aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe November/Dezember 2001
Alle Jahre wieder - Beginn der Rauh- oder Weihnächte -

Dorothea Prill informiert über die ursprüngliche Bedeutung von Weih-Nacht

art10487
Die Früchte des Sommers sind geerntet und das Korn geschnitten. Die Natur trägt warme Herbstfarben, entkleidet sich nach und nach und legt sich - wie viele Tiere auch - zum Winterschlaf nieder. Der leuchtende, Licht spendende Schnee legt sich als schützende Decke darüber. Der Energiehaushalt ist reduziert und sammelt so die Kräfte für das kommende Jahr: neues Wachsen, Blühen, Früchtetragen und dann Winterschlaf, alle Jahre wieder...

Das Rad im Jahreskreis hat sich weitergedreht: Wir sind in der unteren Hälfte, der dunklen Jahreszeit angelangt. Die Griechen und die Römer hatten dafür eine Metapher: den Mythos von Persephone/Kore, die sich jetzt von ihrer Mutter, der Vegetationsgöttin Demeter verabschiedet, um die zweite Jahreshälfte mit ihrem Gatten Hades/ Pluto, dem Herrn der Unterwelt, zu verbringen. Zur Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche, dem Ostarafest, kehrt sie für die andere Jahreshälfte wieder zu ihrer Mutter auf die Erde zurück.

Jede Zeit des Jahres hat ihre ganz eigene Qualität, ihre eigenen Energien. Wenn ich mich darauf einstelle und mit diesen Energien mitlebe, kann ich sie mir zunutze machen. Der Winter ist die Zeit, um zur Ruhe zu kommen und die ganz persönliche Ernte des vergangenen Jahres zu beschauen, sozusagen Inventur zu machen. Es ist die Zeit, das Ist, das Gewollthaben und das Wollen zu überprüfen und gegenzuwägen. Die Zeit, um Kräfte zu sammeln für das Wachstum im nächsten Jahr.

Eins ist sicher: Es braucht nicht viel, um uns in der Zeit des Jahreswechsels wieder ins Lot zu bringen, in einen Zustand der inneren und äußeren Ausgewogenheit. Was haben die AhnInnen gemacht? Unsere direkten Vorfahren, die Kelten und Germanen, feierten am 21. Dezember das große Fest der Winter-Sonnenwende. Für sie begann jetzt der neue Jahreskreis mit der Wiedergeburt des Lichts, der Geburt des Sonnenkindes - das Fest der christlichen Geburt wurde erst später übergestülpt. Die AhnInnen haben bereits seit dem 4. Dezember Lichter entzündet, vorzugsweise Kienspäne, und immergrüne Zweige hereingeholt, damit diese ihre Durchhaltekraft mit ihnen teilten. Das ist auch der ursprüngliche Sinn von Adventskranz und Weihnachtsbaum. Sie ehrten vor allem Ilex und Eibe, denn die roten Beeren symbolisieren Lebenskraft und Überlebensenergie. Rot ist die Farbe des Blutes, des Lebenssaftes. Eine besondere Rolle spielte die Mistel, die heilige Pflanze der Druiden. Sie durfte nur mit einer goldenen Sichel geschnitten werden und nicht den Boden berühren. Die Mistel speichert enorm viel Sonnenkraft und bringt Licht ins Haus. Wenn sie trocken wird, schimmern Blätter und Zweige tatsächlich golden. Wir hängen heute noch Mistelzweige in unsere Wohnungen - mit einer roten Schleife, auch roten und goldenen Baumschmuck, goldene Nüsse etc., denn das sind die Farben der Sonne, die Farben des Lebens, während Blau und Silber eher Mondfarben sind und ursprünglich nicht zu diesem Fest gehörten. Ferner war es Brauch, zu den Jahreskreisfesten so genannte Gebildbrote zu backen: Sie bezogen sich in Form und Dekoration auf das jeweilige Fest. Zur Winter-Sonnenwende wurden vor allem Sonnen gebacken und sich gegenseitig geschenkt - die Vorläufer unserer heutigen Plätzchen. Zum Festessen wurden Symbolspeisen gegessen, wie z.B. rote Beeren und Gemüse, dunkelgrüne und weiße Speisen, Nüsse, Äpfel etc. Auch die Kleidung war in diesen Farben gehalten.

Als sinnfällige Handlung wurde dann am 21. Dezember das Sonnwendfeuer entfacht - und so das ganze alte Jahr verbrannt. Die Menschen zogen darum herum tanzend und singend ihre Kreise. Wir stellen heute mit Kerzen besetzte Halbbögen ins Fenster, oft ohne zu wissen, dass dieser Fensterschmuck ursprünglich die wieder aufgehende Sonnenscheibe symbolisiert. Der 21. Dezember ist ein besonderer Höhepunkt in einer Zeitspanne, die für die AhnInnen mit dem 4. Dezember, dem Barbaratag, beginnt und mit dem 6. Januar endet. Diese Zeit der Rauh- bzw. Weihnächte (rauh von Rauch, Räuchern) war - oder ist?! - die Zeit der glänzenden Winterfrauen Holla und Percht mit ihrem Gefolge - Frau Holle und die heilige Barbara lassen grüßen. Es ist die Zeit der strahlend weißen Julkönigin mit lichtbekränztem Haupt, die durchs Haus schreitet (Santa Lucia), die die Römer Juno Lucina, die Lichtbringerin, nannten. In dieser Zeit haben sie täglich ihre Behausungen ausgeräuchert - graue Gedanken und böse Geister jedweder Art vertrieben, Altes und Überlebtes mental und materiell ausgemistet, die Luft rein gemacht für Neues und Wünsche in den Rauch geschickt.

In der Abfolge der Rauhnächte galt der 24. Dezember urspünglich der Ehrung von Mutter Erde, der Mütterkraft, der Großen Mutter. Der 25. war den Ahninnen gewidmet, der 26. der leiblichen Mutter. Wir kennen heute noch - oder wieder - die 12 Rauhnächte nach der Weih-Nacht - auch bis zum 6. Januar - in der die Träume Bedeutung haben für den jeweiligen Monat des kommenden Jahres. Wenn wir diese Kräfte ehren, schenken sie uns inneren Frieden, Sonne im Herzen und Lebenskraft. Das ist der ursprüngliche Sinn von Weih-Nacht.



Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.