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Ausgabe Januar/Februar 2002
Dem Himmel ganz nah

Zum „Soul-Trekking“ nach Ladakh - in 3.500 m Höhe

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Ganz oben, im nordöstlichen Winkel, entlang der Grenze zu Tibet, erstreckt sich als touristisches Neuland jener Teil des Himalaya, der zwar geopolitisch zu Indien, ethnologisch und kulturell jedoch der sino-tibetischen Region angehört. Der knapp eineinhalb-stündige Flug von Delhi nach Leh, der mit gerade 10.000 Einwohnern recht überschaubaren Hauptstadt von Ladakh, führt über eine großartige, gewaltige Landschaft ewig schneebedeckter Berge hinauf in das 3.500 m hoch gelegene Industal. Die dünne Luft, das glasklare Panorama der trotzigen Berggiganten, die liebevoll-eifrige Geschäftigkeit der Gepäckfrauen, der lärmende Empfang durch eine Gruppe traditioneller Musiker - diesem Ansturm auf die Sinne sind das westliche Gemüt und unsere physiologische Flachlandausstattung kaum gewachsen. Es ist ratsam, sich diesem so lange Zeit verschlossenen, erst 1974 für den Tourismus geöffneten Land behutsam zu nähern. Wie in allen extremen Regionen dieser Welt prägt hier noch immer das Land, die Natur den Menschen, bestimmt seinen Rhythmus und seine Spiritualität. Der Himalaya, übersetzt „das Land des Schnees“, erreicht zwar in Ladakh „nur“ Spitzen von 6.500 m Höhe, dafür zählen seine Täler mit 3.500 m über dem Meeresspiegel zu den höchsten bewohnten Gegenden der Welt.

Highlights nicht nur für Gipfelstürmer

Die etwa 15.000 Touristen, die jährlich ins Land kommen, wollen vor allem die großartige Landschaft erwandern oder sich als Bergsteiger erproben. Doch Ladakh hat auch für den spirituell ausgerichteten Reisenden Erfahrungen und Erlebnisse von ganz eigenem Reiz und Tiefe zu bieten, die sich je nach Situation mühelos auch mit geländegängigen modernen Transportmitteln erkunden lassen. Allem voran stehen die Vielzahl buddhistischer Klöster, die geradezu integrierter Bestandteil des ladakhischen Landschaftsbildes sind. Viele Klöster haben sich bereits auf die Beherbergung der westlichen Gäste für kürzere oder auch längere Zeit eingerichtet. Wer die Nächte unter einem einzigartig nahen Sternenhimmel verbringen will, kann auch bei seinem Seelen-Trekking auf die übliche Zeltübernachtung zurückgreifen. Für Reisende mit etwas höherem Komfortbedürfnis steht vor allem in und um Leh eine passable Auswahl kleinerer und mittelgroßer Hotels mit gutem westlichem Standard und großzügigem östlichem Service zur Verfügung, von denen aus die klösterlichen Attraktionen bequem in Tagestouren zu erreichen sind.


Im Dialog mit den Göttern

Mit zu den wohl faszinierendsten Erlebnissen zählt der Besuch eines Orakels, das gleichzeitig die Funktion des Heilers bzw. der Heilerin wahrnimmt. Das Prestige eines Orakels korreliert mit der energetischen Kraft und den hellseherischen Fähigkeiten, die ihm/ihr von den Göttern verliehen wurden. Die tibetische Bezeichnung für Orakel ist zudem ein eindrücklicher Hinweis auf die außerordentliche Bedeutung, die ihm in der buddhistischen Welt zukommt: Lhapa bzw. die weibliche Form Lhamo bedeutet nicht weniger als „Gottmensch“. Ist in das Orakel nach langer, sorgfältiger und genauest festgelegter Vorbereitung die jeweilige Gottheit eingefahren, holt es durch eine knappe auffordernde Geste die Anwesenden einzeln zu sich. Die vorgebrachten Anliegen sind so unterschiedlich wie die Menschen der täglich zwischen 20 bis 30 Personen umfassenden Gruppen, die sich in dem kleinen, halbdunklen Raum drängen. Hier ist es der heftige Bauchschmerz eines jungen Soldaten (ihm wird ein verschluckter Kaugummi mit dem Mund des Orakels für alle sichtbar durch die unversehrte Bauchdecke herausgesaugt), dort ist es eine entstellende Hautkrankheit, die nach mehrmaliger Behandlung mit Räucherwerk und Kräuterpaste nahezu abgeheilt ist; einem Bauern ist das Haus ab- und die Frau durchgebrannt und er will einen Blick in die für ihn ungewisse Zukunft werfen. Ein junger Sikh kommt eigens aus dem fernen Jaipur geflogen, um eine langjährige schwere Knochenerkrankung heilen zu lassen und einer Frau aus Frankreich wird ein erdrückender Seelenschmerz wegen des Verlustes eines Kindes genommen. Einem Paar aus Deutschland macht das Orakel nach kurzer „energetischer“ Kontakaufnahme klar, dass es seine Beziehungskrise nur durch ein eindeutiges Bekenntnis füreinander, sprich durch schnelle Heirat, beenden kann. Ein sprachkundiger Assistent des Orakels gibt den wenigen ausländischen Gästen die notwendige Übersetzungshilfe. Eine Begegnung mit der „Sabu-Frau“, dem heute maßgeblichsten Orakel des Landes, macht für den verstandesgeprägten Westler unmittelbar erlebbar, was ein Goethe damit gemeint haben könnte, als er formulierte, „es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als der Mensch sich vorzustellen vermag“.


Leben und lernen mit buddhistischen Mönchen

Im kleinen Ort Ney, versteckt in einem Nebental des Indus, etwa eineinhalb Stunden Jeepfahrt durch atemberaubende Landschaften von Leh entfernt, kam es in jüngster Zeit zu einem west-östlichen, oder besser buddhistisch-christlichen, Bündnis bemerkenswerter Art. Am Pfingstsonntag dieses Jahres wurde dort durch Rinpoche Lochus, einem engen Vertrauten des Dalai Lama, das neu erbaute Kloster Thagchokling eingeweiht, das durch einen jungen deutschen Spender finanziert wurde und als ständige Begegnungsstätte für Menschen beider religiöser bzw. weltanschaulicher Orientierungen gedacht ist. Wer will, kann sich dem Tagesablauf der Mönche anschließen, bei Sonnenaufgang mit Meditation und nachfolgendem Frühstück den Tag mit ihnen beginnen, in der Klosterküche mithelfen, bei der Feldarbeit zur Hand gehen und sich abends etwa an der Herstellung von Gebetsmühlen und Gebetsfahnen beteiligen. Dazwischen ist immer wieder Gelegenheit zu intensiver Meditation gegeben. Kernstück des Aufenthaltes aber sind die nachmittäglichen Unterweisungen in der buddhistischen Lehre und die Diskussionsrunden mit den Mönchen. Geleitet wird das Kloster durch einen jungen Ladakhi mit hervorragenden englischen und guten deutschen Sprachkenntnissen. Darüber hinaus ist er mit allen touristischen Möglichkeiten vor Ort vertraut, so dass während eines ein- oder zweiwöchigen Aufenthaltes auch individuelle Programmwünsche realisiert werden können.


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