aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe März/April 2003
Vom Wortsalat zu Satzmenüs

Appetit auf Worte vermittelt die Autorin und Übersetzerin Karin Petersen

art21352
Die Farbe Blau? Der Singsang eines Kindes? Der Duft einer Landschaft im Morgengrauen? - Was ist es, das unsere Phantasie entfacht und den Wunsch, es schreibend zu verfolgen? „Am Anfang war das Wort.“ „Wer schreibt, der bleibt.“ Große Worte! Wir tun es einfach. Wir zücken den Stift, schenken dem leeren Blatt ein Lächeln, ziehen dem inneren Kritiker eine lange Nase und schreiben drauflos, unbekümmert um Sinn und Verstand: Mir juckt der Kopf, meine Füße wollen laufen, wir Schreibenden am Tisch, gerahmt im Glas des Bildes an der Wand. Lösen wir uns von inneren Abstraktionen; ich bin neugierig auf die Worte der anderen. Kratzende Stifte, scharrende Füße, der Duft von Brombeertee...
Den Stift beiseite legen, sich zurücklehnen auf dem Stuhl, die Augen schließen, den Körper spüren und neue Worte kommen lassen. Die Wortfundstücke im Munde kauen, genießerisch wie Bonbons, sie flüstern, sprechen: „engelernst“; „Abendrot“; „Samentüten“; „Mundsrück“; „vogellaut“; „Berlinzulage“; „Botengänge“; „satt“; „sonstwo“; „Niemandsland“.
Wie wollen die laut gewordenen Worte sich auf dem Blatt zusammenfinden?

Heut ging ich engelernst
im Abendrot, am Mundstück meiner Flöte kauend.
Und meine Flügel hingen schwer und satt
im Niemandsland der Botengänge,
die Gott mir aufgetragen hatte -
sonstwo.

Wir befinden uns mittendrin im Abenteuer des kreativen Schreibens. Das Wunderbare an diesem Prozess ist, dass er uns bei jedem Schritt beschenkt. Wir fühlen uns gut, weil wir angefangen haben. Wir sind lebendiger, weil wir erste Schritte in neues Gelände wagen. Und wenn wir erst einmal beginnen, aus der Wortquelle zu schöpfen, sprudelt sie munterer denn je.
Ich selbst schreibe kreativ, seitdem ich einen Stift halten kann. In Folge dieser Fabulierlust Autorin und Übersetzerin mit unermüdlichem Appetit auf Worte, auf fremde und auf eigene, geworden, biete ich seit fünf Jahren Kurse für kreativ Schreibende an: für AnfängerInnen und Fortgeschrittene, in Form von fortlaufenden Gruppen, Wochenenden und Haiku-Workshops, in denen wir aus der Stille der Meditation Dreizeiler schreiben in der Tradition des Zen. Vieles von dem, was mein ständiges Forschen nach innen und außen mir an Einsichten und Werkzeugen beschert hat, fließt ein in diese Arbeit und bereichert den kreativen Prozess: Meditation und die Freude am körperlichen Ausdruck, Atem-, Stimmübungen, Visualisierungen, Elemente aus der Theaterarbeit, Entspannung, Wortspiele, professionelle Textbearbeitung.
„Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem/und schreib es auf Goldgrund und groß...“, steht in Rainer Maria Rilkes Stundenbuch. Kreativ schreiben heißt, sich den Anfängergeist bewahren - die Welt, Menschen, Tiere, Dinge mit immer neuen Augen sehen, mit immer neuen Ohren erlauschen, offen für das Mysterium dieses Lebens, für das scheinbar Unbedeutende, das dem Produkt orientierten, effizienten, besitzdenkenden Blick entgeht:
- das Kind mit Glöckchen an der Mütze, das sich mit Leidensmiene vom Vater die lange Treppe zur S-Bahn hochziehen lässt.
- der Teller mit Zimtsternen auf dem Küchentisch an einem Wintermorgen; draußen fällt der erste Schnee. - die Katze, die von einem Bein auf das andere tritt, nicht wissend, ob sie gehen oder bleiben soll.
Fangen wir an: Satzblödeleien und Faltblattgeschichten, erstes Gestotter und Fluss der Worte. Das Gesicht beginnt zu glühen und die Worte sprudeln so schnell, dass der Stift sich beeilen muss, um sie einzuholen. Die Lippen buchstabieren mit. Stummes wird laut. Altbekanntes erschließt uns im Spiel mit Worten neue Ebenen. Schreibend öffnen sich uns tiefere Schichten unseres Erlebens.
Dabei ist die lebendige Dynamik der Gruppe - quer zum hartnäckigen Gerücht, das Schreiben gelänge im Alleinsein am besten - eine große Unterstützung. Wo wir aufgeben wollen, macht sie uns Mut. Sie regt uns an, wenn wir ratlos am Stift kauen und gibt uns erste Rückmeldungen. Sie schenkt uns ein Lachen, wenn wir zu verzweifeln drohen, hilft uns, den inneren Zensor zu überlisten und erweitert die Facetten unserer Wahrnehmung, unseren Wortschatz, unseren Stoff. Und sie lädt verstärkt jenen Faktor X ein, der unseren Texten überraschende Nuancen und eine faszinierende Eigenart verleiht.
Tun wir es einfach - begeben wir uns in entspannter Atmosphäre in den Raum unserer Kreativität. Wir müssen nirgendwohin und halten uns bereit. Behutsam angeleitet und inspiriert durch die anderen Schreibenden im Raum, zücken wir unseren Stift. Wir zwirbeln uns die Haare, fassen das leere Blatt entschlossen ins Auge, schenken dem Nörgeln des inneren Kritiker ein gütiges Lächeln und - schreiben.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.