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Ausgabe Januar/Februar 2003
Ein Kraut für alle Fälle

Ausbildung in Pflanzenheilkunde

art19799
Krankheiten begleiten unser menschliches Dasein. Und wie der Volksmund weiß, ist gegen jedes Übel ein Kraut gewachsen. Früher wahrten und überlieferten Kräuterhexen dieses Wissen, heute bietet die Samuel-Hahnemann-Schule eine Ausbildung in Pflanzenheilkunde an. Die Dozentin Saskia Dörr veranschaulicht an einem Beispiel die weitreichende Wirkung von Heilpflanzen.

Zeit. Wir können sie schwer definieren und sie lässt sich so gut wie gar nicht messen - lernen wir doch schon als Kinder, dass nichts länger dauert als die Zeit bis Weihnachten. Ein wissenschaftlicher Philosoph hat als Ergebnis einer Studie über Lebenszeit festgestellt, dass die ersten 18 Jahre eines Menschen genauso lange empfunden werden wie der gesamte Rest seines Lebens. Zeit ist also immer Privatsache, immer relativ und höchst individuell. Die Dehnbarkeit der Zeit kann jeder sofort nachprüfen: Die Stunde vom Aufstehen bis zum eiligen Hasten nach dem Bus vergeht wie im Fluge, während sich das Warten auf die Anschluss-U–Bahn bedrohlich in die Länge zieht. Und da beginnt der teuflische Kreislauf: Hetze, Stress, Drucksymptome, nervöses Wippen, Ärger über vermeindliche Verzögerer, die das Ankommen zu boykottieren scheinen. Was kann jetzt Heilpflanzentherapie in dieser Situation verändern? Dazu folgendes Beispiel:

Beispiel aus der Praxis

Meine Patientin Frau Müller kommt mit chronischen Durchfallerscheinungen, die schulmedizinisch als Reizdarmsyndrom diagnostiziert wurden. Die Therapie der Ernährungsumstellung war bedingt erfolgreich, da die Symptome sofort zurückkehrten, als sie für einige Tage die Diät unterbrach. Nach Jahren dieser Diät kam sie zu mir. Ich habe ihr eine Heilpflanzenmischung verordnet, die als erstes unter anderem ihre nervale Situation nährend beeinflussen sollte. So eine 200 Gramm–Mischung will jedoch erst einmal getrunken sein, bevor sie ihren Dienst tun kann. Und hier beginnt auch schon der erste Schritt zu einem neuen Zeitmanagement: Frau Müller musste nach einer Woche eingestehen, dass sie es nicht schaffte, die drei verordneten Tassen zuzubereiten, um sie dann noch vor ihren Mahlzeiten zu trinken. Wir haben die schwachen Stellen in ihrer Tagesgestaltung gefunden und sie auf ihre Möglichkeiten abgestimmt.

Vier Wochen später
Nach vier Wochen kam sie zum Follow–up in die Praxis und berichtete Folgendes: Sie habe morgens 20 Minuten früher aufstehen müssen, um den Kräutertee zuzubereiten, was ihr am Anfang sehr schwer gefallen sei, da sie - bedingt durch ihre desolate Verdauungssituation - sowieso schon unter chronischer Müdigkeit und Erschöpfungszuständen litt. Nach einer Woche jedoch waren die ersten Zeichen einer Besserung dahingehend eingetreten, dass sie wesentlich ausgeruhter und erholter aufwachte, obwohl ihr fast eine halbe Stunde weniger Schlaf zur Verfügung stand. Sie konnte jetzt morgens auch eine Kleinigkeit essen, was ihr früher unmöglich schien, da ihr der Appetit völlig fehlte. Auch dafür fand sie neuerdings Zeit. Sie sei niemals ein Morgenmensch gewesen, nun aber fiele es ihr das erste Mal im Leben nicht mehr so schwer aufzustehen. Sie sei auch deutlich freundlicher, worauf ihre Kollegen mit netten Bemerkungen reagierten. Ihr Darm war zwar nicht deutlich besser, aber sie verspürte nun auch Zusammenhänge, die sie unmittelbar zum Stuhlgang zwangen. Damit war sie jetzt auf dem Wege, die Situationen besser einzuschätzen, in denen sich ihr Darm der Verdauungsarbeit entzog, denn zunächst war diese vermehrte und rasende Tätigkeit eine sinnvolle Reaktion des Darmes. Sie beobachtete, dass es vor allem ärgerliche Situationen waren, in denen sie nicht reagierte, sondern sich ängstlich zurückzog. Aber Pflanzen wie u.a. Schöllkraut als heimische Mohnart, Walnussblätter und Thymian werden ihr in Zukunft die Kraft geben, geeignet und direkter zu reagieren. Sie hat die Nerven nährende Wirkung und die rhythmische Idee des Tees aufgenommen, was zu Änderungen in ihrem Organsystem führt. Das ist nicht allein nur einer Addition von Wirkstoffen aus der Heilteemischung zuzuschreiben, und es ist auch keine Suggestion. Es ist vielmehr ein typisches Bild für das Wirken von Heilpflanzen im Menschen, wie ich es mit dem Bild von kleinen, emsigen Zwergen im Bergwerk unseres Körpers beschreibe, die Tag und Nacht ihre harte Arbeit tun. Sie sind wie die Heinzelmännlein nicht sichtbar, die Kraft des Einzelnen ist sehr gering, aber zusammen und regelmäßig geben sie dem geschwächten Organismus Kräfte zurück, an die sich selbst der verformteste Körper wieder erinnert, wenn er Kontakt zu diesen grünen Wesen bekommt.

Fünf Monate später
Frau Müller hat alle vier Wochen nun von mir eine verwandelte Mischung verordnet bekommen, die sie immer müheloser trinken konnte. Zum Ende, nach ca. fünf Monaten, forderte sie auch bestimmte Pflanzen ein, besonders die bitteren hatten es ihr inzwischen angetan. Sie hat keine Darmbeschwerden mehr, ihre Kraft ist zurückgekehrt und wir arbeiten nun an den Ängsten, die sie über viele Jahre gesammelt hat. Auch hier sind meine Heiltees immer präsent, auch wenn ich für die Angstbehandlung inzwischen Homöopathika einsetze.

Welche ökologische Nische bewohnt der Mensch?
Die Grünlinge und wir sind ja Bestandteil einer Schöpfung, auch wenn es manchmal schwer fällt, unsere ökologische Nische zu erkennen. Rudolf Steiner meinte dazu, dass diese Nische wohl die Liebe sein müsse, denn ansonsten sei der Mensch in der Kette der Lebewesen wohl recht entbehrlich.Mein Bild vom unterirdisch ordnenden, hervorbringenden und ausleitenden Prinzip der Heilpflanzen ist aus der Erfahrung erwachsen, dass gerade die chronischen Krankheiten aus einer Situation entstanden sind, die nur einen geringen Anlass, eine geringfügige Verschiebung von Kräften zur Ursache hatte, diese aber nicht mehr rechtzeitig behoben wurde oder ausgeglichen werden konnte. Eine solche Verschiebung führte über die Monate und Jahre dann zu einem Ungleichgewicht im sehr streng geordneten System Mensch, was uns in der Praxis als Krankheit erscheint. Oft erfahre ich über die Krankheit mehr, wenn die Patienten erst einmal einen Teedurchlauf getrunken haben und sich Symptome verändert oder gänzlich aufgelöst haben. Es sieht manchmal wie eine Rückwärtsbewegung aus, und die wesentlichen Aspekte der Erkrankung werden sichtbarer. Die Heilpflanzen bereinigen die Vielzahl nebeneinander existierender Erscheinungen, und ich kann oft erst deutlich sehen, wenn diese Symptomschleier sich aufgelöst haben. Und dafür nehme ich mir Zeit. Zeit, die ich habe, weil auch ich am Anfang meiner Ausbildung einen Tee von meinem Meister bekam, der mich in meinem hektischen Leben in die Knie gezwungen hat, indem ich dreimal am Tag mir, und nur mir, etwas Gutes tat. Es war das Unbewusste, das Bergwerk voller Heinzelmännchen, das in mir wirkte, und ich fand und finde immer wieder meinen Weg, wenn ich diese kraftvollen Helfer an mir ihren Dienst tun lasse.
Im Februar 2003 startet die Samuel-Hahnemann-Schule den 1. Kurs einer Ausbildung in Pflanzenheilkunde. Die Schule übernimmt es dabei, dem Schüler Kenntnisse und Fähigkeiten der Pflanzenheilkunde zu vermitteln, die diesen befähigen, nach erfolgter gesetzlicher Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde in dem Therapiebereich praktisch tätig zu sein. In zwei Jahren hat der Schüler die Möglichkeit, praxisbetonte Kenntnisse der heimischen Heilpflanzen zu erwerben. Der Unterricht findet jeweils dienstags von 19.00 bis 22.00 Uhr statt.


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