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Ausgabe März/April 2003
Selbstheilungskräfte durch Hypnose aktivieren

Weltweit wird Hypnose zur Behandlung von Allergien, Ess-Störungen, Schmerzen oder Ängsten untersucht.

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Vieles ist noch unklar, aber eines steht fest: Von erfahrenen Therapeutinnen und Therapeuten durchgeführt, ist die Hypnose eine der besten Methoden, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Bianca Theurer hat die Berliner Hypnosetherapeutin und Heilpraktikerin Sylvia M. Bell besucht und durfte bei einer Hypnosebehandlung dabei sein, die das Ende einer Ess-Störung einleiten soll. Sylvia M. Bell behandelt seit einem Jahrzehnt mit Hypnose und Besprechen von Krankheiten.

Sabine R. (Name von der Redaktion geändert) will nicht mehr ihre Gesundheit mit Kartoffel-Chips belasten und die tägliche Pizza soll Obst und Gemüse weichen. Um nicht von einer Diät in die nächste zu rutschen, hat sie sich für eine Hypnosebehandlung entschieden. “Frau Bell wurde mir empfohlen, weil sie erfolgreich und einfühlsam hypnotisiert. Ich will mit ihrer Hilfe mein Unterbewusstsein davon überzeugen, dass Obst, Gemüse und frisches Wasser lecker sind.” Sabine R. wirkt nervös, als die Therapeutin sie in das Behandlungszimmer begleitet. Der Raum ist angenehm eingerichtet. In der Mitte steht eine Sofagarnitur aus weißem Leder. Weiß mit einem Schuss lindgrün. Ebenso die Wände. Alles wirkt entspannend und gedämpft. Frau Bell strahlt Ruhe aus und lächelt ihre Patientin an. “ Es wird sehr angenehm für Sie werden. Ihr Körper wird sich entspannen, aber Sie sind voll da. Wenn Sie reden wollen, reden sie einfach. Ansonsten werde ich ganz leise zu Ihnen flüstern. Nach drei Tagen sehen wir uns dann wieder und werden prüfen, ob Ihr Wunsch nach Kartoffelchips und Pizza schwächer geworden ist.” Die Patientin erzählt, warum sie aufgeregt sei. Das sei Vertrauenssache, sich in die Hände von fremden Menschen zu begeben. Quasi, ausgeliefert zu sein. Aber Frau Bell würde sie vertrauen. “Ich weiß, dass ich mit Ihrer Hilfe meine Ernährung umstellen kann.” Inzwischen hat sich die 50-jährige auf dem Dreisitzer-Sofa hingelegt. Frau Bell rückt einen der beiden Ledersessel ans Kopfende. Sabine R. hat die Hände auf dem Bauch gefaltet. Ab und zu zuckt ein Finger oder wackelt ein Zeh. Sie ist unruhig. Die Therapeutin nimmt auf einem Sessel hinter ihr Platz und hält ihr den rechten Zeigefinger über die Augen. “Sie achten jetzt nur auf meine Fingerspitze.” Während der folgenden Sekunden wird die Stimmung im Raum fühlbar entspannter. Sabine R. legt die Hände neben ihren Körper, den Blick ohne Pause auf den Finger der Therapeutin gerichtet. Und nach drei Minuten schließt sie die Augen. Frau Bell spricht mit gedämpfter Stimme zu ihr. Sie gibt dem Körper ihrer Patientin Anweisungen, sich zu entspannen. Die Botschaften an die Patientin wurden vor der Hypnose besprochen. Nun liest Frau Bell die Wünsche nach Salat anstatt Chips, Obst und frischem Wasser statt Pizza von ihrem “Spick-Zettel”, wie sie ihn selbst nennt. Die Phase vom Entspannen des Körpers, dem Gleiten in den Hypnosezustand, die Botschaften an das Unterbewusstseins und das Erwachen des Körpers ist Suggestion. Der Rapport, wie die Suggestion auch genannt wird, dauert bei Sabine R. etwas über eine halbe Stunde. “Ihr Körper wird jetzt wieder leicht und frei”, flüstert die Therapeutin, “Auch Ihre Augenlider werden langsam wieder leicht und frei. Ich zähle gleich bis drei. Wenn ich bis drei gezählt habe, ist Ihr Körper leicht und frei und Sie öffnen dann die Augen.” Sie zählt und Sabine R. öffnet die Augen, wie ihr suggeriert wurde. Sie wirkt ein bisschen schläfrig. “Das war aber schön”, sind die ersten Worte der Patientin, “ ich habe alles gehört und bewusst wahrgenommen, aber mein Körper war so schön entspannt. Ich habe mich an jedem Punkt in tiefem Vertrauen gefühlt.” Die Frage, ob es sinnvoll ist, Menschen wegen Übergewicht zu hypnotisieren, bejaht Frau Bell für Fälle, in denen das Übergewicht die Gesundheit bedroht oder der Mensch seine Psyche mit Vorwürfen belastet, denn beide Kriterien können unweigerlich zu Erkrankungen führen, wenn sie nicht behandelt werden.
Was wie im Märchen klingt, ist wissenschaftlich bewiesen. Man weiß, wie Hypnose funktioniert. Gut zu verdeutlichen am Beispiel der Allergie. Weil der Körper in Stresssituationen verstärkt Botenstoffe produziert, werden beispielsweise Rötungen und Juckreiz ausgelöst. Oder führen zu schmerzhaften Hautentzündungen. Hypnose vermag es, die Problemfelder der Psyche aufzulösen. Wenn dies gelingt verschwinden in 95 Prozent der Fälle die Symptome. Frau Bell hypnotisiert auch Menschen mit Krankheiten oder all jene, die sich an Situationen aus ihrer Kindheit erinnern wollen, aber mit ihrem Bewusstsein nicht weiterkommen. “Solche ‘aufdeckenden Behandlungen’ sind nicht angenehm für die Patientinnen und Patienten, weil sie sich auch schmerzhafter Erinnerungen bewusst werden. Allerdings ist die Ursachentherapie langfristig essentiell, um Krankheiten vorzubeugen oder gesund zu werden.” Frau Bell sieht einen Moment aus dem Fenster und wendet sich dann wieder an uns. “Wenn psychische Leiden unterdrückt werden, erkranken die Menschen häufig an körperlichen Symptomen, weil verdrängter Schmerz der Seele sich oft auf physischer Ebene manifestiert.”


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