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Ausgabe Juli/August 2002
Was ist Sucht und was können wir tun?

Die Heilpraktikerin und Suchttherapeutin Ingrid Watzka informiert über die Definition von Sucht und was wir präventiv beachten sollten.

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Was ist Sucht?
Die Weltgesundheitsorganisation definierte Sucht als einen Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge und durch vier Kriterien gekennzeichnet:
- ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels;
- eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung);- die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge;
- die Schädlichkeit für den Einzelnen und/oder die Gesellschaft.


Suchtentstehung
Ein geschlossener theoretischer Ansatz zur Erklärung der Suchtentstehung fehlt bislang. Es kann nicht vorhergesagt werden, wer einmal süchtig werden wird, denn selbst bei gleichen disponierenden individuellen und kollektiven Ausgangsfaktoren treten Suchtentwicklungen nicht zwangsläufig auf. So muss die Genese der Sucht immer multifaktoriell angesehen werden. Dabei können folgende Faktoren eine Rolle spielen:
- Die Persönlichkeitsstruktur des Konsumenten, wobei ängstliche, verschlossene, sensitive, leicht verletzliche Persönlichkeiten, die eine mangelnde Frustrationstoleranz aufweisen, dominieren.
- Die Eigenwirkung der Substanzen, die dem Konsumenten, sobald ein gewisses Ausmaß (so genannte „Verträglichkeiten“ sind sehr unterschiedlich) erreicht ist, wenig Spielraum für Entscheidungen lässt.
- Die sozialen Faktoren entgleister Persönlichkeiten.
- Die historisch-kulturellen Faktoren: Verankerung von Drogen im soziokulturellen Umkreis, traditionell verankerte Konsumgewohnheiten.
- Die soziokulturellen Veränderungen wie Technisierung, Stressbelastung, Leistungsdruck.
- Die erblichen Faktoren im Sinne dispositioneller Anlagen: erhöhte Suchtbelastung in der Anamnese, Zwillingsuntersuchungen, bestimmte hormonelle Aktivitäten.

Menschliches Rauschbedürfnis
Offensichtlich besitzt der Mensch ein natürliches Rauschbedürfnis, d.h. ein Streben nach Zuständen, in denen er zu Erlebnisformen finden kann, die ihm in der täglichen Realität versperrt bleiben. Dabei sind Rauschmittel alter Menschheitsbesitz und auch früher wurde die mit dem Konsum verbundene Gefahr, sich selbst zu verlieren, gesehen. Dies führte dazu, den Gebrauch psychotroper Substanzen streng zu ritualisieren.
Süchtigkeit ist charakterisiert durch eine besondere Art der Einstellung, des Ausweichens und Verdrängens, des Selbstverständnisses und des Lusterlebens, die im Allgemeinen eine lebenslange Daseinsbewältigung bleibt. Sucht ist in erster Linie ein psychisches Problem mit in der Regel bald auftretenden sekundären körperlichen und sozialen Folgen. Sucht beginnt immer auf der psychischen Ebene: Das unbezwingbare, gierige seelische Verlangen hat sich in den meisten Fällen aus dem Versuch, Spannungszuständen zu begegnen, entwickelt.

Verantwortungsvoller Umgang mit Suchtmitteln
Zur Frage, was wir tun können, wie ein verantwortlicher Umgang mit Suchtmitteln aussehen kann, ist eine grundsätzliche Bereitschaft notwendig, einen kritischen und bewussten Umgang mit Substanzen zu entwickeln. Bevor Abhängigkeit eintritt, stellt die Schaffung von Aufmerksamkeit für das Thema die frühzeitigste Intervention für jeden von uns dar. Verschiedene Fragestellungen können uns helfen, die Sensibilität unseres Umgangs mit Suchtmitteln zu erhöhen. Führen wir uns zunächst vor Augen, dass bei 9,3 Mio. Menschen in der Altersgruppe von 18 bis 69 Jahren ein riskanter Alkoholkonsum besteht, wovon 2,7 Mio. einen missbräuchlichen Konsum und 1,7 Mio. ein Abhängigkeitssyndrom aufweisen. Oder: 43% der Männer und 30% der Frauen sind Raucher. Selbst riskantes Konsumverhalten wirkt sich auf die psychosozialen Kompetenzen und die Gesundheit aus.
Haben Sie sich als Lesende/r eine Aufmerksamkeit für das Thema, insbesondere für Ihren Umgang mit Alkohol und Nikotin geschaffen? Sind Sie bereit, Ihren persönlichen Konsum zu reflektieren und sensibel zu werden für die Übergänge zwischen Genuss - Missbrauch - Abhängigkeit? Die Fähigkeit zum Genuss und die Bewältigung von Belastungssituationen sind ein großer Unterschied, werden jedoch oft miteinander vermischt. Wie sieht Ihre „Griffnähe“ zu Suchtmitteln aus? Gibt es nur die Verbindung von Entspannung, Entstressung mit Hilfe von Substanzen? Was unternehmen Sie, um eigene, protektive Faktoren zu stärken? Persönliche Ressourcen werden nur zum Teil durch Informationen, vielmehr durch Kommunikationsstrukturen erschaffen. An dem Gefühl von seelischer Sicherheit, in Form von eigener Anerkennung und Bestätigung ist immer wieder zu feilen. Wie gehe ich mit Konflikten um, ohne sie zu vermeiden; wie gehe ich mit meinen Anforderungen beispielsweise im Leistungsbereich um; wie gehe ich mit meiner Gefühlswelt um?
Ein Präventionsprinzip ist die so genannte Punktnüchternheit, die eine Möglichkeit darstellt, mit Konsum definitiv anders umzugehen. Punktnüchternheit bezieht sich am Beispiel Alkohol auf null Promille am Arbeitsplatz und im Straßenverkehr. Die Maßnahme bietet eine frühzeitige Intervention, schützt vor Manifestierung von Suchterkrankung und regt an, sich seines eigenen Konsums gewahrer zu werden.

Essstörungen
Bei Essstörungen, die im Wesentlichen die drei Krankheitsbilder Anorexie, Bulimia nervosa, Adipositas umfassen, handelt es sich um psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter und erheblicher Beteiligung sozialer Faktoren. Neuere Untersuchungen belegen, dass vermehrt Kinder, vorschulaltrige und pubertierende, problematisches Essverhalten entwickeln. Hauptbetroffene sind mit 85% nach wie vor Frauen, wobei Männer nachziehen. Da das Suchtmittel Essen oder Nicht-Essen erhalten bleibt, sind Essgestörte oftmals in der herkömmlichen Suchtkrankenhilfe nicht richtig aufgehoben. Auch Essen bzw. Hungern dient der Spannungsabfuhr und emotionalen Entlastung. Diäten sind meiner Meinung nach kontraindiziert. Hier strebt der Körper auf Grund seiner individuellen, psychischen, physischen und sozialen Prägung ein bestimmtes Mindestgewicht, den so genannten Setpoint, an. Mir geht es darum, zwischen physischem und psychischem Hunger unterscheiden zu lernen und neue Durchsetzungsstrategien für eine subjektiv veränderte Lebensqualität im Alltag zu entwickeln. Dabei bietet die Gruppenarbeit große Erleichterung, weil sie die zum Teil jahrzehntelang gelebte Isolation aufbricht und der Teufelskreis Essen-Hungern öffentlich wird und Sprache erhält. Dabei kann dann von Erfolg gesprochen werden, wenn Essgestörte Kontakt zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen bekommen haben und eigenverantwortlich ihr Essverhalten bewältigen können.


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