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Ausgabe Juli/August 2002
Schmerzhaften Gedanken mit Lachen begegnen

Begegnung mit Byron Katie und "The Work"

art17014
Es ist ein menschliches Phänomen, einen mehr oder weniger großen Teil des täglichen Denkens mit Vorstellungen darüber zu verbringen, wie etwas sein „sollte“: Mein Körper sollte dünner sein, Paul sollte mir unaufgefordert Blumen mitbringen und die Welt sollte besser sein. In den meisten Fällen rauben diese Erwartungen viel Energie und führen zu schlechter Laune, denn Paul ist es in seiner Charakterstruktur einfach nicht gegeben, an Blumen zu denken - dafür hat er andere Qualitäten. Ich kann mich immer entscheiden, ob ich mit ihm zusammenleben will oder nicht, auch wenn er mir keine Blumen mitbringt, aber ich kann die Realität nicht ändern. Byron Katie stellt mit „the work“ ein wunderbares Werkzeug zur Verfügung, mit dem man diese „Gedankenkriege“ aufs Papier bannen kann. Mit vier Fragen und einer Umkehrung wird schnell klar, wie anmaßend es ist, sich in die Angelegenheiten anderer Leute oder gar Gottes zu mischen. Denn laut Byron Katie gibt es nur drei Angelegenheiten: meine, deine und die Gottes. Annie Blaise, die seit Jahren mit „the work“ in Berlin arbeitet, zeigt an einem Beispiel, wie’s funktioniert.
Helga: Ich bin ärgerlich auf Martin, weil er sich mehr für mich interessieren sollte.
Annie: Martin interessiert sich nicht genug für dich. Ist das wirklich wahr?
Ja. Es ist sehr frustrierend.
Er sollte sich mehr für dich interessieren, kannst du wirklich wissen, dass das wahr ist? Was ist die Realität?
Er tut es nicht.
Wessen Angelegenheit ist es, für wen oder was er sich interessiert? Schau Helga, es gibt drei Arten von Angelegenheiten: meine, deine und die Gottes oder der Höheren Macht, was immer wir darunter verstehen. Wessen Angelegenheit ist es, ob Martin sich für dich interessiert?
Seine Angelegenheit.
Wie geht es dir, wenn du dich in seine Angelegenheiten einmischst und denkst, er sollte sich mehr für dich interessieren, als er es tut?
Ich bin sauer.


Ja. Und wer ist dann für dich da, wenn du in seinen Angelegenheiten bist? „Martin, bitte interessiere dich für mich, damit ich glücklich bin“. Hoffnungslos. Er interessiert sich nicht mehr. Das ist die Realität. Das ist, was ist. Also, er ist in seinen Angelegenheiten. Du bist in seinen Angelegenheiten. Wer ist für dich da?
Hm, niemand.
Ja, so ist es. Kannst du wirklich wissen, dass es richtiger wäre für ihn, für seinen Weg, sich mehr für dich zu interessieren, als er es tut? Frage dein Herz, nicht deinen Kopf.
Nein.
Wie urteilst du über ihn, wenn du denkst, er sollte sich mehr für dich interessieren?
Ich denke, er ist ein unsensibler Klotz.
Wie behandelst du ihn?
Irgendwie von oben herab. Nicht sehr liebevoll.
Ja und wie fühlt sich das alles an?
Fürchterlich. Bitter und rechthaberisch.Könntest du einen Grund sehen, den Gedanken fallen zu lassen? Und ich bitte dich nicht, den Gedanken fallen zu lassen. Das mit dem Gedanken fallen lassen, hat noch nie so richtig funktioniert. Doch wenn wir unsere Gedanken untersuchen, finden wir oft eine tiefere Wahrheit. Ich frage nur, ob du einen Grund sehen könntest, den Gedanken fallen zu lassen?
Ja. Ich wäre zufriedener.
Das ist ein guter Grund. Gibt es einen friedvollen Grund, einen Grund, der keinen Stress bereitet, weiterhin an dem Gedanken anzuhaften, Martin soll sich mehr für mich interessieren, als er es tut?
Es würde mich glücklich machen.
Nun, er tut es nicht. Du bist in diesem Punkt im Krieg mit der Realität. Ich habe die Erfahrung gemacht, immer wenn ich mich mit dem anlege, WAS IST, verliere ich, und zwar auf der ganzen Linie. Also, das ist kein friedvoller Grund. Nenne mir einen friedvollen Grund, weiter an diesem Gedanken anzuhaften, der sich mit der Realität anlegt.
So gesehen gibt es keinen.
Wer wärst du ohne den Gedanken, Martin soll sich mehr für mich interessieren, als er es tut? Den Gedanken gibt es gar nicht.
Ich wäre freier. Ich glaube, ich wäre viel lockerer, wenn ich mit Martin zusammen bin. Froh, dass er da ist. Es ist ja nicht so, dass er sich gar nicht für mich interessiert. Er ist eben so. Ich könnte ihn so nehmen, wie er ist.
Interessant, nicht? Mit dem Gedanken: Stress. Ohne den Gedanken: frei, zufrieden im Hier und Jetzt mit dem, was ist. Was hat das letztlich mit Martin zu tun?
Wow! Gar nichts. Es sind meine Gedanken über die Situation! Wow!
Ja, so ist es. Nun dreh den Satz mal um, tausche dich und Martin aus.
Ich sollte mich mehr für Martin interessieren? Puh, ja, das stimmt. Ich interessiere mich gar nicht für ihn und das, was ihn interessiert, wenn ich denke, er sollte sich mehr für mich interessieren. Es ist mir egal. Ich bin irgendwie so selbstbesessen. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Das ist ja peinlich.
Darum untersuchen wir unsere Gedanken, damit wir unsere Wahrheit finden. Hier geht es um deine Freiheit. „The Work“ ist Selbst-Realisation, nicht Martin-Realisation. Sie ist nicht für Leute, die Recht haben wollen. Sie ist für Leute, die frei sein wollen, glücklich sein wollen. Das Leben bringt uns alle Lehrer, die wir brauchen, bis wir es kapiert haben. Da gibt es noch eine Umkehrung. Setze dich ein anstatt Martin.
Ich sollte mich mehr für mich interessieren.
Ja, aus seinen Angelegenheiten raus, wieder bei dir. Zu Hause. Du bist diejenige, auf die du gewartet hast. Du willst glücklich sein, nimm den Mittelsmann aus der Gleichung und schon hast du, was du willst.
Wie soll ich denn das alles umsetzten? Es steckt so in mir drin.
Es ist ein Anfang. Wir beginnen jetzt. Immer wieder jetzt. Das nächste Mal, wenn du ein unangenehmes Gefühl verspürst, schau nach dem Gedanken, der ihn ausgelöst hat und beginne, ihn zu hinterfragen: Kann ich wirklich wissen, dass das wahrt ist? Was ist die Realität? Wie reagiere ich, wenn ich diesem Gedanken glaube, der sich mit dem, was ist, anlegt? Wer wäre ich ohne diesen Gedanken? Und dreh ihn um. Lebe du uns vor, was du von uns willst. Interessiere du dich für uns. Wir sind noch nicht so weit. Wir sind so mit uns beschäftigt. Vielleicht folgen wir dir eines Tages. Beginne jetzt und jetzt und jetzt. Mit der Zeit wirst du finden, dass du viel weniger Probleme hast. Die Wirklichkeit ist immer freundlicher, als unsere Geschichte über sie. Wer wärst du ohne deine Geschichte? Ohne die Rechtfertigungen über dein Leiden? Schreib es auf und beginne zu fragen. Willkommen zur „Work“!


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