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Vision einer ganzheitlichen Heilkunst ... von Wolf Sugata Schneider


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Die bei uns dominante Medizin ist stark technisiert und beruht auf der Naturwissenschaft. Als »Schulmedizin« ist sie in spirituellen und gesellschaftskritischen Kreisen in Verruf geraten. Zu Recht? Sollten wir statt der »Schamanen in Weiß«, die unsere Kliniken und von den Krankenkassen finanzierten Arztpraxen bevölkern, besser Heilpraktikern das Vertrauen schenken?

Aderlass und Placebo-Effekt
Ich habe hierzu keine einfache Antwort parat. Die Schulmedizin bewundere ich für viele ihrer Leistungen, vor allem in Ambulanz, Chirurgie, Orthopädie, Herzmedizin, Zahnmedizin und noch vielen anderen Bereichen. In einer Zeit, da die Ärzte des medizinischen Mainstreams noch keine Ahnung von Hygiene und Infektionen hatten und ihren Patienten für einen Großteil ihrer Leiden bis zu einem Liter Blut abnahmen, »Aderlass« genannt, möchte ich nicht leben – da lobe ich mir die heutige Schulmedizin, dass sie dieses »alternative Verfahren« nicht anwendet. Mit den chronischen Leiden und Zivilisationskrankheiten aber tut sie sich schwer, denn da wirkt der ganze Mensch aufs Krankheitsbild, viel mehr als bei einem reparierbaren Unfall. Da wirken auch Gewohnheiten, Persönlichkeit, der Geist (mens und spirit) mit, alles Bereiche, welche die Schulmedizin nur schwer fassen kann. Wenn sie nicht umhin kann, in diesen Bereichen Heilungswirkungen festzustellen, tut sie die als »Placebo-Effekt« ab. Wobei man diesen Effekt des Geistigen durchaus würdigen sollte, was ja auch viele Ärzte inzwischen tun, es werden immer mehr. Glauben als Täuschung abzutun und als etwas, womit sich ein ehrenhafter Arzt nicht befasst, damit grenzt man diesen wesentlichen Bereich des Menschlichen aus.

Heilpraktiker versus Schulmediziner
Den Heilpraktiker als gesetzlich geregelten Berufstand gibt es erst seit 1939. Die nicht als Ärzte ausgebildeten Heiler sollten damit damals eine gesetzliche Regelung erhalten, aber ohne sie damit aufzuwerten; eher im Gegenteil, man wollte sie abschaffen und verbot die Ausbildung zum Heilpraktiker. Die war erst mit dem Gesetz von 1952 (HeilprG), also in der Bundesrepublik, erlaubt. Gemäß § 1 dieses Gesetzes gilt es für jeden, der »die Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein, ausüben will«.
Nicht nur, dass die Berufschancen für Heilpraktiker heute ungleich schlechter sind als für Schulmediziner, die als »Halbgötter in Weiß« zu den renommiertesten Berufen gehören. Auch die Ausbildung zum HP ist in mancher Hinsicht kaum mehr als ein »kleines Medizinstudium«. Geprüft wird man schließlich von Ärzten, nicht von anderen Heilpraktikern oder etwa von Schamanen.
Das Ansehen eines Heilpraktikers wird heute vielerorts gleichgesetzt mit „Heilern, die es – vielleicht aufgrund ihrer Schulnoten – bis zum Abschluss als Arzt nicht geschafft haben, oder aber mit „Rebellen gegen die herrschende – von sehr vielen kritisch betrachtete – Heilkunst“. So kritisch betrachtet, dass viele Schulmediziner sich auf ihren Praxis-Schildern mit Begriffen wie Naturheilkunde, Homöopathie, Kinesiologie oder »Alternative Verfahren« schmücken, weil das Zulauf bringt. Was gibt es denn »für den Kunden« Besseres als eine gesellschaftskonform ausgebildete Halbgöttin in Weiß, die dabei auch noch Weisheit, Herz und Ganzheitlichkeit signalisiert? Das muss ja nicht einmal geheuchelt sein.

Ganzheitliche Heilkunst
Meine Vision einer wünschenswerten Heilkunst sieht ein bisschen anders aus. Ich stehe damit weder auf der Seite der Schulmedizin, für die Heilpraktiker ein bisschen unseriös sind, noch auf der der Heilpraktiker, für die die Schulmediziner vor allem Opfer der Pharmalobby oder ihres eigenen Ehrgeizes sind. Meine Vision einer guten Heilkunst basiert auf den Naturwissenschaften und, wo eben möglich, randomisierten empirischen Studien, sie bezieht jedoch die enorme Kraft unseres Geistes, unserer Kultur und Gewohnheiten mit ein. Außerdem ist sie liebevoll und individuell zugewandt und gibt zu, wenn sie etwas nicht weiß.

Sie ist mit dem Tod und der Sterblichkeit so weit versöhnt, dass sie nicht durch exzessive Anwendung von Apparaten ein natürlich zur Neige gehendes Leben noch verlängern will, was zugleich menschenunwürdig ist und ein ökonomischer Exzess. Sie ist nicht so geldgierig auf Rendite aus, wie die meisten unserer heutigen Kliniken, die sich in Händen von Privatinvestoren befinden, besser wären Kliniken in öffentlicher Hand, so wie einst in Großbritannien und in der UdSSR. Sie ist ganzheitlich in dem Sinne, dass der Mensch darin nicht nur als physisches Wesen vorkommt, sondern auch als emotionales, geistiges und gesellschaftliches. Auch Kollektive können krank sein: Familien und ganze Gesellschaften.

Orale Zufuhr im Krankenhaus
Heilkunst, wie ich sie mir vorstelle, sollte mehr auf Gesundheit ausgerichtet sein als auf die Abwendung von Krankheiten. Die deutschen Kliniken haben in den Jahrzehnten, in denen ich das beobachte, also seit den 70er-Jahren, ihr grottenschlechtes Essen nicht verbessert. Krankenhausessen ist geradezu sprichwörtlich schlecht. Spielt es denn keine Rolle, was wir mit dem Mund unserem Körper zuführen? Nur die dort zugeführten Tabletten werden von der Medizin beachtet – manchmal sind sie viel zu hoch dosiert, siehe die Opioid-Verschreibungen, die Jahr für Jahr zigtausend Opfer fordern. Die Ernährung scheint für Schulmediziner aller wissenschaftlich belegten Theorie zum Trotz keine Rolle zu spielen. Und noch vieles andere mehr sollte da reformiert werden. Viele Psychopharmaka gegen die Volkskrankheit Depression sind entweder wirkungslos oder sie machen süchtig, oder beides; während bewusstseinserweiternde Substanzen wie Psilocybin und LSD, richtig angewandt, helfen ohne süchtig zu machen, aber sie sind verboten. Was den Bereich »Drogen« anbelangt, hat die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, von den moderneren Aufklärungen mal ganz zu schweigen, bisher nicht nur die Religionen außen vor gelassen, sondern auch die Schulmedizin. Höchste Zeit, dass sich das ändert. Wir Menschen sind ja nicht nur angepasste Wesen, durch Lob und Tadel beliebig steuerbar, sondern fähig, aus dem konventionellen Ego auszusteigen und per Empathie, Meditation und Mystik viel weitere Bewusstseinsräume zu betreten, die – ja, auch das: Heilung bewirken können.

Der kleine und der große Mediziner
Was könnten die Heilpraktiker in dieser Vision für einen Platz einnehmen? Sie könnten leichter den Mainstream-Hypnosen der Kaste der Ärzte entkommen und unkonventionelle, aber wirksame Methoden finden, um zum Beispiel den Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, ADHS, Burn-out und anderen Leiden beizukommen. Sie könnten sich als unabhängig erweisen von einem krankmachenden System. Dazu sollten aber eigentlich auch die Schulmediziner fähig sein. Vielleicht wäre ein Heilpraktiker-Beruf das Richtige, der weniger blauäugig alternativgläubig ist, aber auch weniger auf den Arzt, »den großen Mediziner« fixiert ist, und dann eben auch nicht nur von Ärzten geprüft wird. Beides braucht eine Reform, die Heilpraktiker-Ausbildung ebenso wie die langjährige Ausbildung der »großen Mediziner« und Fachärzte an den Hochschulen. Und die Kliniken müssen ihre Apparatefixierung abmildern, unbürokratischer werden und mit weniger dieser Dokumentationen auskommen, die dem Personal die Zeit stehlen, sich mit den Patienten zu befassen. Und sie sollten schon mal mit dem Einfachen, leicht Realisierbaren beginnen: kein krankmachendes Essen mehr.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52, Autor, Redakteur, Humorist.
1985–2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de
Seminare: www.bewusstseinserheiterung.info