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Ausgabe November/Dezember 2001
Gewaltfreie Kommunikation - Marshall Rosenberg

Eine mögliche Lösung zur aktuellen weltpolitischen Lage

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Dr. Marshall Rosenberg ist amerikanischer Psychotherapeut und Autor des Buches „Gewaltfreie Kommunikation: Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen“ (Junfermann Verlag). Im Laufe der letzten 35 Jahre hat Marshall Rosenberg Tausende von Menschen in mehr als dreißig Ländern in der Anwendung der Gewaltfreien Kommunikation ausgebildet. Er und seine Partner-Trainerinnen und -Trainer haben in Gefängnissen gearbeitet, in Kindergärten, Schulen, gemeinnützigen Organisationen, spirituellen und religiösen Gemeinden, in Wirtschaftsunternehmen und mit Mitgliedern von Regierungen. Im folgenden Artikel kommentiert er die aktuellen Ereignisse, übersetzt aus dem Amerikanischen von Ingrid Holler.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon empfinden Millionen von Menschen auf der ganzen Welt tiefe Trauer und Schmerz. Sie fühlen sich schockiert, erschreckt, machtlos - und sehr verletzlich. Viele von ihnen haben ein starkes Bedürfnis, sich wieder sicher zu fühlen. Sie sehnen sich nach einer Welt, in der sie in Frieden leben können. Andere haben einen großen Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit. Sie sehnen sich nach Rache und Vergeltung.

Derzeit haben die USA entschieden, dass sie handeln müssen, und andere Staaten haben entschieden, sich ihnen anzuschließen. Manche wollen, dass das Ziel dieser Handlungen Frieden und Sicherheit ist; andere wollen, dass sich diese Handlungen auf Vergeltung und Bestrafung konzentrieren.

Daraus entsteht ein echtes Problem: Wenn unsere führenden Kräfte ihre Aktionen auf Vergeltung und Bestrafung aufbauen, dann glaube ich, dass sie das Ziel von anhaltendem Frieden und Sicherheit in der Welt nicht erreichen können.


Warum sage ich das?

In den letzten 35 Jahren habe ich gemeinsam mit meinen Partnerinnen und Partnern daran gearbeitet, auf der ganzen Welt Konflikte zwischen sich bekriegenden Banden, ethnischen Gruppen, Völkern und Staaten zu lösen.
Immer wieder haben wir beobachtet, dass Handlungen, die ihren Ursprung in dem Wunsch nach Bestrafung haben, auf der Gegenseite Vergeltung hervorrufen, und dass Handlungen, die durch ein Bedürfnis nach Frieden motiviert sind, auf der Gegenseite zu friedlichen Handlungen führen. In beiden Fällen lösen die Handlungen Reaktionszyklen aus, die Jahre andauern können - Generationen - Jahrhunderte.

Das Team in meiner Organisation und ich haben mit Menschen aus den Kriegsparteien in Ruanda, Burundi, Sierra Leone, Nigeria, Südafrika, Serbien, Kroatien, Israel und Palästina gearbeitet. Unsere Erfahrung hat uns gelehrt, dass echte Sicherheit und echter Friede trotz gewaltiger Unterschiedlichkeiten erreicht werden können - jedoch nur dann, wenn die Beteiligten in der Lage sind, auch ihre Angreifer als Menschen zu erkennen. Das ist viel schwieriger, als nur die andere Wange hinzuhalten: Es erfordert, sich in die Ängste und Verletzungen, in die Wut und in die unerfüllten menschlichen Bedürfnisse hineinzuversetzen, die hinter den Angriffen stecken.

Unsere Arbeit will Menschen dabei helfen zu lernen, die Bedürfnisse und Anliegen eines anderen Menschen zu verstehen und zu sehen, dass die „andere“ Seite auch nur Menschen sind, die versuchen, sich zu schützen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Wir haben miterlebt, wie sich Hass und der Wunsch nach Bestrafung in Hoffnung verwandelten - wenn die Beteiligten Empathie von denen bekamen, die ihre Familien umgebracht hatten. Wir haben erlebt, wie diejenigen, die die Gewalttaten begangen hatten, diese aus tiefstem Herzen bedauerten - wenn sie Empathie von denen bekamen, die durch ihre Handlungen verletzt worden waren. Wir haben erlebt, wie Menschen auf beiden Seiten ihren Wunsch, die anderen zu bestrafen, fallen ließen - und wie sie dann gemeinsam daran arbeiteten, die Bedürfnisse aller zufriedenzustellen. Wir haben erlebt, wie frühere Feinde gemeinsam Programme aufstellten, um die Verletzungen und Schäden aus ihren Handlungen wiedergutzumachen, und um die Sicherheit zukünftiger Generationen zu gewährleisten.
Die Regierung der USA hat ihre Absicht erklärt, diese Welt sicher zu machen vor Gewaltakten - wie die in New York und Washington - und vor denjenigen, die sie begehen. Andere Nationen haben sich ihnen angeschlossen.

Wenn das Ziel der Nationen, die diese Koalition bilden, darin besteht, Vergeltung zu üben und zu bestrafen, dann wird jede ihrer Handlungen von der Antwort auf die folgende Frage bestimmt: „Wird uns diese Maßnahme dem Ziel der Bestrafung derer, die für den Schmerz verantwortlich sind, den wir erlitten haben, näher bringen?“

Wenn ihr Ziel jedoch Friede und Sicherheit auf der Welt ist, dann werden ihre Handlungen von der Antwort auf eine andere Frage bestimmt: „Wird uns diese Maßnahme einem andauernden Frieden und Sicherheit auf der Welt näher bringen?“

Um kurzfristig Sicherheit herzustellen, ist es unbedingt notwendig, dass wir uns vor weiterer Bedrohung schützen. Dazu können Aktionen aus einer - wie ich es nenne - „beschützenden Anwendung von Macht“ heraus gehören. Wir müssen die Gewalttäter möglicherweise dingfest machen und inhaftieren, damit sie uns nicht wieder angreifen können. Und wir müssen vielleicht sogar manche von ihnen töten, wenn wir sie von ihren Gewalttaten nicht anders abhalten können.

Aber langfristig betrachtet ist es ebenso unbedingt notwendig, dass wir anfangen, anhaltenden Frieden und Sicherheit in der Welt aufzubauen. Es ist notwendig, dass unsere Führungskräfte Beziehungen aufbauen, aus denen heraus sich eine echte und beständige Kooperation zwischen den Nationen entwickeln kann. Es ist notwendig, dass sie jetzt damit beginnen, die Umstände zu verändern, die gewalttätigem Verhalten Vorschub leisten. Es ist notwendig, dass die wohlhabenden Länder auf dieser Welt zusammenarbeiten, um eine Welt zu schaffen, in der alle Menschen Zugang haben zu den grundlegenden, lebensspendenden Ressourcen und zu einem Schutz ihrer Menschenrechte - eine Welt, in der alle Menschen sicher und frei leben können und die Chance haben, sich ein erfüllendes Leben aufzubauen.


Wenn es eine Antwort gibt auf die gewaltigen Probleme, die vor uns liegen, dann heißt sie: nach Lösungen suchen, die die Bedürfnise aller Beteiligten zufriedenstellen. Das ist kein utopischer Idealismus. Ich habe erlebt, wie solche Lösungen geschaffen wurden - immer und immer wieder - auf der ganzen Welt.


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