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Ausgabe Mai/Juni 2010
Netz der Verbundenheit, Doris Iding sprach mit Pyar Troll-Rauch über ihr neues Buch zum Thema „Wir“.

Die spirituelle Lehrerin Pyar Troll-Rauch ist bodenständig, sozial & ökologisch engagiert und arbeitet als Ärtztin. Ihr neues Buch „Wir“ ist ein Plädoyer für im Alltag gelebte Spiritualität und die Einsicht in unsere soziale Verbundenheit.

Was hat dich zu deinem neuen Buch "Wir" inspiriert?

Obwohl ich keine Expertin für Wirtschaft oder Ökologie bin, hoffe ich, mit diesem Buch Anregungen geben zu können, wie wir mit anstehenden Problemen kreativ umgehen können. Ich wage das deshalb, weil ich sicher bin, dass wir vieles von dem, was uns unter den Nägeln brennt und uns leiden lässt, nur lösen können, wenn wir bereit sind, auf einer sehr tiefen Ebene unseres Geistes dazuzulernen und umzudenken. Genau das ist das Gebiet, auf dem ich seit Jahren arbeite. Wir alle wissen zutiefst, dass wir in einem staunenswerten, das All durchwirkenden Netz der Verbundenheit verwoben sind.

Wir sind ein großes Wir, und doch leiden wir oft an Abtrennung, Unverständnis, Entfremdung. Wir erleben Begrenzung und Hilflosigkeit, ökologische, soziale und wirtschaftliche Krisen und Probleme. Diesem Thema nachzugehen ist mir ein großes Anliegen, denn um mit den Herausforderungen unserer Zeit intelligent umgehen und ökologische, soziale und politische Probleme nachhaltig lösen zu können, halte ich es für wesentlich, dass möglichst viele Menschen ein tiefes Verständnis und eine tiefe eigene Erfahrung der überpersonalen Dimension des klaren Gewahrseins des Geistes gewinnen und sich darin stabilisieren.

Nicht weniger wichtig ist es, die Wirklichkeit der wechselseitigen Verbindung und Abhängigkeit aller Wesen zutiefst zu verstehen, zu erfahren und umzusetzen. Meines Erachtens kann es nur mit dieser Sicht aus dem reinen Gewahrsein und im Erfahren der Vernetztheit unserer inneren Strukturen und unserer Umwelt gelingen, adäquat auf die Herausforderungen unserer Zeit zu antworten und dabei ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Ich wage zu behaupten, dass diese Sicht aus umfassenderem Gewahrsein heraus die Grundlage für jede nachhaltige Veränderung ist, die über ein Flickwerk hinausgehen soll. Ich halte diese Sichtweise daher für unabdingbar für uns alle - seien wir Ärzte oder Handwerker, Büroangestellte oder Top-Manager, Anwälte oder Politiker, Eltern oder Singles.


Was genau verstehst du unter "Entfremdung", und wie können wir sie überwinden?

Entfremdung bedeutet, dass einem etwas fremd ist oder sich fremd anfühlt, obwohl es von Natur aus vertraut und nahe wäre. Zum Beispiel empfinden viele Menschen Entfremdung gegenüber Anteilen ihres eigenen Geistes. Dies wird zu Recht als leidhaft empfunden - genauso wie die Empfindung der Entfremdung gegenüber Menschen, die einem nahe stehen. Besonders heikel wird die Angelegenheit jedoch, wenn wir uns an eine Entfremdung so sehr gewöhnt haben, dass wir sie gar nicht mehr als schmerzlich wahrnehmen, denn dann geht uns die Motivation zur Veränderung verloren, obwohl sie vielleicht dringend nötig wäre.
Ein Beispiel dafür ist die Entfremdung gegenüber unserer Nahrung. Viele Menschen sind bereits so an Nahrung in Pappschachteln und anderen Verpackungen gewöhnt -meist sogar bereits gewürzt, gekocht und geschmacksverstärkt -, dass sie gar kein eigenes Gefühl mehr für ihre Nahrung und ihr Bedürfnis haben und verlernt haben, unverfälschte Nahrung als solche zu erkennen, auszuwählen und zu verarbeiten. Am Ende steht man da, ist tatsächlich auf die Inhaltsangaben auf der Verpackung angewiesen und bezieht seine Information aus der Werbung.
Kürzlich sah ich eine Sendung mit TimMälzer: "Deutschland isst". Mich beeindruckte zu sehen, wie Mälzer eine Familie, die bis dahin im Wesentlichen Fertigprodukte aß und mit frischen Nahrungsmitteln gar nicht umzugehen wusste, dabei begleitete, ein Bewusstsein für Nahrung zu entwickeln. Es war schön zu sehen, wie offen die Familie nach einer Woche war, zu lernen und Neues auszuprobieren. Dazu mussten sie aber durch einen Prozess der Frustration und der Einsicht gehen. Solche Aufklärung und Informationsarbeit halte ich für dringend notwendig. Das ist bereits ein Beispiel dafür, wie in ganz grundlegenden Bereichen Entfremdung überwunden werden kann: Als erstes muss sie als solche wahrgenommen werden, was schmerzlich sein kann. Dann ist es möglich, eine neue Beheimatung zu beginnen - wir können das, was uns fremd wurde, wieder freundlich aufnehmen und integrieren. Diese Integration erfordert Offenheit und Lernen. Ähnlich wie in dem Beispiel mit der Nahrung gilt das auch in vielen anderen Bereichen unseres Lebens.


Wenn ich dein Buch anschaue, kommt es mir etwas widersprüchlich vor: außen auf dem Cover eine sehr verspielte Zeichnung der Erde, die an den kleinen Prinzen erinnert. Innen findet man dann Mindmaps als Orientierungshilfe. Warum dieser extreme Kontrast?

Oh, ich empfinde das gar nicht so als Kontrast. Mit dem Cover möchte ich vermitteln, dass es zwar um wichtige Themen geht, dass aber unser Geist sehr wohl spielerisch damit umgehen kann. Eine spielerische Herangehensweise kann unsere Kreativität und unsere Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sogar fördern.Mir persönlich geht es mit den Mindmaps ähnlich: Wenn ich zu einem Thema damit arbeite, entspannt sich mein Geist und erfreut sich daran, dass er mit all diesen Verbindungen und Möglichkeiten spielen kann. Das entspricht unserer neuronalen Struktur und ermöglicht uns, ohne allzu viel Ernst oder gar Stress auch komplexe Themen oder Probleme anzugehen. Bei beidem - beim Cover und bei den Mindmaps - dachte ich im Entstehungsprozess öfter an die Aussage Jesu: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..."
Wenn man den spirituellen Weg geht, kommt man meines Erachtens automatisch mehr und mehr mit dem Wir in Kontakt.


Ich bin aber immer wieder erstaunt, dass ich doch auf sehr viel spirituellen Narzissmus treffe. Wie erlebst du diese Entwicklung? Kannst du meinen Eindruck bestätigen?

Ja, mir geht es da wie dir. Vielleicht kommt es aber auf die ursprüngliche Motivation an, mit der man sich auf den spirituellen Weg macht. Geht es einem da um die Suche nach Wahrheit und Liebe? Ist man daher bereit, dafür auch eigene Bequemlichkeit zu opfern? Oder geht es einem primär um das eigene Wohlbefinden - was natürlich leicht zu spirituellem Narzissmus führt und einem dadurch dieTür zur Wahrheit der Verbundenheit verschließt. Natürlich kann man seine Motivation auch unterwegs immer wieder klären. AmEnde führt die Weisheit der Verbundenheit zu tiefem Wohlsein und Glück.


Mein Empfinden ist auch, dass diese Menschen schon das Gefühl haben, dass ihre Motivation die tiefe Suche nach Wahrheit und Liebe ist. Wie kann ich herausfinden, ob meine eigene Motivation eine tief spirituelle ist, oder ob ich dabei meinem eigenen Ego auf den Leim gehe? Das setzt doch eine enorm tiefe Kenntnis des Geistes voraus, oder?

Die Herausforderung, über den Rand der eigenen Suppenschüssel zu blicken, bleibt. Wichtig ist dabei, die Achtsamkeit zu pflegen und sie immer wieder auf diese Herausforderung zu richten. Es geschieht so leicht und in allen Bereichen unseres Lebens, dass wir die Fenster und Türen schließen und uns einspinnen in einen Kokon scheinbaren Wohlbefindens. Das geschieht im spirituellen Kontext, den du beschreibst, genauso wie im wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kontext. Nur ein Beispiel: Wie oft nimmt man sich vor, keine Billigprodukte mehr zu erwerben, deren niedriger Preis auf der Ausbeutung von Menschen in anderen Kontinenten beruht. Und wie oft kauft man dann doch zum Beispiel Textilien aus Vietnam. Ursache für dieses Einspinnen in einen Kokon ist oft eigene Verletztheit, Mutlosigkeit oder das Gefühl von Hilflosigkeit und noch darunter ein Mangel an Verwurzelung in der zweifelsfreien Gewissheit der grundlegenden Gutheit des eigenen Wesens und aller Wesen. Also müssen wir die liebevolle Achtsamkeit zugleich auf die Stärkung dieser Gewissheit und auf die Dinge jenseits des eigenen Suppenschüsselrandes richten. Das braucht Übung.


Und wie und wo üben wir das am besten?

Dieses Üben hat zwei Teile: Der erste Teil des Übens ist die Meditation, in der wir uns auf unser Kissen setzen und Gewahrsein üben. Dabei üben wir konzentriertes Gewahrsein z.B. auf den Atem. Oder wir üben offenes Gewahrsein, in dem alles, was erscheint, erscheinen darf - Gedanken, Gefühle, Körpersensationen - und wir dabei unsere Achtsamkeit an keines dieser Phänomene heften, sondern es weit und offen lassen und dadurch den Raum, in dem das alles geschieht, wahrnehmen und erfahren. Wir erfahren in dieser Meditation auch unsere eigene Essenz, die selbst raumhaft und klar ist. Wir lernen unsere Essenz kennen als grundlegend gut und können uns so im Lauf der Zeit in dieser Gewissheit stabilisieren. Im nächsten Schritt der Meditations- Praxis üben wir Mitgefühl. Wir üben Mitgefühl aus der Gewissheit unseres eigenen grundlegenden Gutseins und des grundlegenden Gutseins aller Wesen heraus. Für die Praxis des Mitgefühls gibt es z.B. die alte tibetisch-buddhistische Technik des Tonglen, bei der wir den Atem benutzen, um uns in Mitgefühl zu üben. Wir machen uns dabei auch klar, wie tief wir alle in einer wechselseitigen Beziehung und Abhängigkeit stehen. Das ist auch ein wesentlicher Aspekt meines neuen Buches. Dort nannte ich dieses Geflecht der wechselseitigen Beziehung "Indras Netz".
Der zweite Teil des Übens und ein weiterer wesentlicher Teil des Buches betrifft unseren Alltag. Wo auch immer wir gerade sind, üben wir, uns der Einsichten zu erinnern, die wir in der Meditation gewonnen haben, und sie umzusetzen. Dieses Üben gestaltet sich natürlich ständig neu, und es ist immer spannend. Besonders spannend ist dieses Üben genau an den Punkten unseres Alltags, an denen wir Fremdheit, Trennung oder Entfremdung kennen oder sogar gewohnt sind. Also z.B. in vielen Arbeitsprozessen oder in unserer Beziehung zu Werten.


Hat das Üben im Alltag überhaupt noch einen Sinn? Ich habe das Gefühl, dass wir uns wirtschaftlich, politisch und sozial in einem derart desolaten Zustand befinden, dass ich mir manchmal gar nicht mehr sicher bin, ob überhaupt noch etwas zu retten ist.

Ja, dasÜben im Alltag hat einen Sinn! Sicher stehen wir vor großen Herausforderungen wirtschaftlicher, politischer, sozialer und ökologischer Art. Im Angesicht dessen kann unser Geist prinzipiell drei Haltungen einnehmen - zwei davon sind unheilsame Extreme. Das eine unheilsame Extrem ist die Verleugnung der Gefahr oder die Flucht in eine scheinbar heile Welt, sei sie persönlicher, medienbetäubter oder spiritueller Natur. Das andere Extrem ist die Resignation. Die dritte Geisteshaltung bewegt sich in der Mitte - hier taucht wieder Buddhas uralte Weisheit des Mittleren Weges auf. Diese Geisteshaltung ist bereit, sich den Herausforderungen, auch den Gefahren, auch den schmerzlichen Wandlungs-, Veränderungs- und Integrationsprozessen zu stellen, im Wissen um unser Potenzial und um unsere transpersonale spirituelle Dimension, und das mit Zuversicht, Mut, Freude und handelndem Mitgefühl.
Wenn ich unsere Geschichte betrachte, komme ich zu dem Eindruck, dass es weder besonders gute noch besonders schlechte Zeiten gibt. Jede Zeit hatte ihre Herausforderungen, und jede Zeit hat natürlich neue Herausforderungen, die wir noch nicht kennen. Es gab in Europa Zeiten der Hungersnöte, der Pestepidemien, Klimakatastrophen wie die kleine Eiszeit, unzählige Kriege.
Unsere Zeit in Europa hat ihre eigenen Krisen und Gefahren und wir sind dringend aufgerufen, soziale und ökologische Probleme an der Wurzel zu lösen. Aber sie ist für uns Westeuropäer auch die Zeit, in der wir seit über 60 Jahren keinen Krieg erlebten, in der die Lebenserwartung rasant anstieg, in der es Möglichkeiten freier, individueller Lebensgestaltung gab wie nie zuvor.

Mein Aufruf ist: Lasst uns diese Freiheit und diese Möglichkeiten intelligent nutzen zum Wohl aller Wesen und unseres blauen Planeten! Lasst sie uns nutzen mit Freude und Zuversicht und unter Einbeziehung unserer vertikalen Dimension der Spiritualität.


Hast du abschließend einen Tipp für Leser, die bislang überwiegend Resignation empfinden?

Ich habe versucht, das neue Buch mit vielen solchen Tipps zu spicken, denn ich weiß, wie leicht unser Geist in Resignation verfällt. Ein einfacher Rat stammt von Martin Luther, der sagte: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen." Ich nenne das das Zauberwort "Trotzdem". Selbst wenn du resigniert bist, tu trotzdem etwas Schönes, Heilsames, Integrierendes! Übe trotzdem eine klare, achtsame, liebevolle Geisteshaltung, und dann schau, ob die Resignation unter dieser regelmäßigen Gabe der Trotzdem-Medizin sich wandelt in Zuversicht und Freude. Und nimm dir Zeit dafür! Es braucht Geduld. Auch Luthers Apfelbaum wächst nicht von heut' auf morgen.


Wir danken Dir für das Gespräch.

Aus: Connection spirit 2/2010, www.connection.de mit freundlicher Erlaubnis der Autorin und des Verlages

Dr. med. Pyar Troll-Rauch ist eine Frau, die zeitlebens nach der Wahrheit fragte. Gleichzeitig führt sie ein ganz normales Leben. Sie studierte Medizin und arbeitet auch heute noch als Ärztin. ihre Suche endete mit dem Erlöschen der separaten Person, sagt sie, dem Erlöschen der Identifikation mit einem Körper, einem ich, einem Ego. www.pyar.de
Die Autorin Doris Iding ist Ethnologin und Religionswissenschaftlerin und lebt als freie Autorin in München.

Buchtipp: Pyar Troll, Wir – Wege zur Verbundenheit. Bielefeld 2009, 164 S., Hc, 18 €


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