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Ausgabe März/April 2003
Der universale Sufismus

Ehrwürdige Weisheitslehre und individueller Entwicklungsweg - Der Sufi Pir Vilayat Inayat Khan besucht Deutschland

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Die Wurzeln des Sufismus reichen weit zurück. In den Westen gelangte er 1910, als der indische Sufi Hazrat Inayat Khan die ersten Orden in Europa und Amerika gründete. Seine Lehre war einerseits traditionell und andererseits verlieh er dem Sufismus einen überkonfessionellen Akzent. Auch sein Nachfolger Pir Vilayat Inayat Khan entwickelte den Orden weiter, indem er z.B. die moderne Naturphilosophie oder die Jungsche Psychologie miteinbezog. Im April kommt er zu einem Besuch nach Deutschland. Dr. K.-P. Jabir Dostal informiert über die Lehren des modernen Sufismus.

Der Sufismus beruht auf den unmittelbaren Gotteserfahrungen der Mystiker. Man kann ihn als eine Art religiöse Philosophie bezeichen, die sich allerdings nicht nur an den Verstand, sondern auch an das Herz wendet, zugleich und vor allem ist er ein individueller Übungsweg zu geistigem Wachstum. Sein Wesenskern ist die Vorstellung von der Einheit alles Seienden, d. h. von einem einzigen, zugleich transzendenten und immanenten Gott, der sich in allem, was es in der Welt gibt, manifestiert. Seine Wurzeln reichen weit zurück, und es gab u. a. Einflüsse der griechischen Philosophie, des Buddhismus und des Christentums. Im Mittelalter haben sich die orientalischen Mystiker, die man Sufis oder Derwische nannte, teilweise am Koran orientiert, standen aber oft im Gegensatz zur herrschenden islamischen Orthodoxie und mussten dafür nicht selten ihr Leben hingeben.
Hazrat Inayat Khan
Im Jahre 1910 kam der angesehene indische Sufi und Musiker Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan in den Westen, um den ersten Sufi-Orden in Europa und Amerika zu gründen. Seine Lehre steht einerseits ganz in der ehrwürdigen Tradition und andererseits hat er dem Sufismus durch einen überkonfessionellen Akzent neue Form und Kraft verliehen und ihn damit zu einer religionsverbindenden Botschaft von Liebe, Harmonie und Schönheit weiterentwickelt.
Dieser universale Sufismus verkündet die Göttlichkeit jeder menschlichen Seele und betont den gemeinsamen Ursprung und die einheitliche Essenz der Religionen, womit die Achtung aller ihrer Meister, Heiligen und Propheten als Botschafter des einen Gottes verbunden ist. Er lehrt, dass die Welt viel reichhaltiger ist, und dass es in der Vielfalt der Erscheinungen viel mehr Zusammenhänge gibt, als wir gewöhnlich wahrnehmen. Dabei ist wichtig, alles aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu können und die Einheit der Gegensätze zu erkennen. Es gibt aber weder Dogmen und Vorschriften noch Autoritätsgläubigkeit. Die Freiheit des Einzelnen wird gewürdigt - dies auch im Sinne einer Ermunterung, dass man sich innerlich von seinen Lebensumständen, Begierden und Ängsten befreien kann. Wesentlich ist der Blick auf den Zweck des Lebens, der vor allem in Erweckung und Meisterschaft besteht, beides in einem sehr weiten Sinne.
Die Lehre Hazrat Inayat Khans will dazu befähigen, dass wir aus dem mittelmäßigen Denken heraus zu einem erweiterten Bewusstsein hin erwachen und uns unserer göttlichen Erbschaft gewahr werden, d.h. die in uns schlummernden göttlichen Qualitäten entdecken und fördern und in ständiger Gegenwart Gottes leben, um unser Leben besser zu verstehen und zu meistern und mehr Liebesfähigkeit zu entwickeln. Die Mittel dazu sind u.a. das Eintauchen in die Gedanken der großen Mystiker - auch der christlichen -, verschiedene Atemübungen, vor allem aber ein reicher Schatz an teilweise individuell gegebenen Meditationsformen. Wesentlich ist ebenfalls der dhikr, das gemeinsame Gottgedenken auf Sufi-Mantren, wobei auch der Drehtanz praktiziert wird. Eine von Hazrat Inayat Khan eingeführte Neuerung ist der „universelle Gottesdienst“ mit Lesungen aus den heiligen Schriften und geistlicher Musik der großen Religionen. Er regte weiterhin die Gründung eines Heilordens, einen ökologisch orientierten Zweig mit naturbezogenen Ritualen und den Bau eines universellen Tempels für alle Religionen an, auch inspirierte er die „Tänze des universellen Friedens“.

Pir Vilayat Inayat Khan
Hazrat Inayat Khans Sohn und Nachfolger, der 1916 geborene studierte Philosoph, Musiker und Psychologe Pir Vilayat Inayat Khan, entwickelt den Orden ebenfalls kreativ weiter. So begründete er eine Reihe sozialer Projekte, z.B. in Indien. Pir Vilayats ausgeprägtes Interesse für andere geistige Traditionen führte zu sehr intensiven und fruchtbaren interreligiösen Kontakten. Interessante und recht wesentliche Hilfen sind moderne Physik, moderne Naturphilosophie und Jungsche Psychologie, die Pir Vilayat gern zur Veranschaulichung sufischer Einsichten heranzieht. Bemerkenswert ist ferner die feinsinnige und umfangreiche Pflege der geistlichen Musik verschiedener Traditionen, vor allem der Johann Sebastian Bachs. In solcher Aufgeschlossenheit, dem Einbeziehen neuer, den Zielen der Erweckung und Meisterschaft dienlicher Themen, Sichtweisen und Praktiken sowie in der schon erwähnten Freiheit von Dogmen zeigt dieser moderne Sufismus eine auffällige Dynamik und Frische. Er mahnt ein holistisches Denken an und möchte, nach Hazrat Inayat Khan, „das Bewusstsein der Menschheit ... für die göttliche Bestimmung des Menschen“ wecken. Dadurch eignet sich diese „befreite Spiritualität“ (Pir Vilayat) als universale geistige Botschaft für alle Menschen der Gegenwart und kommender Zeiten.


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