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Ausgabe März/April 2002
Weise Freunde für die Kinder

Einführungstag in die integrative Imaginationsarbeit:

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Mal zeigt sich eine Schlange, mal eine Schildkröte, dann wieder ist es eine ganze Menagerie. Der Schweizer Christian Lerch arbeitet mit der von Stephan Gallegos entwickelten Integrativen Imaginationsarbeit, um Kindern und Erwachsenen zu helfen, durch die Verbindung mit Krafttieren Krisen zu überwinden.

Die Methode

Die Integrative Imaginationsarbeit hat Dr. Stephen Gallegos, ein jungianischer Psychologe aus den USA entwickelt. Sie basiert auf der Auseinandersetzung mit inneren Bildern, die sich oft als Tierwesen darstellen, und nennt sich “The Personal Totem Pole Process”. Auf einer begleiteten Imaginationsreise werden nach einer Entspannung Bilder wachgerufen, die sich jedem Einzelnen ganz individuell zeigen. Diese “Bilder” können gefühlt, gehört oder wie im Traum gesehen werden. Die Tiere stehen für persönliche Aspekte, die aktiviert oder geklärt werden wollen. Manchmal zeigen sich Lieblingstiere, manchmal sind es unbekannte oder solche, vor denen ein Kind sich ängstigt. Durch die begleitete Hinwendung zu diesen Krafttieren wird das innere wie äußere Wohlbefinden unterstützt. Blockaden können so gelöst und das Selbstvertrauen gestärkt werden. Respekt und Kommunikation sind der Kern dieser Arbeit.

Der Igel

Als ich noch Lehrer der Mittelstufe war, hatte ich ein Schlüsselerlebnis mit einer Schülerin, die ich hier Anna nennen will. Geplant war ein einwöchiges Lager in den Bergen. Anna war noch nie von zu Hause fort gewesen und hatte Angst. Sie wollte nicht mitkommen. Die Eltern und ich versuchten ihr zu helfen, ihre Angst zu überwinden. Dennoch weigerte sich Anna hartnäckig mitzukommen.

Bei den Vorbereitungen suchte jedes Kind auf einer Bilderreise ein Krafttier, das es durch diese Woche begleiten sollte. Zu Anna kam ein Igel, der ihr sagte, er helfe ihr, sich zu wehren. Das war die einzige Aussage, die dem Igel auf dieser Reise zu entlocken war, und Anna war damit zufrieden. Der Igel war da, um sie zu begleiten und sie war offen genug, ihm zu vertrauen. Was jetzt passierte, war faszinierend. Jeden Tag nach dem Mittagessen legte sich Anna auf ihr Bett und besuchte den Igel.

Am Nachmittag in der Schule erzählte sie mir immer als Erstes, was sie mit ihrem Krafttier erlebt hatte. Sie ging mit dem Igel spazieren. Er zeigte ihr seine Wohnung und sie tranken zusammen Limonade. Dies dauerte etwa acht Tage, ohne dass ich weitere Anleitungen gegeben hätte. Ich hörte mir ihre Geschichten mit Interesse an. Ab und zu dachte ich, dass dies schon speziell sei und sich fast „kleinkindlich“ anfühlte. Zum Glück behielt ich diese Bewertung des Mädchens für mich.

Etwa zehn Tagen später sagte mir Anna unter Tränen, dass ihr Igel gestorben sei. Nach der Schule blieb sie noch da und ich begleitete sie zurück zum toten Igel. Dieser sagte ihr, dass sie ihn jetzt nicht mehr brauche, da ein neues Tier zu ihr komme. In diesem Augenblick tauchte ein Pandabär auf. „Jetzt bin ich für dich da. Ich bin stark, und du kannst mich umarmen“, sagte er. Anna war glücklich über den Pandabären. Leicht wie eine Feder verabschiedete sie sich. Nach zwei weiteren Tagen sagte sie, ihr sei es jetzt klar: Sie werde mitkommen in die Berge. Sie nahm einen Stoffpanda mit und tröstete andere Mädchen, wenn diese Heimweh hatten. Die Eltern und ich waren verblüfft. Der Igel hatte gewusst, was sie brauchte: Er hatte sie bedingungslos in ihrem Nein unterstützt.

Kraftreisen

Inzwischen begleite ich seit mehr als zehn Jahren Kinder und Erwachsene auf inneren Bilderreisen. Dabei rege ich die Kinder an, mit Krafttieren, die sich ihnen auf diesen Reisen spontan zeigen, in Kontakt zu treten. Diese Tiere, diese Bilder, stehen für die inneren Kräfte, und es ist berührend zu erleben, was sich dabei alles zeigt. Je mehr ein Kind mit diesen Tieren in Kontakt kommt, desto besser ist es mit den eigenen Ressourcen verbunden. Gleichzeitig sind diese Tiere auch Mittler zwischen der objektiven und der subjektiven Realität – zwischen Alltag und Spiritualität. Kinder kommen aus einer Welt, in der die innere und äußere Realität eins ist. Es tut den Kindern gut, wenn sie von Erwachsenen in diesen beiden Welten unterstützt werden, ohne ein analytisches oder esoterisches Konzept übergestülpt zu bekommen. Was dabei herauskommen kann, zeigen die folgenden Imaginationsreisen von Kindern. Die Analyse lasse ich weit gehend sein, denn es ist nicht die Analyse, die heilt.

Die Schildkröte

Viertklässler Paul kam in die Gruppe „Rituelles Entspannen“. Er war hyperaktiv, ein so genanntes POS-Kind, mit entsprechenden Problemen in der Schule. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war er voller Energie. Er hatte eine derbe, gar grobe Sprache und meinte: „Ich schaue mal, ob das cool ist, was ihr so macht.“

Paul hatte größte Mühe still zu sitzen. Bei den Entspannungsübungen und Bilderreisen unterstützte ich ihn, indem ich ihn körperlich berührte. Das beruhigte ihn und gab ihm anscheinend Sicherheit. Nach der Reise, in der wir ein Tier zur eigenen Entspannung riefen, war Paul aufgebracht und wütend. „Dieses Scheißtier. Was soll ich mit so einem doofen Vieh anfangen? Am liebsten würde ich es umbringen und in die Hölle schicken.“ Eine Schildkröte war zu ihm gekommen. Ich fragte ihn, was ihm an diesem Tier nicht passe. Er sagte, es sei so langsam und langweilig. Er hätte lieber einen Tiger gehabt, da wäre jedenfalls etwas los gewesen.

Ich war erstaunt. Paul hätte ja leicht ein Tier erfinden können. Doch nur wenige Kinder kommen bei dieser Arbeit auf die Idee zu mogeln. Immer wieder sagte Paul, er werde dieses Scheißvieh gewiss nicht noch einmal „besuchen“. Höchstens werde er es umbringen. Er hatte es sehr eilig, nach Hause zu gehen. Ich fragte ihn, ob er der Schildkröte eine Woche Zeit geben könne, bevor er sie umbringe. Auf diesen Vorschlag ging er ein.

Eine Woche später stürzte Paul ins Zimmer und erzählte mir, dass er mit der Mutter in der Stadt gewesen sei. Dort habe er viele Spielzeugschildkröten gesehen. Er habe gar nicht gewusst, wie viele Schildkröten es in den Geschäften gebe. Das erzählte er zwar ganz begeistert, doch zum Schluss sagte er: „Doof sind diese Tiere aber trotzdem.“

Für die nächste Imaginationsreise zwängte Paul sich in das unterste Regal eines Schrankes. Ich sagte nicht zu ihm, so könne man sich nicht entspannen. Mir war plötzlich klar, dass der Schrank auf ihn wie der Schild seines Krafttiers wirkte. Als die Reise vorbei war, kam er ganz verwandelt aus dem Schrank. Es war kaum zu glauben: Er war für Momente ganz bei sich und in einer Ruhe. Im Kreis erzählte er sehr berührt und mit einer anderen Sprache als sonst von den Erlebnissen mit der Schildkröte. „Die Schildkröte war ganz toll. Sie hatte unter ihrem Panzer viele Schätze und sagte mir, ich könne von ihr wünschen, was ich will. Sie könne mir alles unter ihrem Panzer hervorzaubern. Jetzt kann ich zu ihr gehen, wann immer ich will.“ Es sprudelte aus ihm heraus und er strahlte übers ganze Gesicht. Jedenfalls respektierte er jetzt die Schildkröte. Ja, er liebte sie sogar und begann, sie in sich zu integrieren. Sie begleitete ihn während der weiteren drei Kursstunden.

Die Schildkröte hat Paul geholfen, einen Ort der Ruhe in sich zu finden. Meine Aufgabe war es, am Anfang seinen Ärger auszuhalten und ihn dahin zu bringen, dass er die Schildkröte nicht sofort tötete. So konnte der ruhende Pol den Zugang zu Paul finden.

Natürlich öffnet diese Arbeit gerade auch Erwachsenen die Türen zu den eigenen Ressourcen wie zum eigenen Heilprozess. Dieses eigene Erleben und “den-eigenen-Prozess-gehen” ist schlussendlich auch Bedingung, wenn Sie andere Menschen, seien es Kinder oder Erwachsene, in diesem Prozess begleiten. Sie müssen mit diesem delikaten Ort der Imagination selber in Kontakt sein.


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