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Ausgabe März/April 2003
Wir sind alle Buddhas - aber wie?

Ein Beitrag zu Buddhismus im Alltag von Sylvia Wetzel

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Buddha bedeutet der oder die Erwachte. Was ist Erwachen oder Erleuchtung? Erwachen oder Befreiung ist möglich, weil „alle Wesen Buddha-Natur“ haben, sagt der Mahayana-Buddhismus. Was ist Buddha-Natur? Wir können erwachen, weil die Natur des Geistes „offen, klar und feinfühlig“ ist. Wir bestehen nicht nur aus Körperempfindungen, Sinneswahrnehmungen, Gefühlen, emotionalen Mustern, Stimmungen und Gedanken. Diese Prozesse bilden sozusagen die Oberfläche des Geistes.

Seine Tiefenstruktur oder seine Natur ist offen und unfassbar wie der Raum. Sie ist klar und leuchtend wie die Sonne und wärmend und lebenspendend wie die Strahlen der Sonne. Es heißt, wer das erkennt und darin ruht, ist frei. Können wir die Natur des Geistes erkennen, entdecken? Ja, heißt es, und zwar in jedem Augenblick. Wenn wir die Offenheit und Unfassbarkeit des Geistes aber merken, ängstigt uns das häufig. Wir bemerken in Sternstunden und Krisen, dass wir Erfahrungen nicht fassen können. Dass alle wichtigen „Dinge“ im Leben, Liebe und Tod, Freude und Leid, Schönheit und Grausamkeit „unfassbar“ sind. Wir finden diese Unfassbarkeit des Lebens aber oft nicht inspirierend, sondern zutiefst verunsichernd. Worte und Begriffe können das Leben nicht erfassen, und wir bekommen es nie „in den Griff“. Leben ist unfassbar, und doch geschieht es immer. Es gibt Sinneswahrnehmungen, Gefühle und Gedanken. In jedem Augenblick steigen sie auf, aus dem Nirgendwo, und sie verschwinden wieder ins Nirgendwo. Sie sind nicht zu fassen, und doch schaffen sie eine Welt der Dinge und Menschen, die uns anzieht und abstößt, erfreut und irritiert. Das ist die Klarheit des Geistes. Das schöpferische Prinzip, das die Welt in jedem Augenblick neu erschafft. Doch meist können wir das nicht genießen, sondern versuchen, das Unfassbare festzuhalten. Das ganze Leben lang versuchen wir schon, Gedanken und Gefühle und die Welt der Sinne festzuhalten, uns eine vorhersagbare, sichere Welt zu schaffen. Und daran scheitern wir immer wieder und sind verunsichert, ängstlich, wütend und unruhig. Und schließlich ist das, was jeden Augenblick vor unserem inneren und äußeren Auge erscheint, was wir sehen und hören, riechen und schmecken, spüren und denken können, immer ganz unmittelbar da. Alle Erfahrungen geschehen jetzt, und sie sind unmittelbar, nah, näher als das eigene Herz. Das nennt die Tradition Mitgefühl, Feinfühligkeit oder Unmittelbarkeit. Alle Erfahrungen geschehen im offenen Raum des Geistes, sie geschehen unablässig, und sie sind unmittelbar und nah. Und doch „fühlen“ wir uns abgeschnitten und getrennt. Sogar vom Körper, von Gefühlen und dem Boden, auf dem wir stehen. Wer ist da verrückt? Die Welt oder wir, die wir das so erleben, und doch nicht genießen können? Das liegt daran, sagt die Tradition, dass wir uns vorrangig mit der Oberfläche des Geistes befassen und mit den Körperempfindungen, Gefühlen, emotionalen Reaktionen, Stimmungen und Gedanken identifizieren. Weil wir die Natur des Geistes, Buddha-Natur, nicht kennen, drehen wir uns im „Kreislauf der sich ständig wiederholenden Schwierigkeiten“ (samsara).
Das eingangs erwähnte Bild kann uns das Dilemma des Lebens und den Weg aus dem Dilemma heraus zeigen. Buddha-Natur oder die Natur des Geistes ist offen und unfassbar wie der Himmel, klar und leuchtend wie die Sonne und wärmend wie ihre Strahlen. Kein Unwetter kann den Himmel, die Sonne und ihre Strahlen vernichten. Die Prozesse im Geist sind wie das Wetter und die Natur des Geistes wie Himmel und Sonne. Wer einmal den Himmel und die Sonne entdeckt hat, wird auch in tiefster Nacht und im tiefsten Winter nicht den Glauben an die Kraft der Sonne verlieren. Denn er oder sie weiß, dass es die Sonne gibt, auch wenn sie durch Wolken, Regen und Schnee verhüllt wird. Buddhas sind Menschen, die den Himmel und die Sonne gesehen haben und mit jedem Wetter leben können. Buddhas sind Menschen, die nicht ständig himmlische Gefühle und perfekte Menschen und Umstände brauchen. Weil sie wissen, dass Leben unfassbar, lebendig und unmittelbar ist, können sie aus jeder Situation das Beste machen und in allen Begegnungen das Beste in allen fördern.
Zwei Abende mit Kurzvorträgen und angeleiteteten Übungen, in Kleingruppen und im Plenargespräch mit Aussagen zur Buddha-Natur. Eine Veranstaltung von ‘Buddhistische Perspektiven’.


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