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Ausgabe November/Dezember 2002
Therapie in Trance


art19132
Mit Hilfe von Trance ist es möglich, Seelenräume zu betreten, die wir aufgrund von Verletzungen “abgeschlossen” haben. Der Heilpraktiker Michael Zschiesche berichtet von seinen Erfahrungen und den einer Klientin.
Trancen ist leicht. Jeder kann es – jeder macht es tagein, tagaus. Wenn wir ein gutes Buch lesen, fallen wir in eine Art Trance-Zustand. Die Bilder der äußeren Realität verblassen – im Gegenzug entstehen Bilder vor unserem inneren Auge. Im Beispiel des Buches sind es die Bilder, die uns der Autor zeigt. Bei Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ entdecken wir den Drachen Fuchur in uns. Von ihm werden wir vielleicht ergriffen und lassen uns durch seine Welt tragen - wir träumen mit. Wenn uns ein guter Freund ein Teil seines Lebens erzählt, entstehen in uns beim Zuhören weitere Bilder. Wir sehen den Freund und was er erlebte in uns wieder - wir gehen mit ihm mit. Wenn wir einen Film sehen, gehen wir in Trance, identifizieren uns mit einem Schauspieler und erleben an seiner statt die Handlung - wir fühlen mit.

Die Seele – Summe der Erfahrungen
Über Bilder kann sich unsere Seele selbst erkennen. Sie gerät in Schwingung. Sei es, dass sie beglückt und fröhlich oder traurig und melancholisch reagiert. Die Seele – jene Wesenheit, die wir niemals fest ergreifen oder gar beweisen können – ist ein Bestandteil dessen, was wir als Leben bezeichnen. Oft sprechen wir über die Seele und erkennen sie doch nicht. Wenn man eine Definition für die Seele finden will, so ließe sich vorstellen: Sie ist alles, was mein Leben ausmacht. Die Seele ist mein vergangenes Leben – mein jetziges Leben – und mein zukünftiges Leben. Sie ist aufgeladen, oder besser gesagt angereichert mit Vergangenheit. Sie verändert sich in der Gegenwart und füllt sich in der Zukunft mit neuen Inhalten an. Sie ist alles, was mich heute in meiner Erscheinung und in meinem Leben bestimmt. Je nachdem, welche Inhalte in meiner Seele durch die Vergangenheit angereichert sind, so spiegelt sich mein heutiges Leben wieder. Die Seele ist ein Spiegelbild meines Selbst, die Summe der Erfahrungen.

Seelenräume
Darüber hinaus ist die Seele aber auch jener Ort, der meine ganzen Anlagen, also alles, was mich als Individuum ausmacht, in sich birgt und bereithält. Da gibt es einen Raum meiner Kreativität, einen Raum meiner Kraft, einen Raum meiner Liebe, einen Raum meiner Traurigkeit, einen Raum meiner Männlichkeit usw. Und es gibt in meiner Seele Räume all jener Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind - Menschen, mit denen ich verbunden war oder immer noch bin. Diese Seelenräume stellen mir mein Potential zum Leben zur Verfügung – solange es nicht etwas in der Vergangenheit gegeben hat, das mich dazu veranlasste, diese Räume nie wieder zu betreten und im wahrsten Sinne des Wortes abzuschließen.
Ein Beispiel mag diesen Sachverhalt erleuchten: In der Seele gibt es einen großen Raum der Liebe. Er ist direkt und ohne Umwege zu erreichen. Wenn ich mich verliebe, betrete ich mit meinem Partner zusammen diesen Raum. Angenommen unsere Liebe zerbricht, weil mein Partner mich verlässt, dann kann es sein, dass ich beschließe: Niemand darf mir jemals wieder so weh tun. Augenblicklich entsteht ein Flur und ein Raum mit meinem Schmerz, der mich nun vom Reich der grenzenlosen Liebe trennt. Jedes Mal, wenn ich mich unbedacht der Liebe nähere, komme ich in die Nähe des Schmerzes und bleibe von der wahren Liebe fern. So entstehen im Laufe der Zeit neue Räume - Beziehungsräume -, und es kann sein, dass der Flur meiner Partnerschaften lang wird. Dabei muss man allerdings wissen, dass jeder neue Partner an den Zimmern der alten Partnerschaften vorbeigehen muss. Und je nachdem, was er aus diesen Zimmern zu hören bekommt, kann es sein, dass er sagt: Nein, das ist mir viel zu viel – da dreh ich lieber gleich um. Und wieder entsteht ein neuer Raum. Wieder leidet die Seele.

Lösung
Wie kann nun der Seele und vor allem seinem Träger geholfen werden? Die Lösung ist einfach und doch nicht leicht. Man muss noch einmal hinabsteigen in die alten Geschichten und sich anschauen, was war und was ist - und muss sich mit den ehemaligen Partnern versöhnen. Dann finden sie einen guten Platz in der Seele. Am Ende, wenn die Verstrickungen gelöst sind, steht die Liebe wieder frei zur Verfügung. Jederzeit. Oft sind es die Eltern oder die Verstrickungen in der Familie, die den Weg ins Leben versperren, so scheint es zumindest auf den ersten Blick. So ist eine Form der Trance-Therapie das Familienstellen in der Seele.

Auszug aus einem Therapiebericht
Da aber Bilder mehr als tausend Worte sagen, gebe ich inhaltlich einen Therapiebericht einer Klientin wieder, die ihren leiblichen Vater nie gesehen hat. Auszug aus der ersten Sitzung:
“... dort gab es zwei Türen und ich spürte sofort, dass sich hinter der rechten Tür der Platz meines Vaters befand. Ich ... kam in einen völlig schäbigen, runtergekommenen Flur, alles war billig und schmutzig. Ehrlich gesagt sah der Flur so abstoßend aus, dass ich zuerst überhaupt keine Lust hatte, hineinzugehen. Als ich die Tür zu seinem Raum öffnete, sah es fast noch schlimmer aus. ...Auf dem Stuhl saß mein Vater, völlig in sich zusammengesunken... Er sah runtergekommen, müde und traurig aus, ein Bild des Jammers.” Im weiteren Verlauf: “...erst als ich ihm sagte, dass ich ihn sehr vermisst habe, ist der Bann gebrochen. Dazu trug auch der Satz bei: Ich habe viel getan, um das zu ignorieren. Ich konnte dann endlich auf ihn zugehen und mich von ihm in den Arm nehmen lassen. Das was ein sehr schönes Gefühl und zeitgleich änderte sich auch der Raum. Er wurde größer, heller, gemütlicher, es waren auf einmal Fenster da und ich sah, dass wir uns am Meer befanden.”
Nach einer Introspektion, in der sich die Klientin in ihren Vater hineinatmet und weitere Lösungen erfolgt sind, weiter aus Sicht des Vaters: “Ich fühlte mich stark und energievoll, bereit meinen Töchtern die Kraft zu geben, die sie brauchten.” Dann ging sie wieder mit ihrem Bewusstsein in sich selbst zurück und weiter aus ihrer eigenen Sicht: “... hatte ich ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit, einen sicheren Platz in der Familie zu haben, die Kraft meines Vaters hinter mir, die Nähe meiner Schwester neben mir und den Sohn vor mir auf meinem Schoß.”
So verändern sich Seelenräume, wenn man den Mut findet, sie zu öffnen. Wie gesagt, es gibt in der Seele viele Räume, und alle Räume können geöffnet werden. Sie beherbergen Fülle und Potential und sind bewohnt. Ich nenne sie die Hüter - der Kraft, des Erfolges, des Reichtums usw.


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