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Ausgabe November/Dezember 2001
Berittene Bogenschützen

Traditionelles Bogenschießen der Reitervölker - Seminar

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Woran denkt man, wenn man „berittene Bogenschützen“ hört? Die Amazonen kommen vielleicht in den Sinn oder die Steppenvölker Asiens wie die Hunnen und die Mongolen. Schon die alten Griechen waren von diesem Bild so fasziniert, dass sie Reiter und Pferd als eine Einheit ansahen, als den mythischen Zentauren. Der Zentaur verkörpert in perfekter Weise einen der wichtigsten Aspekte des berittenen Bogenschießens: die Verbundenheit von Reiter und Pferd. Pettra Engeländer lässt in Deutschland diese faszinierende Kombination wieder lebendig werden.


Die russische Archäologin Natali Polosmack fand im Altai-Gebirge in der westlichen Mongolei mehrere Gräber der Pazyrik-Kultur, in denen sowohl Frauen als auch Männer zusammen mit ihren Bögen, Pfeilen und Pferden begraben worden waren. Bei allen weiblichen Mumien war der Zeigefinger der rechten Hand sehr stark verhornt, was nur durch das regelmäßigen Bogenschießen entstehen konnte. Frühere Archäologen konnten ähnliche Funde nicht glauben und unterschlugen die Tatsache, dass es sich hier um die Gräber von Kriegerinnen handelt, von wehrhaften Frauen, die des Reitens und Bogenschießens mächtig waren.

Wir Menschen aus der westlichen Zivilisation können kaum mehr nachvollziehen, was die Kunst des Reiterbogenschießens ausmacht und welche Fähigkeiten diese Menschen gehabt haben müssen. Lajos Kassai aus Ungarn versucht, diese Kunst wieder neu zu rekonstruieren - theoretisch und praktisch. In langjähriger Forschung hat er dieses Wissen neu entdeckt und wieder belebt. In Zusammenarbeit mit Archäologen rekonstruierte er den traditionellen Reiterbogen. Diese Bögen werden exklusiv von ihm hergestellt. Er ist der Begründer der einzigen Reiterbogenschule Europas, die südöstlich des Balatons liegt.

Die Techniken, die er entdeckte und entwickelte, lässt die Pferdemenschen und ihre Kultur in einem ganz neuen Licht erscheinen. Die logische Herangehensweise unserer westlichen Welt ist für diese Sportart vollkommen unnütz, denn streng genommen ist es „unmöglich“, zu Pferde reitend irgendetwas mit einem Pfeil zu treffen. Dies wurde mit moderner Lasertechnik „bewiesen“. Aber dennoch hält Lajos Kassai den Weltrekord in dieser Kunst, der gegenwärtig darin besteht, auf einer 90-Meter-Bahn von einem galoppierenden Pferd aus acht Pfeile in weniger als 16 Sekunden in drei unterschiedliche Ziele zu setzen. Und jeder Pfeil trifft! Doch wie ist das möglich?

Wie auch in vielen anderen asiatischen Kampfkünsten sind auch hier eine andere Wahrnehmung und der Einsatz der Intuition der Schlüssel, der das Unmögliche möglich macht. Die Verbindung der Urkraft des Pferdes mit dem Treffen des Zieles ist pure erlebbare spirituelle Kraft. Im Zen-Buddhismus ist das Bogenschießen eine Methode der Meditation. Die Hauptgrundlage dieses östlichen Weges ist das Nicht-Zielen, ein Geschehen-Lassen und Sich-Einlassen, Kraft aufbauen und lösen. Der Bogenschütze muss vollkommen im Hier und Jetzt sein, alles andere wirkt sich auf den Flug des Pfeiles aus. Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft blockieren und verhindern das genaue Treffen. So wird jeder Pfeil zu einem Abdruck des eigenen Erlebens.

Lajos Kassai hat in seinen Seminaren in Ungarn diese Techniken weitergegeben. Viele der Teilnehmer haben diese Kunst dann auch ohne Pferd weiterverfolgt, da man auch vom Boden aus die sportlichen und spirituellen Vorteile dieser Kunst erleben kann. Die Ausübung des Reiterbogenschießens setzt ein Leben mit Pferden und eine große Hingabe voraus, da hier ein tägliches Training unerlässlich ist. So ist die Zahl der engen Schüler um Kassai sehr gering. Auch sind die Aufnahmeprüfungen zu seiner Schule bewusst sehr schwierig gehalten.

Ich bin durch die ersten Prüfungen gegangen und bereite mich auf weitere vor. Als einzige deutsche Schülerin der Kassai-Schule bin ich von Lajos Kassai persönlich autorisiert, dieses Wissen weiterzugeben. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Geschichte und Kultur der Steppenvölker des eurasischen Raumes. In Berlin biete ich zum ersten Mal ein Basis-Seminar an, um die Grundtechniken des Reiterbogenschießens vom Boden aus zu vermitteln. Das Seminar ist für Interessenten ohne Erfahrungen im Bogenschießen gedacht. Aufbau-Seminare, in denen die Teilnehmer auch vom Pferd aus trainieren können, wird es wieder ab Frühjahr 2002 auf dem Reiterhof „ArhönA“ im Bioreservat der hessischen Rhön geben.


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