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Ausgabe Juli/August 2002
Sumi-E

Der Weg der schwarzen Tusche

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“Sumi” heißt übersetzt “die schwarze Tusche” und “E” bedeutet sowohl “Weg” als auch “Malerei”: Die “Tuschmalerei des freien Stils” besteht meist aus kraftvollen, jagenden, schnell hingeworfenen Strichen. In ihr drückt sich der Zen-Glaube aus, dass Erleuchtung mit der Geschwindigkeit eines Blitzes kommen kann. Was angedeutet und weggelassen wird, ist oft wichtiger und ausdrucksvoller als das Gemalte. Die Sparsamkeit der Mittel, das Zurückführen auf das Wesentliche ist das Herz der Zenmalerei. Die Sumi-E-Malerin und Lehrerin Rita Böhm führt in das Thema ein.

Der Zenbuddhismus beeinflusste im 12. Jahrhundert aus China kommend Leben und Kultur in Japan. Nicht nur die Samurais, sondern auch Künstler und Gelehrte wurden entscheidend vom Zen geprägt. Berühmte Zenbuddhisten wie Josetsu, Shubun, Sesshu, Miyamoto Musashi und Hakuin waren Meister der Tuschmalerei. Die frühen Zen-Maler, die dem Taoismus nahe standen, stellten in der Sumi-E-Malerei ihr mystisches Weltbild dar. In der gesellschaftlichen Entwicklung Japans, in den Kämpfen der Kaiser und Gegenkaiser um die Macht, wurden die Zen-Klöster oft zu wichtigen kulturellen Zentren. Sie bewahrten das Überlieferte und entwickelten es weiter für ihre Gegenwart im Sinne ihres spirituellen Denkens. So blieb uns Sumi-E, diese hohe Kunst, erhalten, und nicht zuletzt hat der moderne Minimalismus westlicher Ausprägung seine Wurzeln auch, und besonders, in der japanischen Kunst und Kultur.

Sumi-E theoretisch
Die japanische Tuschmalerei ist die im Tun sehr eindringlich zu erlebende Form der Konzentration auf das Wesentliche in der Leere eines weißen Blattes. Beim “Weg der schwarzen Tusche” handelt es sich nicht um Malerei im Sinne des Wortes, sondern eher um eine “Skizze” in Schwarz und Weiß. In der Sumi-E-Zeichnung wird nur mit den wichtigsten Linien die Idee eines Objektes dargestellt. Der “tanzende Pinsel” führt jeden Strich schnell und sparsam aus. Kein Zögern, keine Änderung, keine Verbesserung – einmal ausgeführt, entzieht sich das Resultat jeder Manipulation. Das “Bild” IST. Motive sind bevorzugt Objekte aus der Natur. Die beim Malen entstehenden Linien zeigen fast unendliche Variationen. Es gibt keine Perspektive. Sumi-E ist keine realistische, sondern eine subjektive Kunst. Der Maler versucht, durch Identifikation mit dem Objekt den geistigen Inhalt des Letzteren darzustellen. Jeder Pinselstrich folgt dem Pulsschlag der lebendigen Natur.

Sumi-E praktisch
Willst du dich einlassen auf den Weg der schwarzen Tusche, sitzt du an deinem Arbeitstisch und ordnest sorgsam deine vier Schätze für dein Tun: das Papier, den Pinsel, die schwarze Tusche und den Behälter mit klarem Wasser. Dann beginnst du den Weg mit dem Vergessen deines Ego. Es ist schwer, diesen Zustand zu erreichen, jenes “Himmel-und-Mensch-sind-Eines” eröffnet dir aber den Zugang zu jenem fühlenden Sein aller Dinge. Du solltest deiner Inspiration spontan und augenblicklich folgen. Es scheint, dass der Pinsel selbständig die Arbeit ausführt ohne sichtbare Anstrengung. Wenn Logik oder Überlegungen sich zwischen Papier und Pinsel schieben, verliert sich der Effekt.
Jeder Pinselstrich besitzt seine eigene Individualität. In ihm drückt sich dein Geist aus. Deine Vögel und Berge sind deine eigenste Schöpfung. Den Versuch, auf dem Zen-Weg unser Leben schöpferisch zu gestalten, realisiert der Sumi-E-Maler mit Papier, Pinsel und Tusche.


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