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Ausgabe Januar/Februar 2002
Das Erbe des Paracelsus

Traditionelle abendländische Medizin

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Die Naturwissenschaften sind im ständigen Wandel. Neues, erweitertes Wissen kommt hinzu und das alte wird nur allzuschnell verworfen und hat seine Gültigkeit verloren. Hat jedoch das, was sich aus der jeweiligen Kultur in Hunderten von Jahren entwickelt hat, nur durch die materiell orientierte Apparate-Wissenschaft keine Gültigkeit mehr? Dass heute anders geheilt wird als vor hundert Jahren ist eine ganz natürliche Entwicklung. Allein die Leistungen der Chirurgen sind nicht mehr wegzudenken. Wie können wir heute das Wissen von Paracelsus mit dem der modernen Medizin sinnvoll miteinander verbinden? Dieser Frage geht Natascha von Ganski nach.

Unsere moderne Medizin baut auch auf überliefertem „alten“ Wissen auf. Speziell in der Pharmakologie hat die Medizin aus der Heilpflanze zu kopieren versucht. Einzelne erforschte Bestandteile wurden synthetisch vermehrt und isoliert dem Kranken verordnet. Die erwünschten Heilerfolge stellen sich oft nur in unzureichendem Maße ein, da das gesamte Spektrum der Heilpflanze nicht ausgeschöpft wurde. Aber gerade das Ganze und speziell das, was sich hinter dem Ganzen verbirgt, war es, was Paracelsus zu seiner Zeit den Ärzten zu vermitteln versuchte. Die Einbeziehung des Kosmos und die Kräfte der Planeten - speziell Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Merkur und Mond - waren im 16. Jahrhundert und in der Zeit davor ein nicht wegzudenkender Faktor bei der Ursachenforschung der Krankheit oder des Leidens eines Menschen. Die Astrologie gehörte zu dem notwendigen Wissen eines Arztes. So wie das Kreisen der Planeten um die Sonne das Leben in unserem Planetensystem entstehen lässt, so ermöglicht das Zusammenwirken der Organe das Leben des Menschen. Organe und Planeten wirken analog, denn sie unterstehen denselben Gesetzen. So wie die Planeten um die Sonne kreisen, so zirkuliert das Blut in unserem Körper durch die Kraft des Herzens. Die Lehre der Signaturen, die Einflüsse der Gestirne auf Pflanzen, Tiere, den Menschen und seine Organe sind ein Teil der abendländisch und auch philosophisch orientierten Heilkunst.
Die Heilphilosophie von Paracelsus fußt auf vier Säulen: der Philosophie, der Astronomie, der Alchemie und der Tugend.

Mit Philosophie ist hier nicht ausschließlich die klassische Schulphilosophie gemeint, sondern die, die aus Liebe zur Weisheit entsteht und sich im Menschen offenbart, wenn er sich ganz der Wahrheit hingibt. Nach Paracelsus gehen „alle Krankheiten aus der Wurzel der Planeten hervor. Wie der Planet ist, so ist auch die von ihm verursachte Krankheit, und wer den Planeten kennt, dem ist auch dessen Krankheit bekannt.“ Hier ist nicht der Planet in seiner physikalisch-materiellen Form gemeint, sondern seine charakterisierten Eigenschaften, ähnlich wie wir sie aus der angewandten Astrologie kennen.

Die hier genannte Astronomie ist die Kenntnis der Kräfte, welche den Organen des Menschen ihre Fähigkeit geben, ihre Funktionen zu verrichten. „Wie das Feuer durch den Ofen dringt oder die Sonne durch ein Glas, so durchdringt den Menschen das Gestirn mit all seinen Eigenschaften und dringt in ihn ein, wie der Regen in das Erdreich und bringt ihm Frucht.“ - so Paracelsus. Ein konkretes therapeutisches Beispiel wäre die Behandlung mit homöopathisch aufbereiteten Metallen (Aurum/Gold = Sonne, Ferrum/Eisen = Mars oder Stannum/Zinn = Jupiter) in Verbindung mit planetarisch zugeordneten Pflanzen.

Die Alchemie ist in den letzten Jahrhunderten stark in Vergessenheit geraten. Viele Mythen ranken sich um diese Wissenschaft, so dass ein behutsamer Umgang mit diesem Thema angeraten erscheint. Das Klischee, unedles Metall in Gold zu verwandeln, dient wohl eher als Metapher für die Bewahrung geheimen Wissens. Um hier nicht den Aspekten der Heilkunst zu entgleiten, setzt Paracelsus die Alchemie mit der Spagyrik gleich: Spagyrik ist die Kunst, aus einer Substanz mineralisch/pflanzlichen Ursprungs ein Heilmittel zu machen. Das Wort Spagyrik kommt aus dem Griechischen und bedeutet „spao“ = trennen und „ageiro“ = vereinen. Getrennt wird das Unbrauchbare und Nutzlose vom Wertvollen und Brauchbaren. Das Ausgangsmaterial hierfür ist in den meisten Fällen pflanzlichen Ursprungs. Mit aufwendigen Verfahren wird die Prima Materia, die Lebenskraft, aus der jeweiligen Substanz herausgelöst und dann dem aus dem Gleichgewicht geratenen, bzw. krank gewordenen Organismus zugeführt. Paracelsus war der Auffassung, dass in jeder Form, die materiell zum Ausdruck gebracht wurde, diese Lebensenergie vorzufinden ist. In ihr wirken die drei unterschiedlichen Prinzipien Sal, Sulfur und Mercurius. Dabei sind jedoch nicht die chemischen Substanzen gemeint, sondern ihre übergeordneten Eigenschaften. Sal ist das materialisierende Prinzip, das Körpergebende, die Materie im eigentlichen Sinn. Sulfur steht für das beseelende Prinzip. Es charakterisiert die Eigenschaft und die Form eines Stoffes. Mercurius ist die Lebensenergie, der Geist, der in der chinesischen Medizin als „Chi“ bekannt ist. Der Vorteil eines spagyrisch aufbereiteten Heilmittels ist der, dass die Stoffe, welche bei einigen Menschen allergische Reaktionen hervorrufen, durch das aufwendige Verfahren nicht mehr toxisch wirken bzw. allergische Reaktionen hervorrufen können. Die Mineralien (Sal) und die ätherischen Öle (Sulfur) sind jedoch weiterhin enthalten und in ihrer Wirkkraft wesentlich erhöht. Ist der Körper nun durch Krankheit aus dem Gleichgewicht geraten, können die spagyrischen Heilmittel eine wahre Alternative zu anderen Präparaten darstellen.

Die Traditionelle Abendländische Medizin ist ebenso wie die chinesische oder ayurvedische Heilkunde ein Therapiekonzept, welches den Menschen in seiner Ganzheit zu behandeln versteht. Der größte Unterschied zu den fernöstlichen Heiltraditionen besteht wohl im Wesentlichen darin, dass die abendländische Medizin aus unserer europäischen Kultur entstanden ist. Sie ist somit eine wunderbare Alternative zu den oben angeführten fernöstlichen Formen der Heilkunst.



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