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Ausgabe März/April 2002
Schwangerschaft und Beziehung

Die bewusste Gestaltung einer Schwangerschaft - von Kola B. Brönner-Foerster

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In vielen Kulturen wird eine schwangere Frau mit Freude und Anteilnahme verehrt. In unserer Gesellschaft ist die werdende Mutter dagegen oft damit beschäftigt, im Beruf weiter „ihren Mann“ zu stehen, um keine Nachteile zu erfahren. Auch gibt es meistens keine Familie in der Nähe, die ihr Schonraum und Unterstützung bietet. So konzentriert sich der Raum von Geborgenheit und Intimität auf das Paar, das versucht, die unterschiedlichsten Anforderungen zu bewältigen. Das ist zum einen die Auseinandersetzung mit der neu hinzu kommenden Mutter- bzw. Vaterrolle, über die man sich und den Partner noch einmal neu kennen lernt. Beide müssen lernen, sich zurückzunehmen und die eigenen Bedürfnisse nicht nur auf die des Partners, sondern auch auf die des Kindes abzustimmen. Es gilt, eine Balance zwischen der Liebesbeziehung und dem Elternsein zu finden. Auch die Sexualität wird von der Ankunft des Babys berührt. Durch die ständige Präsenz des Kindes erhält sie erst mal einen anderen Stellenwert. Ferner kommt hinzu, dass sich oft der Freundeskreis verändert, da sich die gemeinsamen Freizeit-Zeiten und Interessen nicht mehr decken.

Andere Kulturen haben für die Zeit der Schwangerschaft besondere Rituale, durch die Eltern diese Zeit bewusst erleben und sich auf das Baby einstimmen können. So gab es z.B. in der indischen Tradition Riten, die die ungeborene Seele bewusst eingeladen haben. Dabei wurden astrologische Konstellationen berücksichtigt und während des Liebesaktes wurden Gottheiten für die Fruchtbarkeit angerufen. Im dritten Monat richtete der Mann rituelle Worte an die Frau, damit sie durch eine meditative Haltung und positive Gedanken auf den Fetus einwirkt, dessen Körperfunktionen dann schon vollständig angelegt sind. Im vierten Monat, wenn das Baby ein physisch ausgeformtes Wesen ist, beginnt nach der alten indischen Lehre die psychische Entwicklung. Symbolisch hierfür wird der Mutter ihr Haar sorgfältig gebürstet. Auch hier sprach der Vater rituelle Worte, auf die die Mutter antwortete: „Ich sehe das Kind“. Mit diesen Worten bekräftigte die Mutter, sich ganz auf sich und das Baby zu konzentrieren und ihre Spiritualität zu pflegen, um dadurch die geistigen Prozesse ihres Kindes zu fördern. Diese Verbindung zweier verschiedener Wesen in einem Körper wird von spirituellen Meistern als die höchste menschliche Beziehung bezeichnet.

An diesen Beispielen wird sicherlich klar, dass wir nicht einfach alte Rituale übernehmen können. Meiner Meinung nach gilt es für uns heute, neue Rituale zu finden, damit diese einzigartige Zeit nicht in der Bewältigung des Alltags mit seiner ganzen Geschäftigkeit untergeht. In meinen Geburtsvorbereitungskursen, die über praktische Übungen und Informationen hinausgehen, werden den Paaren Möglichkeiten vorgestellt, wie z.B. die haptonomische Begleitung des Vaters über den einfühlsamen Kontakt der Hände, das Baby zu erspüren und in einen nonverbalen Dialog zu treten. Herzmeditationen und Phantasiereisen intensivieren die Beziehung zum Ungeborenen, bis dahin, dass es gefragt wird, was es essen möchte bzw. was die Mutter essen soll. Kommunikationsübungen eröffnen einen geschützten Raum, in dem alles ausgesprochen werden darf, wodurch eine unmittelbare Verbindung und Nähe zu sich selbst, dem Partner und dem Kind entsteht, denn jede Mutter und jeder Vater hat seine ganz eigene und individuelle Art, in Kontakt und Beziehung zu dem Baby zu treten.


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