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Ausgabe Januar/Februar 2003
Dem Lernen Flügel geben

Lernblockaden abbauen und Talente fördern: die Lernberatung der Praktischen Pädagogik - Vortrag mit Dagmar Renicke

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Unlust, Konzentrationsprobleme, Hyperaktivität sowie Lese-, Schreib- und Rechenschwächen gehören zum schulischen Alltag. Viele Kinder sind unruhig, ängstlich und sehen sich als Versager. Aber auch Erwachsene haben aufgrund einschlägiger Erfahrungen Glaubenssätze verinnerlicht wie z.B. „Ich verstehe nichts“, „Ich bin überfordert“ oder „Ich bin eben dumm“. Reizüberflutung, Leistungsdruck und emotionale Probleme lähmen das Denken und blockieren die Lernfähigkeit. Die Lernberaterin und Lehrerin Dagmar Renicke stellt die Methode der Lernberatung nach dem Konzept der Praktischen Pädagogik vor, mit der behindernde Stressmuster abgebaut und ein ganzheitlicher Zugriff auf vorhandene Fähigkeiten und Talente wieder möglich wird.

Lernblockaden zeigen sich vielfältig
Marco „erfindet“ beim Lesen Wörter. Weil er ungenau liest, versteht er auch nicht, was in einer Textaufgabe verlangt wird. Johannas Schrift dagegen ist beinahe unleserlich. Sie hält den Stift verkrampft und schreibt stockend. Die Aufforderung, schöner und flüssiger zu schreiben, lässt sie noch mehr verkrampfen und das Schriftbild verschlechtert sich. Weil Sarah sich nichts zutraut und Angst hat, etwas Falsches zu sagen, zieht sie sich immer mehr zurück, wird zunehmend ausgegrenzt und will nicht mehr zur Schule gehen. Christian hingegen ist immer vorne weg und kann keinem Streit aus dem Weg gehen, aber auch nicht in Ruhe nachdenken und sich konzentrieren.

Verstärktes Üben hilft oft nicht.
Die Beispiele von Lernblockaden, mit denen Kinder in meine Praxis kommen, ließen sich beliebig erweitern. Mütter und Väter haben diesen Kindern häufig jede Möglichkeit der Unterstützung zukommen lassen, von engagierter Eigenhilfe am Nachmittag bis zur professionellen Hausaufgabenhilfe oder Nachhilfe. Doch oft müssen sie enttäuscht feststellen, dass Drill und Training nicht zum gewünschten Erfolg führen - im Gegenteil: Ihr Kind wird immer lustloser, sie selbst frustrierter und die Erfolge stellen sich trotzdem nicht ein.
Erklärungsversuche sind dann häufig mit Schuldzuweisungen verbunden. Die Kinder werden als faul oder unwillig bezeichnet, sie resignieren oder fühlen sich dumm. Die Eltern sind verunsichert und am Ende gestresst und hilflos. Aber nicht nur Kinder haben mit Lernblockaden zu kämpfen und darunter zu leiden: Auch Erwachsene kennen das Gefühl, „ein Brett vor dem Kopf“ zu haben, Entscheidungen nicht treffen zu können oder in belastenden Lern- und Verhaltensstrategien gefangen zu sein. Hier setzt die pädagogische Lernberatung an.

Das geistige Potential nutzen
Leben bedeutet lebenslanges Lernen. Von Geburt an lernen wir individuell, uns möglichst ökonomisch an unsere Umwelt anzupassen. Jede Entwicklungsphase in unserer Kindheit beinhaltet immens viele einzelne Lernschritte, die sich bei „normalem“ Verlauf aus dem jeweils Vorhergehenden automatisch und logisch ergeben. Unser Gehirn ist so angelegt, dass es mit seinen einzelnen Bereichen - rechter und linker Gehirnhälfte, Vorder- und Hinterhirn sowie Großhirnrinde und Stammhirn - beim Lernen als Ganzes beteiligt ist und integrativ zusammenarbeitet. Nutzen wir unser Gehirn nur einseitig und kommen Angst und Leistungsdruck hinzu, entstehen Blockaden in der Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung. Unter Stress kann der Mensch nur einen Bruchteil seines geistigen Potentials nutzbar machen. Schwierigkeiten bei der Aufnahme, Verarbeitung und Wiedergabe von Wissen sind also nur Erkennungszeichen für tiefer liegende Probleme, und zwar nicht im psychologischen, sondern im pädagogischen Sinne.

Vorhandene Talente entdecken
Eine Metapher soll dies verdeutlichen: Ist es nicht sinnvoll, ein Instrument zu stimmen, bevor wir lernen, darauf zu spielen? Stattdessen beginnen wir sofort mit dem Spielen der Noten und wundern uns dann über die entstehenden Missklänge! Dieses Einstimmen hat sich die Praktische Pädagogik nach Ludwig Koneberg zur Aufgabe gemacht. Lernberater arbeiten mit Kindern und Erwachsenen. Sie wenden eine ganzheitliche Methode an, die keine Schuld zuweist für die eine oder andere Schwäche, sondern ihren Blick auf vorhandene Fähigkeiten richtet. Denn alle Fähigkeiten, die wir für ein erfolgreiches Leben brauchen, stecken in uns, wir müssen sie nur herausholen! Der lateinische Begriff für Erziehung, „educare“, beinhaltet diese Aufgabenstellung, da „educare“ nichts anderes bedeutet als „herausführen“, also die latenten, im Verborgenen liegenden Fähigkeiten ans Licht zu bringen. Im Mittelpunkt steht somit das vorhandene Talent, das wir im individuellen Rahmen fördern möchten, indem wir Lernblockaden auflösen und damit die Grundlagen für stressfreies Lernen legen.

Einstimmung statt Missklänge
Ergänzt wird die Praktische Pädagogik durch die Pädagogische Kinesiologie nach Dr. Paul Dennison. Sie bietet die Möglichkeit, über den Körper eine Kommunikation zwischen Berater und Ratsuchendem herzustellen, um die Grundlagen von Störungen zu ermitteln. So werden mit Hilfe des kinesiologischen Muskeltests - als Bio-Feedbacksystem des Körpers - individuelle Stressfaktoren und Lernblockaden aufgespürt. Durch gezielte Bewegungsübungen, wie z.B. aus dem BrainGym-Programm von Dennison sowie Modellen aus der Pädagogik, Philosophie und Kunst, wird Stress abgebaut und ein Raum für positive Erfahrungen geöffnet. Indem diese Form der Lernberatung Blockaden auflöst, wird die integrierte Zusammenarbeit verschiedener Gehirnbereiche ermöglicht, wodurch sich Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit von Kindern und Erwachsenen verbessern - die Grundlage für selbstverantwortliches Lernen.

Kinder wie Marco, Johanna, Sarah und Christian erfahren durch die Unterstützung der Lernberatung, dass sie ihre individuellen Fähigkeiten entfalten können und Lernen angstfrei möglich ist. Eltern und Bezugspersonen hingegen erhalten Hilfen im Umgang mit der Lernsituation des Kindes - und damit Lernanreize für sich selbst. Damit Lernen wieder Spaß macht.


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