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Ausgabe März/April 2003
Ich will leben - Bitte lehre mich zu sterben!

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Ein Beitrag von Alan Lowen.

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Auferstehung ist das Mysterium der Verwandlung und Erneuerung, das dadurch entsteht, dass wir dem Tod erlauben zu geschehen. Der Tod kann uns lehren, uns von etwas zu verabschieden, um einen Neuanfang zu ermöglichen.
Die kulturellen Normen, mit denen wir aufwachsen, hindern uns daran, in unserem Leben wahre Erfüllung zu finden: die Trennung von unseren Gefühlen und von der Natur, der Vorrang von Erfolg, Bequemlichkeit und Unterhaltung, die blinde Übernahme sozialer Konventionen, die uns an das System anpassen wollen, die uns aber gerade deswegen davon abhalten, uns selbst und einander jemals wirklich kennen zu lernen. Wir finden heraus, dass wir vieles zu lernen haben, was uns in der Schule oder auf der Hochschule nicht vermittelt wurde, wie selbst zu erwachen, unsere Gefühle zu leben, in unserem Körper zu sein, uns selbst als männlich oder weiblich wertzuschätzen und das Grundlegendste von allem: die Erkenntnis, dass wir eines Tages diesen Körper, diese Welt und all das, was wir gelebt haben, verlassen werden. Der Tod - das bei weitem transformierendste Ereignis unseres Lebens und in unserer schnelllebigen Zeit das am meisten vernachlässigte - wird uns allen widerfahren!

Unsere Kultur hat sich so weit vom Wesentlichen entfernt, dass die Themen Tod und Sterben kaum noch in unseren Lehrplänen zu finden sind. Es wird einfach davon ausgegangen, dass die Religion sich um dieses Thema kümmert. Aber mit Glaubenssätzen abgespeist zu werden, die du dann entweder annimmst oder ablehnst, das ist keine Bildung. Jedenfalls lehren uns die Glaubenssätze nichts über die Mysterien und Geschenke, die uns der Tod selbst zuflüstern kann. Wäre der Tod mehr als ein natürlicher Teil in unserem sozialen Leben miteinbezogen und nicht durch unsere Versuche, ihn so unsichtbar wie möglich werden zu lassen, so abgespalten, hätten wir häufiger die Gelegenheit, durch den Tod unserer Lieben etwas zu lernen, vor allem dann, wenn sie mit dem Sterben vertraut sind! So ist es früher einmal gewesen. Die Ältesten wurden verehrt, und durch die Art ihres Übergangs konnten die Jungen persönliches Erwachen finden, die Erkenntnis von Vertrauen, das Akzeptieren der Reise „Leben-Tod“ und das großartige Geschenk des Loslassens.

Auferstehung
Solange wir diese Angst vor dem Loslassen in uns tragen, ist es, als ob wir nichts sterben lassen können. Wir beschützen uns, indem wir festhalten. Jemanden oder etwas loszulassen heißt, eine Art Tod zu erlauben. Vielleicht gehen wir am Ostersonntag zur Kirche, um die Auferstehung zu feiern, aber wir haben kein Vertrauen in jene Auferstehungen, welche durch die Tode in unserem eigenen Leben entstehen. Wir halten uns selbst nur in der Angst vor dem Verlieren gefangen. Auferstehung ist das Mysterium der Verwandlung und Erneuerung, das dadurch entsteht, dass wir dem Tod erlauben zu geschehen. Solange wir das nicht lernen, nähren wir unsere Angst weiter. Wir können uns nicht öffnen, weil wir dabei etwas verlieren könnten. Wir können die kostbarsten Momente des Lebens nicht erfahren, weil wir uns im Haben, Bekommen und Festhalten verloren haben, denn Loslassen heißt nicht nur, das freizugeben, woran wir uns klammern, sondern durch den Akt des Loslassens lassen wir uns in das Geheimnis dieses Augenblicks eintreten. Wir werden empfänglich für all das Leben, dass sich in uns bewegt und für den Tanz der Existenz, der im Hier und Jetzt geschieht.
Loslassen zu lernen heißt, die wahre Bedeutung von persönlicher Befreiung zu verstehen. Es bedeutet frei zu sein, um mit dem Leben zu fließen, frei, deine eigene Kreativität und deine Inspiration zu genießen. Es eröffnet uns unser lebendigstes und kraftvollstes Lebenspotential, während wir die Geschenke, die das Leben uns bringt, genießen. Wir ergeben uns der Tatsache, dass etwas von uns genommen wird und sind dennoch frei zu tun, was immer wir wollen. Kurz gesagt heißt all dies, dass der Tod uns lehren will, uns zu verabschieden, nicht als ein Ende, sondern als ein Neuanfang zu sehen, so dass wir begrüßend „Ja“ sagen können zu dem, was im Hier und Jetzt geschieht, was auch immer das sein mag. Loslassen heißt Leben lernen.


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