge fließender Bewegungen zu wechselnden Rhythmen. Stretching und Entspannung, eine Mischung aus Tanz, Gymnastik, Yoga, Aerobic und Konditionstraining. Diese Methode kommt nicht aus den USA, die hat er selbst im Laufe der Jahre gefunden und verbreitet, und dass er damit eine Lücke im Markt der Fitnessangebote getroffen hat, beweist die ständig wachsende Zahl der Energy-Dancer.
Im Laufe des Kurses wird mir klar, was Energy Dance und Inner-Skiing verbindet: Ich entdecke meine längst verloren geglaubte Beweglichkeit wieder, indem ich hier wie da einfach nachmache, was mir vorgemacht wird, ohne meinen Kopf mit der Koordination meiner Extremitäten quälen zu müssen.

Bahn frei
Auch das Skigebiet ist so ausgesucht, dass wir uns stressfrei tummeln können. Anders als im benachbarten Davos oder Sankt Moritz, wo die Schickeria und ihre Gefolgschaft sich tagsüber in den Gondeln und abends in den Discos auf die Markenschuhe tritt, ist in den Bergen über Scoul sogar für die tapsigen Bären Platz genug, die fortgeschrittenen Anfänger, denen ich mich angeschlossen habe. In aller Ruhe können wir unsere krummen Kurven fahren, ohne Gefahr zu laufen, von Rasern, Rüpeln oder ähnlichen “Pistensäuen” umgefahren zu werden. Statt ebenso bang wie schicksalsergeben zackige Kommandos wettergegerbter Skilehrer befolgen zu müssen, sind wir Bären gehalten, in selbstbestimmtem Tempo herauszufinden, ob wir eigentlich den Fußballen mehr belasten oder die Ferse, ob wir in den Kurven die Stöcke neben der Spitze des Skis in den Schnee bohren, der Mitte, oder dem Ende, wann wir in die Knie gehen, und wann wir uns wieder aufrichten. Es mag ja nicht jedermanns Sache sein, nach Bildern zu agieren, aber ich fühle mich angesprochen von der Vorstellung, als verfressener Bär nun meinen Honigtopf sorgsam vor der Brust zu Tal zu tragen, ohne die Arme allzu weit zu öffnen. Zum ersten Mal gelingt mir so ein Stück Abfahrt, ohne die Stöcke als Steuerruder oder Bremse einzusetzen. Zwischen Anfang Dreißig und Ende Fünfzig liegt das Alter der Teilnehmer, die neben mir ihre Honigtöpfe zu Tal tragen oder als hakenschlagende Hasen und flitzende Vögel an uns vorübersausen. Wir alle suchen, was der Prospekt verspricht: “dass Körper, Geist, Gefühl und Seele in Schwung und Harmonie kommen.”

Allegra – freue dich
“Allegra”, freue dich, so begrüßen sich die rätoromanischen Bewohner des Engadin untereinander, und nach dieser Devise dürfen wir zum Abschluss des Vormittags nun Freistil fahren, einzige Anforderung ist, dazu, und warum nicht auch aus voller Kehle, ein Lied zu singen, einen beschwingenden Walzer zum Beispiel. Und siehe da, mit der ‘Donau so blau’ auf den Lippen finden plötzlich auch meine Füße einen Rhythmus.Rast auf einer der Hütten, auch hier passt die globalisierte Musik nicht wirklich zum prachtvollen Panorama der Engadiner Dolomiten, doch sei es drum, unsere geduldige Bärenführerin tröstet uns mit einer Traumabfahrt nach Sent, zehn Kilometer am Stück. Noch eine Liftfahrt nach oben, auf den Champatsch, und danach geht es nur noch bergab. Über mal steiler, mal sanft abfallende Hänge gleiten wir durch winterlich braune Lärchenwälder über verschneite Almen und schmale Ziehwege, vorbei an einsamen Hütten und hölzernen Scheunen, deren niedrige Dächer der Schneelast trotzen.

Après Ski
Von Sent aus fährt uns der Postbus hinauf zur Sonnenterrasse von Guarda. Geh ich nun noch zum Feldenkrais oder bleibe ich gemütlich im Dachgeschoss unseres Chasa Sulai bei Kaffee und Keksen? Meine Entscheidung dafür wird mit einem runden Körper- und Selbstwertgefühl belohnt. Der Weg vom Bewegungsraum am Ende des Dorfes zurück zum Haus, wo jetzt das köstlich-phantasievolle, vegetarische Abendmenü wartet, ist kurz. Denn an materieller Infrastruktur hat Guarda kaum mehr aufzuweisen, als eine Handvoll behäbiger Häuser, drei Restaurants, ein Lädchen für fast alles, zwei andere für Kunsthandwerk und ein Kirchlein, auf dessen Turm jetzt ein Schwarm von Alpendohlen die letzten Strahlen der Abendsonne genießt. Ihr melodisches Pfeifen, das Geblök der Schafe zu Futterzeiten, das stündliche Läuten der Glocken und das unaufhörliche Plätschern der zahlreichen Brunnen sind die Instrumente, die im Orchester der Stille Guardas ihre sanften Soli spielen.

Das Dorf Guarda
Von Menschen verursachte Geräusche hört man selten. Mitte der sechziger Jahre drohte Guarda auszusterben. Seine Bewohner zog es aus der Einsamkeit und der Kargheit der Berge in die Städte. Es war der Tourismus, der das Dorf vor dem Verfall bewahrte. “Inzwischen zählen wir 37.000 Gäste im Jahr”, berichtet stolz unser greiser Führer, einer der hundertfünfzig Bewohner Guardas, von denen achtzehn schon über achtzig Jahre alt geworden sind. Er bessert seine Rente auf, indem er Besucher durch den Ort führt.
Anfang des siebzehnten Jahrhunderts fielen alle Häuser in Guarda einem Brand zum Opfer. Nachdem sie kurz danach wieder aufgerichtet wurden, hat sich in Guarda nicht mehr viel verändert. Noch bevor der Wohlstand und damit die Modernisierung einzog, wurde Guarda unter Denkmalschutz gestellt. So präsentieren sich die Häuser mit frischen Farben auf den ursprünglichen Fassaden, die nach alter Tradition mit Wappen verziert sind und Scrafitti, kunstvoll in den Putz geritzten Zeichnungen und Inschriften. “Da tout quels chi passau chi est tu? – Wer bist eigentlich du selbst unter all denen, die hier vorübergehen?” fragt eine an der Wand eines Hauses am Ortsausgang, wo der Weg in die Berge führt. Bei soviel Stille und Konzentration auf meinen Körper könnte es gut sein, dass ich in zehn Tagen, am Ende dieses Urlaubs, der Antwort auf diese Frage tatsächlich ein Stück näher gekommen sein werde.


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