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Ausgabe November/Dezember 2001
Alles oder nichts - Das Herz-Sutra

Vortrag von Sylvia Wetzel

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Um Wirklichkeit zu erfassen, unterteilt der Buddhismus sie in zwei verschiedene Ebenen: die relative, die den eigenen Standpunkt erkennt und die letztendliche Ebene, auf der jeder Standpunkt nur einer unter vielen ist. Ziel ist es, beide Ebenen gleichzeitig bestehen lassen zu können: „Form ist Leere und Leere ist Form“ heißt es im Herz-Sutra.

Was ist Wirklichkeit? Mit den fünf Sinnen riechen und schmecken, hören und sehen und spüren wir “etwas”, das unser Verstand als Ich und Welt, als Dinge und Menschen, als innen und außen interpretiert. Unsere Sprache – “Ich sehe diesen Baum” – ist Ausdruck dieser Interpretation. Es scheint da ein “Ich” zu geben, das die Welt als Ansammlung getrennter Dinge wahrnimmt. Wir erleben aber auch Momente, in denen wir uns verbunden fühlen mit allem, was ist, also als ungetrennt. Was stimmt nun, was ist Wirklichkeit? Der Buddhismus versucht, diese beiden unterschiedlichen Erfahrungen in der Figur der zwei Ebenen von Wirklichkeit zu fassen. Es heißt in den Lehren: Es gibt einmal die relative Ebene, in der lebe ich in Zeit und Raum. Ich bin in einer bestimmten Zeit geboren, unter bestimmten Bedingungen aufgewachsen, habe bestimmte Bedürfnisse, habe z.B. einen Körper, und der braucht etwas zu essen, zu trinken und Kleidung. Ich habe bestimmte emotionale Bedürfnisse, und es ist gut, sie zu kennen. Die Weisheit, die die relative Ebene versteht, erkennt die relativen Bedingungen, die ich zum Leben brauche. Wir werden aber engstirnig, wenn wir das auf ewig festschreiben wollen und behaupten: “Das ist normal. Normale Menschen brauchen dies und das. Ich brauche dies und das. Das war immer so und das ist jetzt so und das muss weiterhin so sein.”

Denn neben der relativen Ebene gibt es die letztendliche Ebene. Sie besteht aber nicht losgelöst oder unabhängig von der relativen Ebene, sondern gleichzeitig. “Form ist Leere, und Leere ist Form”, heißt es im Herz-Sutra. Das ist die knappste Formulierung für die zwei Ebenen von Wirklichkeit. Man stellt also fest: “Das ist mein Bedürfnis. Das ist dein Bedürfnis. Ich stehe hier, und du stehst dort. Jede Person steht irgendwo anders.” Was ist denn dann richtig? Wenn man die ganze Situation überblickt, eine ganz weite Perspektive einnimmt und unterschiedliche Standpunkte anschaut, merkt man: “Letztendlich ist jeder Standpunkt in dem Sinne falsch, dass er nicht der einzig richtige ist.” Hier ist die Grenze für Ratschläge. Man kann Ratschläge geben, wenn sie erbeten werden. Man kann um Ratschläge bitten. Man sollte sich aber überlegen, wen man um Ratschläge bittet und auch, ob man bereit ist, einen Ratschlag anzunehmen, oder ob man nur eine Meinung hören will. Auch das ist in Ordnung. Eine andere Person kann aufgrund ihrer Lebens- und Meditationserfahrung, ihres Hintergrundes, ihrer Beziehung zu mir, ihrer Kenntnis meiner Bedingungen vielleicht sehr, sehr gute Ratschläge geben. Wir lassen uns in schwierigen Situationen gerne von Menschen beraten, die an einem anderen Ort stehen und etwas mehr Distanz haben zu dem, was wir tun, und von daher vielleicht auch raten können, weil sie nicht so in unsere Probleme verstrickt sind. Letztlich müssen wir selber überprüfen, ob dieser Ratschlag, der von einem anderen Standpunkt in Zeit und Raum gegeben wird, zu uns passt. Hier ist wieder die Weisheit der relativen Ebene gefragt. Genau genommen entsteht die Weisheit der relativen Ebene erst dann, wenn wir unseren eigenen Standpunkt kennen und begreifen, dass dieser nicht der richtige, der einzig richtige ist.

Es gibt jetzt zwei Gefahren: Erstens, man hält an der letztendlichen Ebene fest und sagt: “Es ist doch alles egal. Jeder Standpunkt ist sowieso verkehrt und nur individuell, und letztendlich ist jeder Standpunkt einseitig, naiv und eng. Also lass ich das mit den Standpunkten. Ich bleibe jetzt auf dieser absoluten Ebene.” Dann wird das Leben meistens ziemlich schwierig. In der tibetischen Tradition gilt das als die gefährlichste Falle. Wenn man sich an der absoluten Ebene festhält und sagt: “Das ist sowieso alles egal”, sitzt man fest, denn dann kümmert man sich z.B. nicht mehr um sein Leben. Man übernimmt keine Verantwortung mehr, weil sowieso alles egal ist. Es heißt dann: Man hat vom Gift der Leerheit gegessen. Und das ist tödlich.

Im zweiten Fall denkt man: “So, wie ich es sehe, ist es richtig, denn schließlich empfinde ich es ja so. ICH finde es normal! Warum finden es die anderen nicht normal?” Wenn man an der relativen Ebene hängt - sagt die Tradition - ist es ein bisschen günstiger, weil man sich dann zumindest um seine Pflichten kümmert, Verantwortung übernimmt, vielleicht Ethik praktiziert und zumindest versucht, ein anständiger Mensch zu sein.

Das beste ist die Weisheit, die beide Ebenen von Realität erkennt, den eigenen Standpunkt in all seiner Relativität und die letztendliche Ebene, auf der jeder Standpunkt nur einer unter vielen ist. Der Weg aus dem Gefängnis der eingefahrenen Gewohnheiten, Emotionen, Ansichten, Meinungen in die Freiheit ist immer eine Gratwanderung. Zum einen müssen wir unsere Stärken und Schwächen deutlich sehen, zum anderen diesen relativen Standpunkt sehr klar wahrnehmen im Wissen, dass er von der größeren Perspektive aus einseitig ist. Als kleiner Trost: In der Tradition heißt es: Nur Buddhas können gleichzeitig beide Ebenen wahrnehmen - im gleichen Augenblick. Wir können abwechselnd die relative Ebene wahrnehmen, sehen, wo wir stehen, es möglichst deutlich spüren, und dann wieder über die letztendlich Ebene nachdenken und alles wieder relativieren. Wenn wir das üben, hat es Einfluss auf unser ganzes Leben.


Übungstag: 15.12.01, 11-18h. Am Samstag Abend findet von 19-21h ein Ritual der Grünen Tara statt. Bitte Gaben – Blumen, Obst, Kekse - mitbringen.

Sylvia Wetzel (geb. 1949) ist Publizistin und buddhistische Meditationslehrerin und Autorin von: „Das Herz des Lotos. Frauen und Buddhismus“, Fischer 1999, und „Hoch wie der Himmel. Tief wie die Erde. Praktische Meditationen zu Beziehungen und Arbeit“, Theseus 1999.


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