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Ausgabe September/Oktober 2003
Körper, Geist und Seele

Lexikon der Symbole

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Der Fachmann für Träume und Autor Klausbernd Vollmar hat sich einer gewaltigen Fleißaufgabe gestellt: Er hat ein 600 Seiten umfassendes Standardlexikon für die Welt der Symbole verfasst. Wir baten ihn, uns über die Symbolik von Körper, Geist und Seele Auskunft zu geben. Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus seinem Werk “Vollmars Welt der Symbole” (Königsfurt Verlag, 2003). Wir danken dem Verlag für die freundliche Abdruckgenehmigung.

Körper:


Der Körper ist ein Bild des Charakters nahmen Physiognomen wie Lavater am Ende des 18. Jh. an und inspirierten so die Rassenforschung der Nationalsozialisten. Auch die alte chinesische Heilkunde ging davon aus, dass der Körper ein Abbild unseres Charakters und unserer Lebensführung bietet. Der Körper verweist stets auf Erdung - denn er ist eine träge Masse -, und bisweilen auf Eitelkeit.
Bis zur Anwendung moderner medizinischer Technologien war der Körper ein Geheimnis. Durch Röntgenstrahlen und Mikroskope hat man Einblick in die Strukturen des lebendigen Körpers bekommen, die diesem das Geheimnis nahmen. Die vormals verborgene Innenseite des Körpers wurde zum offenen Buch. Von der narzisstischen Körperdarstellung der Griechen bis zur Freikörperkultur der heutigen Zeit wird jedoch weiterhin die äußere Erscheinung des Körpers als natürliches Maß aller Dinge angesehen und dabei erotisiert und in der Pornografie und Werbung sexualisiert.
In allen Sprachen finden wir Metaphern aus dem Körperbereich: von der Archillesverse bis dazu, dass einem eine Laus über die Leber gelaufen ist, werden anschauliche Körpermetaphern gewählt, um emotionale Zustände zu beschreiben.
Der Körper besteht nach spiritueller Auffassung nicht nur aus dem materiellen Körper des Menschen, sondern auch aus immateriellen Schwingungskörpern, welche die Ausstrahlung eines Menschen bilden. Hier entgleitet der Körper ins unfassbar Unkörperliche und nähert sich den Auffassungen der modernen Physik an, die Körper als ein Energiephänomen beschreiben.
In der Abtreibungsdiskussion des späten zwanzigsten Jahrhunderts kam der Slogan auf “Mein Körper gehört mir”. Frauen meldeten an, dass sie über ihren Körper bestimmen wollen. Das ist eine Absage an die lang gepflegte Praxis, dass gesellschaftliche Institutionen speziell über den Körper der Frau bestimmten. Heute wird diese Fremdbestimmung eher indirekt durch die Normen der Medien ausgeübt, die wie in Frauenzeitschriften das Bild des angemessenen Körpers prägen.
Eine positive Einstellung zum Körper drückt sich seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Vielzahl von Körpertherapien aus, die auf die Ansätze Reichs und Groddecks zurückgehen.
Germanische Symbolik: In der germanischen Symbolik wurden Verwandtschaftsverhältnisse durch Körperteile ausgedrückt.
Kunst: Die Faszination am Einblick in den Körper zeigte die Ausstellung “Körperwelten”, die das Innere des menschlichen Körpers darstellte. Prof. Gunther von Hagens‘ Ausstellung sahen seit 1996 knapp unter zehn Millionen Besucher und sie ist die erfolgreichste Sonderausstellung, die es je gegeben hat. Im Jahr 2002 ging G. von Hagens in der Entmystifizierung des Körpers noch einen Schritt weiter, indem er in London – trotz enormer Proteste – öffentlich für Nichtmediziner eine Leiche sezierte. Damit wurde das mittelalterliche Verbot der christlichen Kirche, den Körper zu öffnen, radikal überwunden.
Literatur: Satprem, der Vertraute Sri Aurobindos, schrieb einen Roman mit dem Titel “Der Körper der Erde”.

Geist:
Der Begriff “Geist” wird meist intellektuell gefasst. Er bedeutet Klugheit oder die Gesinnung einer Person oder einer Zeit. Letzteres lässt sich auf Hegels Vorstellung vom Zeitgeist zurückführen. Ein geistvoller Mensch ist ein kluger Mensch. Er hat seinen Willen und seine Intellektualität bewusst organisiert. Geist ist in diesem Sinn untrennbar mit Bewusstsein verbunden.
Am Geist scheiden sich die Geister: Für die Materialisten und Behavioristen ist der Geist ein irrealer Schein. Für die Idealisten bedeutet Geist das Höchste. Er ist die Organisationsform von Verstand und Bewusstsein, die das Selbstbewusstsein einschließt.
Umgangssprachlich bezeichnet “Geist” meist eine Grundstruktur, die etwas charakterisiert. So sprechen wir vom Geist der Goethezeit.
Christliche Symbolik: Das Christentum kennt die Vorstellung des Heiligen Geistes. Sie wurde oft mit Aristoteles begründet, für den Gott reiner Geist ist. Das Besondere an dieser Geistesvorstellung ist die Selbstreflektion des Geistes. Aristoteles nimmt einen Geist an, der selbst denken kann, er kann vernünftig über sich selbst urteilen.
Philosophie: In der idealistischen Philosophie wird einzig dem Geist eine Realität zugesprochen. In der materialistischen Philosophie wird der Geist als illusionär verworfen. Mit Descartes wird der Geist als Gegensatz zur Materie und somit zum Körper gefasst. Von nun ab wird die Natur als geistlos betrachtet. Für Hegel ist der Geist die Wirklichkeit, die der Natur ihre Gestalt gibt – eine Idee, die sich auch durch Goethes naturwissenschaftliche Schriften zieht. Schopenhauer und Nietzsche verwerfen diese Überbetonung des Geistes und Klages sieht im Geist ein lebensfeindliches Prinzip und somit den Gegensatz zur Seele. Moderne philosophische Systeme vermeiden den Begriff des Geistes

.Seele:
Seele ist häufig ein Hinweis auf unsere inneren Regungen. Wenn einer als “Seelchen” bezeichnet wird, charakterisiert man ihn als gefühlvollen, übersensiblen Menschen. Das geht auf Plato zurück, der die Seele als das “triebhaft Begehrliche” ansah. In früheren Zeiten wurde die Seele meistens als ein unfassbares Prinzip des Lebens betrachtet.
Die Seele ist das körperlose Abbild ihres Trägers. Sie überlebt ihn und gilt als unsterblich. Sie vermag den Körper hinter sich zu lassen, um Reisen zu anderen Orten zu unternehmen. Man stellt sich die Seele als unsichtbar vor. In unserem Kulturbereich wird die Seele oft mit dem Hauch oder dem Atem verglichen.
Da die Seele als eine unzerstörbare Essenz angesehen wird, wurde behauptet, dass nicht der Körper die Seele, sondern die Seele den Körper besitzt. Anhänger der Wiedergeburtsthese postulieren, dass die Seele sich einen Körper sucht, den sie prägt. Bis etwa zum 15. Jahrhundert wurde die Seele als unteilbare Essenz des Menschen betrachtet – eine Ansicht, die sich bis heute in spirituellen Kreisen gehalten hat.
Im 19. Jahrhundert wird die Seele krank und gegen Ende dieses Jahrhunderts treten die ersten Seelenärzte auf. Während Freud sich als Seelenarzt bemühte, löschten zwei Weltkriege die Seele aus. Nach so langer Geschichte ist sie verschwunden. Nur in der esoterischen Bewegung wird die Seele ständig bemüht – freilich ohne zu bestimmen, was mit diesem Begriff gemeint ist. Die Seele verkommt zu einem Begriff, der alles und somit nichts bedeutet.
Der Begriff “Seele” wird heute oft ähnlich wie der Begriff “Psyche” benutzt. In früheren Zeiten wurde er eher in der Bedeutung von Gottheit verwandt, denn die Vorstellung einer Seele ist mit einer Gottheit verbunden, welche die Seele im Körper repräsentiert. Die moderne Psychologie knüpft an den Seelenbegriff die Vorstellung von der Identität und Individualität einer Person.
Analytische Psychologie: Nach Jung ist die Seele des Menschen seine Fähigkeit, immer wieder eine Harmonie in sich herzustellen. Die Seele gleicht Animus (die männliche Erscheinungsform unserer Essenz) und Anima (die weibliche Erscheinungsform unserer Essenz) in uns aus.
Klassisch römische Symbolik: Lukrez (etwa 90-56 v.u.Z.), der weitgehend auf die materialistische Lehre Epikurs zurückgreift, sieht die Seele als ein Konglomerat von Atomen an, das dem Zerfall und dem Tod wie der Körper ausgesetzt ist. Nach Lukrez ist die Seele keineswegs unsterblich.
Mittelamerikanische Symbolik: Indianer in Mexiko und Guatemala teilen die Seele in dreizehn Teile auf, deren Mischungsverhältnisse die individuelle Lebenskraft eines Menschen bestimmen.
Philosophie: Bis ins 16. Jahrhundert wurde die Seele weitgehend als unsterblich angesehen, was die Auffassung aller idealistischen Richtungen in der Philosophie ist. Das sollte sich mit dem italienischen Philosophen Pietro Pompanazzi (1462-1524) ändern, der in seinem Werk “De immortalitate animae” (1516) davon ausging, dass in der Materie alles Sein und somit auch die Seele begründet liegt (Anklang an Lukrez und Begründung der materialistischen Auffassung von der Seele). Der Mensch tritt nach seinem Tod wieder in den Kreislauf der Materie ein. Für lange Zeit sollte Pompanazzi mit dieser Ansicht allein dastehen. Der Pragmatiker Gustav Theodor Fechner (1801-1887) nimmt den Sitz der Seele im Gehirn und im Nervensystem an. Zugleich sieht er im weiteren Sinn den Sitz der Seele im Körper und damit in der ganzen Welt. Er spricht von einer “Allbeseelung der Welt,” die der “anima mundi” entspricht. Damit wendet er sich gegen eine monadologische Sicht der Seele, die seit Descartes vorherrschte, indem die Philosophen die Seele als ein abgeschlossenes, relativ starres Zentrum von Impulsen ansahen. Für Fechner stellt die Seele ein dynamisches Feld von Bewegungen dar. Damit gründete Fechner eine moderne Sicht der Seele, die William James (1842-1910) philosophisch untermauerte.
Klausbernd Vollmar


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