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Ausgabe Januar/Februar 2003
Die Dynamik des Selbstbetrugs innerhalb von Liebesbeziehungen

Angela Przibilla-Heidt schreibt über Beziehungen und ihre verborgenen Aspekte

art20479
Unlebendige Beziehungen

Viele Paare leben jahrelang im chronischen Kompromiss. Aus dem anfänglichen Miteinander ist ein für beide unbefriedigendes Nebeneinander-Herleben geworden, was in der Regel ganz gut funktioniert, solange keine wesentlichen Katastrophen dieses zerbrechliche Konstrukt erschüttern. In jeder Beziehung existiert ein drittes Objekt. Es symbolisiert die Verbindung des Paares, den gemeinsamen Plan. Dies kann ein gemeinsames Projekt auf der materiellen, beruflichen oder spirituellen Ebene sein, auf das die Energien gerichtet werden und/oder die Gründung einer Familie beinhalten. In seiner erlösten Form sorgt es für Lebendigkeit in einer Beziehung, in der zugleich ein gemeinsamer Weg wie auch der individuelle Weg des Einzelnen existiert. Wurde die Beziehung allerdings auf der Basis von Vorstellungen und Erwartungen an den Partner gegründet, also aus einem Mangelgefühl heraus, dass ich nur bei dem Anderen das finde, was ich suche, wird es problematisch. Dann dient das dritte Objekt dazu, aus Verlustangst den Partner an sich zu binden.

Kinder

Oft entsteht aus dieser meist unbewussten Angst heraus der Wunsch nach einem oder mehreren Kindern. Die Hoffnung und Erwartung, die hinter diesem Wunsch stehen, ist z. B., dass die Beziehung durch ein Kind wiederbelebt werden soll, dass durch das gemeinsame Erleben der Elternschaft eine neue, tiefere Verbindung zwischen dem Paar entsteht, dass ein oder mehrere Kinder das Leben sinnvoller machen etc. “Wenn wir ein Kind miteinander haben, gibt es wieder eine gemeinsame Zukunft, eine Perspektive.” “Wenn wir ein Kind miteinander haben, kannst du mich nicht mehr verlassen.”
Mit dem ersten Kind erfährt eine solche Beziehung zumeist einen Aufschwung. Vom Wunder der Entstehung von Leben und dem Erlebnis der Geburt und der Entwicklung des gemeinsamen Kindes sind beide Partner in der Regel zunächst gleichermaßen tief berührt und fasziniert. Doch bald, spätestens wenn das Kind mit ca. drei Jahren anfängt, ein Ich-Bewusstsein zu entwickeln und beginnt, sich von den Eltern abzugrenzen, stellt sich die alte Problematik innerhalb der Beziehung verstärkt wieder ein. Zu diesem Zeitpunkt entsteht oft der Wunsch nach einem zweiten Kind - ich nenne es das “Kitt-Kind”. Es soll das Gefühl der Verbundenheit wiederherstellen, das mit der Schwangerschaft und der Geburt des ersten Kindes entstanden ist. Dieser Wunsch geht oft von der Frau aus. Wird er realisiert, verändern sich die Energien und die Dynamik innerhalb der Familie oft auf dramatische Art und Weise. Kinder sind “Wahrheitsbringer”, die gnadenlos enthüllen, auf welcher Basis die Beziehung der Eltern in Wirklichkeit begründet ist. Alle Beziehungsthemen, die bislang unter den Teppich gekehrt wurden, kommen nun unaufhaltsam nach und nach ans Licht. Die Situation innerhalb der Familie spitzt sich mehr und mehr zu. Gefühle der Enttäuschung, der Frustration, Fluchtimpulse, Aggression bis Hass auf den Partner werden stärker und stärker. Was so hoffnungsvoll begann, erweist sich nun als ein selbsterschaffener Teufelskreis, der das Paar wieder und wieder auf die Beziehungsgrundthematik zurückwirft. Das Paar scheint auf Gedeih und Verderb aneinander gebunden zu sein, nicht zuletzt dadurch, weil die Frau sich meist nunmehr in einer wirtschaftlich abhängigen Lage befindet.
Es wird immer häufiger und hemmungsloser gestritten. Alle Energie und Hoffnung geht zu den Kindern, die dem Familienleben Inhalt geben sollen, zu der Notwendigkeit des Aufbaus und Erhaltes einer wirtschaftlichen Sicherheit und nicht mehr dahin, gut für sich selbst zu sorgen. Sich-Ausgebrannt-Fühlen, ein grundsätzliches Gefühl von Sinnlosigkeit und eine tiefe Unzufriedenheit sind die Folge. Erste Trennungsgedanken tauchen auf, aber die wirtschaftliche Situation sowie die Existenz von noch kleinen Kindern lassen einen derartigen Schritt unmöglich erscheinen. Trotz aller Verdrängungsmechanismen wird der Leidensdruck größer und größer.

Sehnsucht in Partnerschaften
Worauf begründete sich einst die Beziehung eines solchen Paares? Mit welchen Hoffnungen, Sehnsüchten und vor allem Vorstellungen wurde diese Beziehung eingegangen? Oft sind es Verbindungen aus einem Mangelgefühl heraus: Ich suche beim anderen, was ich in mir selbst nicht finden kann oder glaube, nie bekommen zu haben, z.B. von den Eltern. Gibt es Parallelen in der Lebensgeschichte der Partner, durch die das Paar sich einander angezogen fühlte? Welche unbewussten persönlichen Lebensverträge haben zur Entscheidung für gerade diesen Menschen geführt? Welche Erfahrungen in der persönlichen Geschichte des Einzelnen haben seine Wahl beeinflusst?

Wiederholung von unerlösten Geschichten
Ofmals wiederholen sich unerlöste Geschichten immer wieder und wieder in ähnlicher Form, ohne dass uns wirklich klar wird, warum das so ist. Wie in einer Endlosschleife bewegen wir uns in immer gleichen Zyklen um die blinden Flecken unseres Selbst, ohne zu begreifen, worum es eigentlich geht. Wird der Mittelpunkt, die Ursache dieses unseligen Kreislaufes, einmal sichtbar gemacht, besteht die Möglichkeit, diesen zu durchbrechen und andere, völlig neue Erfahrungsebenen zu wählen. Natürlich reicht die Bewusstwerdung allein nicht aus, um im Wesentlichen etwas zu verändern. Dem Gedanken, dem Wissen um das Warum muss immer auch die Handlung, die Tat im Hier und Jetzt folgen. Nur in der Bewegung liegt der Wandel. Die Bewusstwerdung ist einer von vielen Schritten, keinesfalls die Lösung. Diese findet sich im Prozess selbst, in der Entwicklung, dem Handeln, Ausprobieren, der Bewegung. Auch unsere Irrtümer, das Sich-Eingestehen derselben und die Selbstakzeptanz und Selbstvergebung unserer Unvollkommenheit dienen lediglich dem Evolutionsprozess des Einzelnen. Den Weg der Erleuchtung, den viele anstreben, ohne sich mit den eigenen Schatten auseinandersetzen zu wollen, ohne den Blick hinter den Vorhang unserer Vorstellungen von uns selbst und anderen und ohne Akzeptanz all unserer neurotischen Aspekte ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. In meinem persönlichen Prozess hat sich gezeigt, dass ich erst in dem Moment wirklich offen war für die Beziehung, die ich mir immer ersehnt hatte, als ich fühlte, niemanden zu brauchen, um glücklich zu sein.


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