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Ausgabe März/April 2003
Gefühlsausdruck und Meditation

Awareness-Understanding-Meditation - von Bianca Theurer.

art18
Auf dem Flyer der Akademie für Lebensfreude wird die AUM als “intensive Selbsterfahrung” empfohlen. “Sie enthält Methoden aus Körperarbeit, Gefühlsausdruck und Meditation. Sie fördert Ihre Stärke und Individualität und hilft Ihnen, mehr Lebenslust zu zeigen, die Sie haben. Die A.U.M wurde entwickelt von dem Therapeuten Vereesh Denny Yuson-Sanchez und ist das Ergebnis seiner über 30-jährigen Arbeit mit Menschen. Bitte mitbringen: lockere Kleidung, ein zweites T-Shirt und ein Handtuch. Es wird geschwitzt!”
Ich war neugierig. Nun stehe ich hier in legeren Klamotten, mein Wasserglas in einer Ecke deponiert. Mit mir sind rund 15 Menschen. Wir alle stehen in einem kleinen, schallgeschützten Raum. Ein warmes Licht taucht die goldene Sonne an der Wand in tiefe Wärme. So scheint es. Der Raum ist erfüllt von Musik, die Menschen unterhalten sich und wirken alle ein bisschen aufgeregt. Ich bin aufgeregt. In wenigen Minuten startet meine erste AUM-Meditation.

Tanz

Wir tanzen. Jede und jeder wie sie oder er will. Ich komme allmählich an und vergesse meine Aufregung. Die tanze ich einfach raus. Gebe sie an den Boden ab. Die letzten Gedanken drehen sich um die Erklärung, die mir vor Beginn mitgegeben wurde: Die AUM besteht aus verschiedenen Phasen. Eine soziale Meditation. In knapp drei Stunden werde ich durch zwölf Phasen geführt. Alle Gefühle bekommen Raum. Einige der Phasen finden im Kontakt mit anderen statt, einige allein. Bum. Bum. Bum. Meine Beine stampfen zum Takt auf den Boden, während ich mir vorstelle, dass mich eine Art “emotionale Waschmaschine” bald freiputzt.

Wut
Die Musik ist aus. Wir stehen uns gegenüber und üben eine “wütende Haltung”. Fäuste hinter dem Rücken geballt. Leicht in die Knie, brüllen aus dem Bauch. Fühlt sich irgendwie technisch an. Punk-Musik wird abgespielt. Wütend, rebellisch. Ich erinnere mich an Zeiten, die ich auf Demos verbrachte. Ich spüre Wut. Während ich den vorgegebenen Satz “halt jetzt den Mund” jedem der Meditierenden bereits einmal ins Gesicht gebrüllt habe und ich ebenso oft aufgefordert wurde, meine Klappe zu halten, kommen mir Bilder in den Kopf. Situation, in denen ich was runterschlucken musste. In der U-Bahn, die Frau, die mir auf den Fuß latschte oder der Ex-Freund, der mich quälte oder die Ungerechtigkeiten, denen ich Tag für Tag begegne. Ich halte nichts fest. Artikuliere. Brülle. Die anderen brüllen auch. Unaufhörlich stehen wir uns im Wechsel gegenüber und verschaffen unserer Seele Luft. Dann ist die Musik vorbei. Mein Atem geht schnell. Ich fühle mich sehr stark. Voll zerstörerischer Kraft.

Umarmungen
Die nächste Aufgabe will ich erst gar nicht annehmen. Was soll das, dass ich jetzt alle, die ich gerade anschreien konnte, umarmen soll? Ich bin doch wütend! Aber dafür bleibt keine Zeit, bei der AUM geht es darum, HerrIn seiner Gefühle zu werden. Um die Selbsterfahrung und nicht darum, Opfer von Emotionen zu sein. Also versuche ich, Liebe zu empfinden. Zuerst erscheint mir diese Aufgabe unlösbar. Wenige Minuten später spüre ich sie. Liebe. Im Laufe des Abends werde ich abwechselnd verrückt, breche eine Viertelstunde in Tränen aus, lache mich im Anschluss aus tiefstem Herzen schlapp, tanze, verausgabe meinen Körper, verbinde mich mit allen und der ganzen Welt.
Ich fühle mich wie neu geboren. Ziemlich müde, aber glücklich verabschiede ich mich von den anderen und gehe meiner Wege.
Am nächsten Tag stehe ich in der U-Bahn und eine Frau latscht mir auf den Fuß. Ich lächle sie an – ich habe mich für Liebe statt Hass entschieden. Schließlich weiß ich seit gestern, dass ich all meine Gefühle immer parat habe. Ich entscheide, welchen emotionalen Gedanken ich annehme und welchen nicht. Das ist mein Fazit aus der AUM.


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