aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Januar/Februar 2002
Indigo-Kinder

Das Rätsel der sogenannten Indigo-Kinder, Sternkinder oder einfach TV- und Computer-Kids.

art11660
Eine zunehmende Zahl von Kindern stellt Eltern, Lehrpersonen und einen großen Teil der Erwachsenenwelt vor immer neue Rätsel. Man nennt sie Indigo-Kinder, Sternkinder oder einfach TV- und Computer-Kids. Die Verständigung mit diesen Kindern fällt schwer, und als Ursache vermutet man in der Regel Reizüberflutung oder zerfallene Familienstrukturen. Hilde Floquet berichtet in dem folgenden Artikel über ein interessantes Erklärungsmodell der Audio-Psycho-Phonologie, das die besonderen Fähigkeiten dieser Kinder erkennt, die sich hinter ihrem unangepassten Verhalten verbergen.

Die auffälligsten Besonderheiten der Indigokinder werden zum einen als hyperaktiv und zum anderen als absolut verträumt klassifiziert. Die Hyperaktiven zeichnet ein geradezu anarchisches Potential aus, das mit einer hohen Durchsetzungskraft gepaart ist. Sie sind in der Familie, im Kindergarten und erst recht in der Schule schwer zu ertragen. Diese Kinder betätigen ihren Körper, ohne ihn richtig wahrzunehmen, was sich u.a. in einem geringen Schmerzempfinden, einer kaum vorhandenen Abgrenzungsfähigkeit und oft einem kaum vorhandenen graphischen Darstellungsvermögen zeigt. Sie scheinen ständig auf der Suche nach ihrem Körperempfinden zu sein. Herumschlagen, Hinwerfen oder Schreien sind nur äußere Zeichen dieser Suche. Auch die Verträumten nehmen ihren Körper nicht wahr. Sie scheinen zu schweben, geben sich dem Zustand der Einheit ganz hin, machen aus dem kleinsten Gegenstand, den sie finden oder sehen eine unendliche Phantasiegeschichte.

Aber auch Kinder, auf die diese beiden Klassifizierungen nicht zutreffen, zeigen immer häufiger Besonderheiten. Auffällig ist eine außergewöhnliche Sensibilität und Geräuschempfindlichkeit. Dabei erfassen sie intuitiv die verschiedensten Stimmungen und sind selbst sehr stimmungsanfällig. Andere sind außergewöhnlich sprunghaft und scheinen nicht kontinuierlich planend arbeiten zu können. Sie denken eher assoziativ und vor allem visualisierend (s. Grafik nächste Seite: Abb. 1 - die Imaginativen), aber nicht methodisch. Oft machen sie ihr Lernvermögen und ihre Lernbereitschaft ganz stark von der Person abhängig, mit der sie es zu tun haben. (s. Abb. 1 die Beziehungsintensiven). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sie sich immer öfter unseren planenden, logischen, definierenden, methodischen Lern- und Entwicklungsprozessen verweigern und Originelles, Risiko, Vergnügen und Spontanität fordern. In den eingefahrenen, starren schulischen Strukturen versagen sie deshalb immer leichter, obwohl sie eher hochbegabt als lernbehindert sind.

Diese neuen Kinder waren zentrales Thema der letzten internationalen Fortbildung der Anwender der Audio-Psycho-Phonologie (APP) im Oktober 2001. Die von Alfred Tomatis begründete APP beschäftigt sich seit ca. 50 Jahren mit der Diagnose und Behandlung von auditiven Wahrnehmungsstörungen. Zum Diagnoseprozess gehört auch die Feststellung der auditiven Lateralität, d.h. wir finden heraus, ob ein Kind führend mit dem rechten oder mit dem linken Ohr seine Umwelt wahrnimmt. Bei der Fortbildungsveranstaltung war schnell Einigkeit darüber zu erzielen, dass die Kinder in den letzten fünf Jahren immer öfter zur „Linksohrigkeit“ tendieren. Linksohrige Kinder verarbeiten die aufgenommenen Informationen wegen der Überkreuzung der Hörnervenbahnen über die rechte, emotionale Gehirnhälfte (s. Abb. 1, rechte Seite) und nicht - wie es Schulstoff, Lehrer und viele Eltern vorsehen - über die linke analytische Hemisphäre (s. Abb. 1 - linke Seite). Wir sehen uns also einer stetig wachsenden Zahl von Kindern gegenüber, die nur noch synthetisch, assoziativ, bildlich und fühlend lernen kann. Strukturiert planende, linkshemisphärische Erwachsene, die logisch und methodisch voranschreiten, erreichen diese Kinder verbal nicht mehr, denn sie können ihre rationalen Botschaften nicht mehr anbringen, d.h. sie können nicht mehr mit ihren eigenen Kindern oder Schülern in Kommunikation treten. (s. Abb. 2 - Erwachsene mit linkshemisphärischem Profil, Kinder mit rechtshemisphärischem)


Eine, wenn auch vereinfachende, graphische Darstellung zu dieser Problematik hat uns vor ca. 15 Jahren der Amerikaner Ned Herrmann geliefert (siehe Abb. 1 + 2). Er versuchte, stark im rechten Ohr und damit in der linken Gehirnhälfte verankerte Führungskräfte zu einem größeren Einsatz der rechten Hälfte zu bewegen, mit dem Ziel, Arbeitskräfte besser führen zu können, besser problematische Veränderungen antizipieren zu können und natürlich besser bestimmte Käuferprofile unter Marketingaspekten zu erfassen. „The creative brain“ - das kreative Gehirn - war sein Anliegen: „the leadership task will be to anticipate the signs of coming change“ - Aufgabe der Führungskräfte ist es, Veränderungen zu antizipieren.

Wie schön! Dann wäre unsere heranwachsende Kindergeneration ja bestens gerüstet für eine sich immer schneller verändernde Welt! Herrmanns Ziel war es jedoch, möglichst alle vier verschiedenen Präferenzprofile simultan benutzen zu können und somit allen Anforderungen gewachsen zu sein. Also nicht entweder Gefühl oder Verstand zu benutzen, sondern sowohl als auch. Hier liegt das Dilemma vieler Kinder begründet. Sie scheinen keinen Weg mehr in die linke Hemisphäre zu finden! Der als corpus callosum bezeichnete Balken, der die beiden Gehirnhälften verbindet, scheint nicht durchlässig genug zu sein, denn die ihn durchlaufenden Nervenbahnen scheinen immer später zu reifen. Somit ist die analytische Hör- und oft auch Sehverarbeitung immer schwerer. Als Folge erleben wir bei vielen ein latentes oder ausgeprägtes ADS-Syndrom, eine latente Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Die Kreativität ist da, die Intelligenz ist da, doch sie kann nicht gezielt in den Alltag, d. h. über den Balken umgesetzt werden.

Bei der Suche nach den Ursachen ist man geneigt, den modernen, vorwiegend visuell orientierten Medien, dem hektischen Lebensstil, der Reizüberflutung einiges „in die Schuhe zu schieben“. Die Medien bedienen in der Tat sehr stark die rechte bildliche Gehirnhälfte. Die zerfallenden Familienstrukturen werden auch häufig angeführt. Es wachsen immer mehr Einzelkinder ausschließlich bei ihrer Mutter auf, lernen also in der alltäglichen Auseinandersetzung den männlichen Standpunkt, der der linken Gehirnhälfte zugeordnet werden kann, nicht mehr kennen.

Diese Begründungen sind gewichtig, greifen jedoch etwas zu kurz, um ein so massiv auftretendes Problem zu erklären. Sinnvoller erscheint da schon die zusätzliche Begründung, dass unsere Welt sich in einer immer größeren Geschwindigkeit verändert. Neues setzt sich nicht mehr langsam und methodisch durch, sondern rasant, simultan und fast anarchisch. Ein neuer Zivilisationszyklus scheint uns völlig andere Herausforderungen zu präsentieren, scheint uns in ein höheres geistiges Zeitalter zu führen, das die Anwendung unseres gesamten Gehirnpotentials fordert, sowohl das rechte wie das linke. Die neue Generation scheint unserer rationalen Welt zunächst zu zeigen, dass sie die Kraft der rechten Hälfte gezielt einbringen will. Vielleicht als Gegenpol zu unserer cartesianisch und materialistisch geprägten Welt. Sie zwingt uns Erwachsene zu der Frage, ob wir diese Impulse annehmen oder unterdrücken wollen!

Unterdrücken können wir sie mit Ignoranz, mit Medikamenten, mit technischen Trainingsmethoden zur Anpassung, mit immer spezialisierteren Untersuchungssequenzen, die ihre scheinbaren Defizite klipp und klar darstellen. Fördern können wir sie, indem wir zunächst den Impuls dieser Kinder klar erkennen und auch intuitiv erfassen, ihn dann in seinen individuellen Ausprägungen sehen und diesen Kindern Hilfestellung geben. Helfen können wir nur, wenn auch wir beide Gehirnhälften nutzen, gemeinsam nach ganzheitlichen Begleitkonzepten suchen, immer wieder das gesamte Beziehungs-, Lern- und Körper-Netzwerk neu anschauen und nach außergewöhnlichen Förderungen Ausschau halten, damit der Impuls dieser Kinder nicht verloren geht. Diese Aufgabe verändert uns selbst, verändert unsere Institutionen und letztendlich unsere Welt.



Literatur:

A.A. Tomatis: Das Ohr - die Pforte zum Schulerfolg, Verlag modernes lernen
Kühlewind: Sternkinder, Verlag Freies Geistesleben

G. Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.