aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Mai/Juni 2002
Der vergessene Dank

Infonachmittag zum Thema Familienstellen

art15496
Manchmal können Probleme, die uns im täglichen Leben widerfahren, ihre Ursachen in längst vergangenen Familienkonflikten haben. Gabriele Mariel Pauls beschreibt ein Beispiel aus einer Familienaufstellung mit dem Therapeuten Alfred R. Austermann.

Benedikt ist ein ganz normales Kind: lebhaft, kreativ, wild, zuweilen etwas eigensinnig. Schwierig und anstrengend wird der Sechsjährige nur, wenn er etwas alleine, ohne seine Familie unternehmen soll. Mutter, Vater, der ältere Bruder oder die Großeltern mütterlicherseits - einer muss immer dabei sein, wenn Benedict etwas unternimmt, zum Beispiel zum Kindergeburtstag geht. Besonders zur Großmutter hat er ein inniges Verhältnis. Als Benedict eingeschult wird, kommt es zur “kleinen Katastrophe”. Der Junge will nicht in der Klasse bleiben, er läuft von der Schule weg, heult, tobt und schreit. Die ganze Familie steht jeden Morgen unter einer extremen Spannung. Auf die Frage, warum er denn immer wieder nach Hause läuft, antwortet er, er habe Angst, die Mutter könne nicht mehr da sein oder der Großmutter könne etwas passieren.

In der Hoffnung, etwas für den Sohn und die ganze Familie tun zu können, macht die Mutter eine Familienaufstellung, die Erstaunliches zutage fördert. Außer Benedict, seinem Bruder und den Eltern werden auch die Großeltern mütterlicherseits aufgestellt. Die Stellvertreterin der Großmutter hat so starke Kopfschmerzen, dass sie sich hinlegen muss. Über sie gebeugt, als stünde er an ihrem Grab, steht Benedicts Stellvertreter. Ihn zieht es stark hinab, Angst befällt ihn, er kann sich kaum noch auf den Beinen halten. “Eine gefährliche Liebe”, attestiert der Therapeut Alfred Ramoda Austermann, “das Kind möchte die Großmutter aufhalten, die scheinbar beschlossen hat zu sterben.”

“Ich tue es für dich”, lässt Austermann Benedicts Stellvertreter sagen und beginnt damit den klärenden Prozess. “Ich habe Schweres zu tragen, aber lass das bei mir!”, antwortet Benedicts Großmutter, und ein Aufatmen geht durch die ganze Familie. Benedicts Stellvertreter kann nun aufrecht stehen, fühlt sich erleichert. Was zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt ist: Die Großmutter leidet an einem unheilbaren Hirntumor und wird wenige Monate später sterben. Etwas in Benedict - Austermann nennt es “das wissende Feld” - erahnt den Rückzug der Großmutter aus dem Leben und will es verhindern.

Familienaufstellungen arbeiten immer mit dem intuitiven Teil der Personen. Die Stellvertreter, so Austermann, haben, sobald sie an einem bestimmten Platz zu einer bestimmten Frage gehört werden, Zugang zu diesem Wissen. Unbewusste Verstrickungen mit Schicksalen aus vorangegangenen Generationen, nicht geachtete “verschwiegene” Familienmitglieder hindern uns oft daran, glücklich zu sein und die ganze Fülle des Lebens zu genießen. Im Fall von Benedict heißt das, auch die Erfahrung “Schule” von ganzem Herzen zu erleben und unbeschwert von den Problemen der Großmutter das eigene Leben “zu nehmen”. Doch das Familien- oder Sippen-Gewissen ist mächtig. Nachfolgende Generationen übernehmen gerne “die Schuld” für Taten oder Untaten ihrer Vorfahren. Auch Benedicts Mutter hatte sich mit solcher “Schuld” belastet: Weil die eigene Mutter bei Pflegeeltern aufwuchs, diese aber niemals richtig anerkannte, litt die Tochter an Energieverlusten, fühlte sich in ihrem aktuellen Familiensystem manchmal überfordert. Um die Mutter zu entlasten, holt Austermann die Pflegeeltern der Großmutter ins System hinein. Die Würdigung und der Dank an die Pflegeeltern der Großmutter brachten Benedicts Mutter schon während der Aufstellung spürbare Erleichterung, sie konnte ihren Platz als Mutter und Ehefrau nun ausfüllen.

“Mein Platz ist in dieser Küche und am Schreibtisch, dein Platz ist in der Schule”, wird sie am Montagmorgen nach der Aufstellung sagen und das klingt anders als in der vergangenen Woche, denn sie fühlt sich nun sicher. Jetzt hat auch Benedict Energie und Zutrauen, seinen Platz zu nehmen. Anfangs zögernd, doch zunehmend sicherer, entwickelt er sich zu einem ganz normalen Schüler. “Erleben heißt: wahrnehmen, was ist”, sagt der Vater der Familienaufstellungen Bert Hellinger. “Doch wenn der Alltag uns fest im Griff hat, ist es gar nicht so einfach, immer genau zu wissen, was los ist - mit mir und den anderen”, ergänzt Austermann. Familienaufstellungen sind daher manchmal wie ein Innehalten von der Jagd des Lebens.

P.S. Benedicts Großmutter starb an einem Vormittag in den Armen des Großvaters - während Benedict in der Schule war.
Alfred R. und Bettina Austermann: Weiterbildung in Familienaufstellung/Organisationsaufstellung:


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.