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Ausgabe Januar/Februar 2002
„Das Unglück, das dein Herz erleuchtet”

Lisa Freund über die Liebe und den Tod

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Auf der Suche nach der großen Liebe oder nach einer Partnerschaft fürs Leben halten sich viele Menschen meist an die Entwürfe ihres Egos. In der Nähe des Todes kann man sehr schmerzlich mit der Wahrheit der Projektionen konfrontiert werden.

Max Frisch schreibt in seinem Roman „Montauk“: „Manchmal meine ich sie zu verstehen, die Frauen, und im Anfang gefällt ihnen meine Erfindung, mein Entwurf zu ihrem Wesen; zumindest verwundert es sie, wenn ich in ihnen sehe, was meine Vorgänger nicht gesehen haben. Damit gewinne ich sie überhaupt. Eine Zeitlang überzeugt es sie, was mir zu ihnen einfällt - mein Entwurf hat etwas Zwingendes. Wie jedes Orakel. Ich staune dann selber, wie ihr Verhalten bestätigt, was ich geahnt habe. Ob es mich peinigt oder beseligt, was ich um die geliebte Frau herum erfinde, ist gleichgültig; es muss mich nur überzeugen. Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber.“ (Montauk von Max Frisch, Frankfurt 1978, S. 118 f.)

Persönliche Projektionen suchen sich ein Objekt der Begierde, das in diesem Fall eine Frau ist. Die Frau, die Frisch begehrt, spiegelt ihm im günstigsten Fall seine Projektionen zurück, weil „sein Entwurf etwas Zwingendes hat“. Wenn er wiederum auch für sie ein zufrieden stellender Spiegel ihrer Projektionen ist, beginnt das Verliebtsein. Im Grunde genommen ist diese Liebe, die dann entsteht, eine Produktion zweier Egos, die sich gegenseitig spiegeln. Die Frau spiegelt die Wunschvorstellung des Mannes, er spiegelt ihre Erwartungen und beide verlieben sich in ihre Entwürfe, d.h. in sich selbst. Solange dieses fragile Gebilde aufrechterhalten werden kann, gibt es die Honeymoon-Phase, den ekstatischen Rausch des Verliebtseins, der im „Ich liebe dich“ gipfelt. Von dem Moment an, wo das Objekt der Begierde abweicht von den Wunschvorstellungen oder wenn die persönlichen Entwürfe eines oder beider Partner sich ändern, beginnt die „Küchenspül-Ebene“ einer Beziehung. Sie gerät in eine Krise, vielleicht zerbricht sie oder wandelt sich. Eventuell beginnt jetzt die Suche nach einem neuen geeigneten Partner, und das Spiel beginnt von vorn. Die Chancen, die solche Krisen mit sich bringen, sind die Lücken, die dann entstehen, wenn Altes sich auflöst und Neuem Platz machen muss. In diesen Lücken blitzt manchmal der Raum durch, der hinter den Wolken liegt, die spirituelle Ebene, unsere Buddha-Natur. Hier liegt die Chance, Projektionen zu erkennen und einen Weg zu wählen, von ihnen loszulassen.

Ich habe erfahren, dass in der Nähe des Todes die Konfrontation mit Projektionen des Egos, mit Erwartungshaltungen, Hoffnungen und Ängsten sich oft bis ins Unerträgliche zuspitzt, doch die Wahrheit sucht sich ihren Weg durch das Dickicht der Verdunklungen, der Emotionen und Konzepte. Oft ist es für die Betroffenen schwer, dies zu erkennen, da die emotionalen Verstrickungen zu groß sind. In dem folgenden Fall war die Konfrontation mit der Wahrheit der Projektionen sehr schmerzlich: In einem großen Krankenhaus liegt Nana, die dem Tod sehr nahe ist. Ihr Körper besteht nur noch aus Haut und Knochen, die Wangen sind eingefallen, die Haare ergraut, die Haut ist fahl. Sie ist kaum 40 Jahre alt und sieht aus wie eine Greisin. Auf dem Nachttisch steht ein Foto von vor etwa drei Jahren. Dort ist eine junge Frau mit üppigen brünetten Haaren auf dem Deck eines Segelbootes in mediterraner Landschaft zu sehen. Ihre Augen blitzen. Sie ist eine Schönheit, sportlich, elegant, fröhlich. Jetzt liegt sie im Krankenbett und kann ihren Mann, der neben ihr sitzt, nicht mehr erkennen. Zwischen der Frau auf dem Foto und der Frau im Krankenbett gibt es keinerlei Ãhnlichkeit mehr, und doch sind die beiden identisch. Draußen, bei einer Tasse Tee, sagt ihr Mann mit gepresster Stimme: „Ich wage es kaum zu sagen, aber ich weiß oft nicht mehr, ob diese Frau dort im Bett noch meine Frau ist. Ich erkenne sie nicht mehr wieder. Sie war immer so, wie ich mir eine Partnerin fürs Leben vorgestellt habe, meine große Liebe. Jetzt, wenn ich sie so sehe, denke ich manchmal: Du bist es nicht mehr. Ich schäme mich dafür, dass ich sie nicht mehr wieder erkenne, dennoch rührt ihr Leiden mein Herz. Es schmerzt so. Ich möchte ihr helfen, aber ich habe nicht das Gefühl, genügend Liebe in mir zu haben, um sie wirklich unterstützen zu können.“

Nanas Körper und ihre Persönlichkeit zerfallen. Sie entspricht jetzt nicht mehr dem Bild von der geliebten Frau, das Peter in sich trägt und immer so geschätzt hat. Ihr großes Leiden rührt sein Herz. Er ist dabei, sich von der Fixierung auf persönliche Vorstellungen, Erwartungshaltungen und Konzepte zu lösen. Obwohl er Nana kaum noch wieder erkennt, sucht er nach Wegen, sie mit ganzem Herzen unterstützen zu können. Mitgefühl mit ihr in diesem schweren Leiden nahe der Todesstunde öffnet ihm das Tor zu einer Liebe, die ohne Anhaftung und ohne Abneigung ist. Wenn die Projektionen unseres Egos zusammenbrechen, verlieren wir unsere Bezugspunkte, innerhalb derer wir uns orientiert haben. Im Rahmen dieses Bezugspunktsystems haben wir unsere Anhaftungen und Abneigungen definiert und auch, was für uns Liebe ist. Gerade dann, wenn diese Bezugspunkte sich auflösen, dann kann es sein, dass in der Not das Wesen durchschimmert, das hinter der Erscheinung liegt. Damit einher geht die Öffnung des Herzens. Wenn wir das Abbild loslassen und das Greifen danach aufgeben, öffnet sich der Weg aus dem Leiden in das Potential der Liebe. Wir sind dann mitfühlend präsent am Krankenbett. Leiden wird so transformiert und wird zu einem Akt innerer Befreiung. Wenn die Not am größten ist, wie in der obigen Situation, dämmert die Wahrheit in uns. Der Mann erkennt, dass er diese Frau liebt, obwohl sie nicht seinem Entwurf entspricht. Da sucht sich die Wahrheit den Weg ins Bewusstsein: Es gibt etwas, das hinter der Erscheinung liegt, das Wesen, das liebenswert ist und dessen Strahlung oder Energie die reine Liebe ist, auch wenn Gestalt und Persönlichkeit des Menschen, den wir zu lieben glauben, zerfallen.


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