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Ausgabe Januar/Februar 2002
Das Geheimnis der Palmblatt-Bibliotheken

Teil II des Reiseberichtes von Winfried Paarmann

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In Chennai, früher Madras, befindet sich eine der bekannten Palmblattbibliotheken Indiens: Vor siebentausend Jahren wurden dort auf Palmblättern die Lebensläufe heute lebender Menschen aufgeschrieben, oft in vielen genauen Details. Als Urheber werden die heiligen Rishis genannt. Winfried Paarmann war vor Ort, um dem Rätsel dieser Aufzeichnungen auf die Spur zu kommen. Im letzten Heft berichtete er über die Verunsicherung, die die Beschäftigung mit der Tatsache, dass hier Tausende von Jahren im Voraus Details über kommendes Leben aufgezeichnet sein sollen, auslöst. Es folgt hier nun der zweite Teil seines Berichtes: vor Ort in Chennai.

Der Tag meiner Ankunft in Chennai sollte der 13. April sein. Verwandte und Bekannte haben mich mit vielen guten Wünschen auf den Weg geschickt - manche auch mit Unverständnis: Ob man dies denn wirklich wollen kann - seine Zukunft vorauswissen, speziell auch das Datum des Todes? Natürlich ist das auch für mich eine Mutfrage. Drastische, möglicherweise auch schmerzliche Lebenseinschnitte könnten zur Sprache kommen, illusionäre Hoffnungen und Ambitionen für immer ausgelöscht werden. Doch die Neugier war stärker - Neugier nicht nur in persönlichen Lebensfragen, sondern ebenso denen nach der „Beschaffenheit“ unserer Realität.

Ich nähere mich dem „Ashram“, einem reich geschmückten, mit vielen Bildern ausgestatteten, zur Straße hin offenen Tempelraum. Sri Ramani macht in dieser ersten Begegnung auf mich den Eindruck eines klugen Kopfes, im Rang etwa eines Universitätsprofessors. Qualitäten darüber hinaus kann ich in diesem ersten Gespräch nicht entdecken. Gleichwohl wird er im Kreis der hier Angereisten, vor allem Deutsche, Schweizer und Österreicher, wie ein Guru verehrt. An meinem etwas saloppen Auftreten nimmt man in diesem Kreis auch sogleich Anstoß, man sieht darin „Respektlosigkeit“. Ich beobachte in diesem Anhängerkreis eine Reihe sehr unterwürfiger Gesten, schließlich auch Szenen, in denen sich einheimische Inder vor dem Stuhl des Meisters zu Boden werfen und ihm die Füße küssen. Für Auftritte solcher Art kann ich kaum Sympathie entwickeln, auch ist mir jede Guru-Verehrung, gar „Meister-Gläubigkeit“ fremd.
Nach rund vierzehn Tagen treffe ich zum zweiten Mal in Chennai ein. An diesem Tag bin ich der einzige Anreisende. Sri Ramani bietet mir für die Palmblattlesung den kommenden Morgen an. Unter dem nun schmucklosen Zeltdach sitzt Sri Ramani völlig allein, gewissermaßen in einer immer währenden Bereitschaftsstellung in seinem Amt als Gastgeber und Guru, und wir beginnen ein kurzes Gespräch über abendländische und indische Philosophie. Wie bei meinem ersten Besuch vermeide ich eine zu persönliche Wende dieses Gesprächs. Ich will nach der Lesung ohne Einschränkung erklären können, dass jede Art persönliches Wissen über mich nur den Palmblättern entstammen kann.

Am nächsten Morgen warte ich im Zelt. In wenigen Minuten wird mich der Palmblattleser in den offenen Tempelraum rufen. Ich spüre auf einmal - ich gestatte mir die romantisch verklärende Formulierung - einen „tiefen inneren Frieden“. Was auch immer ich durch diese Palmblattlesung erfahren werde, Beflügelndes wie vielleicht auch Schmerzliches, es wird irgendwie in Einklang mit diesem Frieden stehen.

Ich lasse mich auf dem Teppich vor dem „Arbeitsplatz“ des Palmblattlesers nieder. Auf einem Blatt Papier soll ich meinen Namen, mein Geburtsdatum und meinen Geburtsort aufschreiben. Dann reicht mir Sri Ramani eine Handvoll Muscheln, die ich über dem Teppich auswerfen soll. Er nimmt zwei etwas seitwärts gelegene wieder an sich (wie ich gehört habe, ist ihre Position innerhalb des Mandala-Musters des Teppichs entscheidend) und betrachtet sie eingehend. Schließlich greift er in den halboffenen Schrank neben sich und holt ein gleich vorn liegendes Palmblatt heraus.

Ich bin erstaunt über den schmalen ebenmäßigen Zuschnitt der Blätter, die mir wie lange, dünne, sehr gerade Holzbrettchen erscheinen, und auch über die Ebenmäßigkeit der kleinen, geschwungenen Schriftzeichen. Wie ich weiß, stellt die Sammlung, die sich hier im Schrank an seiner Seite befindet, nur einen Bruchteil des gesamten Bibliothekbestands dar. Warum gerade „mein Palmblatt“ hier griffbereit im Schrank liegt, bleibt für mich ein Rätsel. Was er mir zu den Muscheln erklärt, verstehe ich so, dass er sie den Wochentagen und den Planeten zuordnet: Der Mond steht für meine Vergangenheit, Jupiter für meine Zukunft.

Sri Ramani beginnt wieder zu singen, jenen für meine Ohren befremdlichen Alt-Tamil-Singsang. Dann unterbricht er sich und beginnt, mir in klar verständlichem Englisch ein erstes Stück vom Inhalt des Blattes mitzuteilen: Perioden meiner Vergangenheit, eine auch mit präzisen Angaben meines damaligen Alters, Familienkonflikte. Wieder singt er, und die nächsten in Englisch gesprochenen Sätze beziehen sich auf die Zukunft: Veränderungen der kommenden Jahre, auch konkrete Altersangaben. Er verweist auf ein früheres Leben, das in Zusammenhang mit vielen Konflikten meiner bisherigen Lebenszeit steht. Eben jenes Leben ist mir durch eine Reihe anderer medialer Aussagen gut bekannt. Schließlich nennt er mein Alter zum Zeitpunkt des Todes.

Das Reading ist nach gut zwanzig Minuten beendet. Eine eher kurze Zeit, wie ich durch den Vergleich mit anderen Besuchern weiß. Doch wäre ich aufgefordert gewesen, weitere Fragen zu äußern, ich hätte wohl keine gestellt. Zwei präzise Fragen hatte ich mit mir getragen, als ich diesen Ort aufsuchte, eine die meine Vergangenheit, eine die meine Zukunft betraf. Beide Fragen sind erschöpfend und zu meiner völligen Zufriedenheit beantwortet.

Es bleiben die Fragen nach dem Geheimnis der Palmblattbibliothek selbst. Doch ich konnte an diesem Morgen und an diesem Tempelplatz, entgegen den Vorsätzen bei der Anreise, keine Erklärungen „einfordern“, das wäre wie ein Sakrileg gewesen. Die innere Berührung dieses Augenblicks durfte nicht zerredet werden.

Eine mögliche Antwort auf die Frage, die ich an diesem denkwürdigen Tag nicht zu stellen wagte, gab mir eine Videocassette, auf die ich schon lange vorher bei meiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Palmblattbiblioteken gestoßen war. Das Ehepaar Ritter berichtete darauf über seine Erlebnisse während eines Palmblatt-Readings, das erstaunliche Übereinstimmungen zwischen dem Vorgelesenen und den tatsächlichen Ereignissen im Leben der beiden Fragenden offenbart hatte. Herr Ritter schildert u.a. folgende Begebenheit: Als er im Anschluss an sein Reading in Bangalore eine weitere Frage stellen wollte, fand der Palmblattleser keine weitere Eintragung, sondern ein paar leere Palmblätter. Sie markierten eines der leeren Blätter, und der Palmblattleser legte das Bündel auf das Pyramidengestell im Tempelraum zurück, wo es während der nächsten Tage unangetastet blieb. Als es anschließend wieder geöffnet wurde, enthielt das markierte Blatt genau die Antworten auf die gewünschte Frage, ohne dass diese überhaupt formuliert worden wäre.

Ich erkannte allmählich, dass ich mich auf der Spur eines neuen Lösungsansatzes befand. Und überhaupt gab es da noch eine Aussage wie die: dass sich das auf den Palmblättern Niedergeschriebene „gelegentlich ändern“ könne, „wenn der Mensch in freier Entscheidung eine andere Richtung einschlägt“.

Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es sich bei den Palmblattbibliotheken um ein Phänomen handelt, das auch dem Bereich der Parapsychologie zuzuordnen ist. In einem Bild unserer heutigen technischen Welt ausgedrückt, könnten die Palmblätter in der Funktion von „Disketten“ gesehen werden. Es umgibt sie ein Kraftfeld, dass - vielleicht im Sinn der morphogenetischen Felder - sensibel auf Eindrücke des „karmischen Umfelds“ reagiert, mit dem sie verbunden sind. Ebenso wäre es denkbar, dass es eine Reihe „jenseitiger Palmblattleser“ gibt, die bei aktuellen Veränderungen des karmischen Geschehens die Eintragungen auf den Blättern „umschreiben“.

Das Bild der Diskette ist hilfreich, weil es inzwischen allen vertraut ist. So klar die heutige Wissenschaft jede Art der Materie als ein spezielles Energiefeld definiert, so übereinstimmend liegen die Ergebnisse der parapsychologischen Forschung vor, die die Veränderbarkeit von Materie durch Gedankenkraft und starke psychische Energien belegen. Sogar De- und Rematerialisationsvorgänge sind dokumentiert. Materie ist, allem Anschein zum Trotz, nichts „Statisches“, auch ein Palmblatt nicht.

Sicher liegt darin nicht die alleinige Antwort auf das Rätsel der Palmblattbibliotheken. Zahlreiche Prophezeiungen, die konkrete Geschehnisse vorwegnehmen, wie auch manchmal erstaunlich zutreffende Angaben von Hellsehern und Medien legen nahe, dass es eine in vielen Details vorgeprägte Zukunft gibt. Man könnte ein System von Wahrscheinlichkeiten vermuten, die sich, ihrer inneren Logik folgend, mehr oder weniger erfüllen. Eine sich nach der Gegenwart hin immer klarer „kristallisierende Zukunft“, wie die Kahunas es sagen. Doch sklavische Gebundenheit an ein unverrückbar festgelegtes „Schicksalsprogramm“ - ein solches Szenario wäre ein Missverständnis. Dies widerspricht auch zutiefst dem menschlichen Selbstempfinden. Als Modell mit der größten Schlüssigkeit bliebe dies: unser Leben in eine Reihe „fester Eckdaten eingepackt“, in markante Zielpunkte einer „dynamischen Landkarte“, zwischen denen doch immer der Spielraum zu freien Entscheidungen bleibt. Diese freien Entscheidungen werden bestimmend für neue Eckdaten, zumindest können sie diese beeinflussen und verschieben.

Die indischen Palmblattbibliotheken sind und bleiben ein vielschichtiges Phänomen. Die parapsychologische Komponente lässt sich sicher nicht „beweisen“. Und wenn sie so etwas wie eine Antwort darstellt, dann sicher eine immer noch sehr geheimnisvolle, keineswegs erschöpfende.


Nähere Informationen über die Palmblattbibliotheken unter www.narbhavie.com


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