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Ausgabe November/Dezember 2002
Die Erfahrung des Chi - Einführung in Theorie und Praxis der taoistischen Meditation

Vortrag - mit Heiko Lassek

art18259
„Chi“ wird im Allgemeinen mit „Energie“ übersetzt und mit dem Begriff „Lebensenergie“ gleichgesetzt. In Wirklichkeit ist Chi nur im Kontext übersetzbar, denn es bezeichnet einen gesamten Transformations-Kreislauf. Heiko Lassek gibt einen Einblick in die Weite des Chi.

Chi - der Kreislauf der Transformation
Der Dialog zwischen Europa und der VR China wird im 21. Jahrhundert mit Sicherheit an großer Bedeutung gewinnen: Insbesondere die daoistischen Praktiken haben wegen ihrer heilenden Wirkungen individuelle, aber auch gesellschaftliche Bedeutung. Unterschiedlichste Konzepte wurden im Laufe der Zeit unter einem Dach - dem Begriff des „Chi“ - zusammengeführt. Viele erscheinen weitgehend unklar und erlauben bisher keine einheitliche Definition in westlichen Sprachen. Der im Daoismus zentrale Begriff des „Chi“ wurde und wird im angloamerikanischen Raum fast immer mit „Energie“ übersetzt und allgemeinsprachlich mit dem Begriff einer „Lebensenergie“ gleichgesetzt. In Wirklichkeit ist „Chi“ nur im Kontext übersetzbar und bezeichnet ursprünglich den gesamten Kreislauf der Transformation des Wassers, vom Grundwasser hinauf in die Welt der Pflanzen, vom Tautropfen zum Nebel über den Feldern, vom Nebel bis zum Aufstieg durch Verdunstung zu der Bildung von Wolken am Himmel, von der Verdichtung der Wolken bis zum Herabregnen auf die Erde, von dem Einsickern bis zum Grundwasser in der Tiefe, vom Aufstieg in die pflanzliche Welt bis zur Verdunstung. Die chinesische Kalligraphie für „Chi“ zeigt symbolisch die Nebeltropfen über den Reisfeldern.

Chi - der Prozess vom “wu” zum “you” zum “wu”
In der Tradition der bis in die Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geheimgehaltenen Schule des Taiji Men verweist der Begriff des Chi auf den Bereich der gesamten, auch der für uns nicht wahrnehmbaren Welt. Diese beinhaltet dabei zwei verschiedene Sphären: die des Wu (des Nichts) und die des You (der Existenz). Alle Dinge, d.h. auch die menschliche Existenz, kommen aus dem wu, existieren nach der Zeugung für einige Zeit im you, um dann im Verlöschen, dem Tod, zurückzukehren in das wu. Das diesen Prozess (vom wu zum you zum wu) vermittelnde und überbrückende Agens ist Chi. Je näher das Chi sich dem Bereich der Materie nähert, desto dichter wird es und interagiert mit den Gesetzen der für uns erfahrbaren Wirklichkeit. So ist das Chi, das bestimmte chinesische Heiler und Kampfkünstler durch ihre Hände abstrahlen können, wissenschaftlich nachweisbar und wird seit mehr als zehn Jahren von der staatlichen Untersuchungskomission für Qigong-Wissenschaften erforscht. Tatsächlich handelt es sich hier um eine sehr einfache, lenkbare Funktion. Sanftes, heilendes Chi fortgeschrittener Heiler dagegen kann bisher nicht wissenschaftlich messbar erfasst werden; seine Effekte in Bezug auf die Hemmung von Bakterienwachstum und der Steigerung der Sprossung von Samen verschiedenster Pflanzenarten ist jedoch einwandfrei dokumentiert. Um einen (zu) einfachen Vergleich zu versuchen: Wenn Chi einige Eigenschaften des Wassers haben sollte, so hätte es auch flüssige, gasförmige und kristalline Aggregatzustände - es hat zahlreiche mehr. Menschen können das Chi unter besonderen, aber einfach herzustellenden Umständen wie einen bewegten Ozean von Wasser oder Luft erfahren, können es im übertragenen Sinne jedoch auch zu Eis frieren lassen. In Kampfkunst und Medizin damit umzugehen, erfordert jahrelange Übung; dies gilt erst recht für den subtilen, gasförmigen Zustand. Wie können wir die Luft erfahren, wie kann man das Chi erfahren? Solange wir selbst oder Luft unbewegt sind, normalerweise gar nicht. Erst wenn sie sich auf uns zubewegt, zu einem Luftzug oder Wind anschwillt, können wir sie fühlen. Metaphorisch verhält es sich in gleicher Weise mit dem Chi. Wenn das Chi den Körper bewegt, kommt der Mensch in bestimmte Bewegungen und in die Lage, es zu fühlen. Die Übungsmethode hierzu bilden die so genannten „spontanen Bewegungen des Taiji Men“.

Taiji Men - das Erleben des bewegten Chi
Im Westen kann ein eindeutig übertragbares oder benennbares Konzept von Chi nicht wirklich entworfen werden. Als unmittelbarer Weg bleibt die Erfahrung, das Erleben des bewegten Chi. Die spontanen Bewegungen des Taiji Men sind ein Weg dieser Erfahrung; sie ermöglichen die Durchdringung des Seins (you) durch das Nichts (wu). Ein zweiter Weg ist die Meditation des „Kleinen Kreislaufs“, in der durch geleitete Imagination und eine ungewöhnliche Atmungsinstruktion der sogenannte „fötale Kreislauf“ der Chi-Energie im menschlichen Körper wiedererweckt wird.


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