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Ausgabe Juli/August 2002
Mabon

Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche

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Erntedank, Flitterkranz und Martinsfest
Mabon ist das siebte und vorletzte Fest im Jahreskreis. Die AhnInnen begingen dieses Fest auf den abgeernteten Feldern - dem Ort des Wachstums und der Ernte. Sie schmückten die Ecken, stellten einen Erntebaum auf und entfachten die Erntefeuer - heute kennt man sie eher als Herbst- oder Kartoffelfeuer. Wie bereits zu Litha, der Sommer-Sonnenwende, sprang man in vielen Gegenden auch zu Mabon über diese Feuer - ein Feuerzauber, bei dem man sich Schutz vor Krankheit und trüben Gedanken in der dunklen Jahreszeit erbat.

Es war beliebt, Wettläufe nach Erntesymbolen wie z.B. der Lemniskate zu veranstalten - eine sinnbildliche Handlung, die ausdrückt, dass man für seine Nahrung etwas tun muss, sie ist nicht einfach nur da. Mancherorts wurden auch Fackelzüge veranstaltet - die Vorgaben für unsere heute noch immer beliebten Laternenumzüge mit den Kindern.
Die Germanen feierten jetzt das Martinsfest, ein altes Ernte- und Opferfest zu Ehren von Wotan, dem Spender des Regens und der Feldfrüchte. In der Zeit der frisch gefüllten Scheunen, Keller und Fässer war es Brauch, die Armen und die Hirten einzuladen und sie zu bewirten. Dieser Brauch hat sich bei uns als Martinsgansessen erhalten, kam aber erst später auf. Auf den Feldern blieb immer eine Erntegarbe stehen - als Dank an Demeter und als Speise-Gabe an die Tiere.
Doch nicht nur auf den Feldern wurde gefeiert. Erntekraft und Erntesegen holten sich die Menschen auch ins Haus: Auf dem Tisch stand die Ernteschüssel mit Speisen aus Korn wie Semmeln, Kuchen, Brot oder Kartoffelfladen. Aus Ähren, Früchten, Laub, Moos, Herbstblumen und weiteren Sinnpflanzen von Mabon haben sie Ernte-Kränze gewunden - der Kranz als Symbol für den Jahreskreis und zur Bekräftigung des Wunsches, er möge sich wieder schließen zu einem guten Neuanfang. In die Kränze hinein wirkten die Menschen damals Eierschalen als Symbol für Leben und Wiedergeburt, bunte Bänder, und ganz viel Glitter und Flitter für eingefangenes Sonnenlicht. Der Erntekranz lag beim Essen immer in der Mitte.

Die Sinn-Bilder der Mythologie
Demeter, die große kosmische Vegetationskraft, versinnbildlicht als Göttin, verabschiedet ihre Tochter Persephone/Kore, die sich anschickt, nach getaner Wachstums-, Reife- und Erntezeit die zweite Jahreshälfte mit ihrem Gemahl, dem Herrn der Unterwelt, zu verbringen. Demeters Kraft alleine reicht nicht aus, um die Erde florieren zu lassen. Sie wird karg und kalt. Doch zu Ostara, der Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche und damit jahreszeitlichem Pendant zu Mabon wird die junge Tochterkraft wiederkehren, „...the girl with April in her eyes...“ wie Chris de Burgh es in einem Song so poetisch ausdrückt. Demeter - so nannten die alten Griechen diese Energie - ist die Ur-Mutter und Manifestation des Ur-Weiblichen: „mätär“ ist im Altgriechischen die Mutter, „dämos“ das Land, woraus „dämätär“, die Mutter Erde wird. Ihre Farbe ist das reife Rot. Die Römer verehrten sie als die Getreidegöttin Ceres. Persephone bzw. Kore als die weiße, jungfräuliche Phase dieses Reifungsprozesses, die im Frühjahr aus dem Mutterschoß der Erde wiedergeboren wird, um im Herbst als weise Alte mit dem todbringenden Schwarz zur Erde zurückzukehren. Dieser Energie von Tod und Wiedergeburt waren einst auch der Tempel von Karnak in Ägypten sowie das Carnac-Heiligtum in der Bretagne geweiht. Alle alten Kulturen kennen in irgendeiner Form den Abstieg des Lichts in die Welt der Schatten, seine Wiedergeburt und Rückkehr in die Welt.Älter als die griechisch-römische Variante und in der Aussage deutlicher ist die Schilderung aus dem alten Assur: Innana, die Göttin des Lichts, steigt hinab in die Unterwelt, um ihre dunkle Schwester Ereschkigal aufzusuchen. Bei ihrem Anblick findet sie den Tod. Nach einer ganzen Zeit dort unten erlebt sie ihre Wiederbelebung und kehrt zurück in die Welt. Und die japanische Sonnengöttin Amaterasu zieht sich in ihre Höhle zurück. Alles Leben weicht von der Erde und regt sich erst neu, als Amaterasu wieder aus der Höhle tritt und ihre goldenen Strahlen auf die Welt fallen.

Und heute?
Als Sonnenstrahlen sind sicher auch die Bänder an den Kränzen der AhnInnen zu verstehen. Lasst uns wieder Erntekränze winden im Bewusstsein ihrer ursprünglichen Bedeutung und in Ehrung aller AhnInnen, die so starke Bilder entworfen haben. Sehen wir die warmen Sonnenfarben des Herbstes in den Parks und den Laubwäldern, feiern wir Ernte-Dank in seiner ursprünglichen Bedeutung: unsere großen Aktivitäten zu Ende zu bringen und neben der äußeren Ernte auch unsere innere Ernte einzubringen, zu ehren und zu feiern; Sonne und Erntekraft in unserem Zuhause und in unseren Herzen zu speichern - und uns langsam, wie das Längerwerden der Nächte, auf das Eintauchen in die Ruhe- und Regenerationsphase des Winters einzustellen.


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