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PatanjaliS acht Strahlen der Sonne im Licht von Wald-Yoga ... Reiner Angermeier


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© Dmitry Ersler_AdobeStock

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Wir Menschen sind Natur und als natürliche Wesen haben wir eine Sehnsucht in uns, uns immer wieder aufs Neue miteinander und mit allem, was beseelt ist, zu verbinden. Es ist noch gar nicht so lange her, dass genau hier an diesem Ort, wo wir uns gerade befinden, Wald wuchs. Die meiste Zeit in unserer Evolution waren wir Waldbewohner. Der Wald ist unsere Urheimat und der Ort an dem wir uns wieder mit unserer innersten Natur verbinden können. Alleine schon der regelmäßige Aufenthalt in der Natur und der Gang in den Wald helfen uns in dieser Hinsicht sehr. Vor ca. 2500 Jahren hat der Seher Patanjali seine berühmten Yogasutren verfasst. Sehen bedeutet im yogischen Sinne Erkennen. Praktisch alle Yogaschulen berufen sich im Kern ihrer Lehre auf diese 196 Sutren des Patanjali.
Insbesondere die acht Methoden in seinem 2. Buch, Sadhana Padha, sind die essenzielle Grundlage für den Yoga, den wir heutzutage praktizieren. Für mich sind diese Methoden wie Sonnenstrahlen, die durch eine regelmäßige Praxis angewandt, dein bewusstes Sein in einem größeren, allumfassenden Licht erstrahlen lassen. Das Wort „Sein“ leitet sich ab von dem Wort „Sonne“. Auf der stofflichen Ebene mag die Sonne um ein Vielfaches größer sein, und doch scheint ihr Licht in jedem beseelten Wesen. Das transformierte Sonnenlicht ist als elementares (männliches) Bewusstsein in unseren Zellen gespeichert und bildet mit der (weiblichen) Energie, der Mutter Erde, die Grundlage für das Leben auf diesem Planeten, in dieser Form, unserem Körper.
Viele Menschen verbinden mit Yoga lediglich Körperübungen (Asanas). Doch dies ist nur ein Sonnenstrahl, wenngleich ein überaus bedeutsamer. Erst mal ist es wichtig, dass wir unseren Körper wieder vollständig spüren und so auch ein Bewusstsein für die feine Wahrnehmung bekommen können. Vor den Asanas hat Patanjali zwei andere Strahlen gesetzt: Yama und Niyama. Darin sind jeweils 5 Lebensweisheiten benannt, die sich auf das menschliche Verhalten nach Außen (Yama) bzw. mit dem Umgang mit dir selbst (Niyama) beziehen. Wichtig hierbei ist, diese Weisheiten nicht als moralischen Fingerzeig zu verstehen. Vielmehr erlaubt dir die yogische Entwicklung deines Bewusstseins, die Yamas und Niyamas als Grundsatz eines guten und achtsamen Lebens zu verinnerlichen.
Im Zuge dieser Bewusstseinsschulung ist beispielsweise eine grenzenlose Ausbeutung der Erde, wie sie aktuell betrieben wird, überhaupt nicht mehr möglich.
Als vierter Strahl nach den Körper-übungen beschreibt Patanjali die Ausdehnung der Lebensenergie durch die Atmung. So übersetze ich gerne Pranayama.

Nun wird die Praxis allmählich immer feiner: Als fünften Strahl erfahren wir, wie Pratyahara unsere Sinne immer weiter schärft. Je mehr wir uns auf das feine Spiel mit den Elementen einlassen können, desto mehr erleben wir mit unseren Sinnen die natürliche Wirklichkeit. Dharana, der sechste Strahl, heißt übersetzt das „Fließen“ und meint, dass wir in Gewahrsein im Zuge der Ausrichtung auf die Sinne, immer tiefer eintauchen und lernen, darin zu verweilen. Wieder bekannter ist Patanjalis siebter Strahl: Dhyana, oder Meditation. Mittlerweile bieten viele Yogaschulen Meditation als Gegenpol zu der in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Unruhe und Energielosigkeit an. Dabei gibt es zum Teil verschiedene Ansichten darüber, was Meditation eigentlich ist. So können wir uns mittlerweile von einer Vielzahl von Meditationstechniken leiten lassen. Für Patanjali ist Meditation in erster Linie eine Weiterführung von Dharana: Jede Sinneserfahrung, die du machst, führst du in diese Erfahrung des Fließens hinein. Meditation ist also vielmehr ein tiefes Eintauchen in die Fülle, als ein „Abschalten“, wie es manchmal definiert wird. Und so kann letztendlich Samadhi, der achte und letzte Sonnenstrahl, sich entfalten. Samadhi, das sanfte Schweben, ist keine Methode oder Technik mehr, sondern ein Seinszustand, in dem du deine Natur ganz unmittelbar fühlen kannst und deinem Wesenskern und deiner Essenz immer näher kommst.

Im Folgenden die acht Strahlen des Patanjali im Überblick:

1. Yama: Aus deiner Präsenz ergeben sich Lebensweisen, wie du dich deinem Umfeld gegenüber verhältst.
Im Einzelnen sind dies:
- Nicht-Schaden (Ahimsa),
- Aufrichtigkeit (Satya),
- Nicht-Stehlen (Asteya),
- Leben im Bewusstsein um die Quelle (Brahmacharya),
- Nicht-Anhaften (Aparigraha).

2. Niyama: Aus deiner Präsenz ergeben sich Lebensweisen für den Umgang mit dir selbst.

Dazu gehören:
- Reinheit von Körper und Geist (Shaucha) und damit die sechs Shatkarmas (die Reinigungstechniken: Neti, Dhauti, Basti, Nauli, Trataka und Kapalabhati),
- Zufriedenheit (Santosha),
- Ständiges Glühen (Tapas),
- Selbsterforschung (Svadhyaya),
- Hingabe an die Quelle (Ishvara-Pranidhana).

3. Asana: Haltung des Körpers, Meditationshaltung oder auch einfach im Körper sein

4. Pranayama: Ausweitung der Lebensenergie über die Atmung.

5. Pratyahara: Ausrichtung auf die Quelle über die Sinne und ziehen lassen von Gedanken.

6. Dharana: Im Fluss des Lebens sein.

7. Dhyana: Meditation, sich ganz im Gewahrsein versinken lassen.

8. Samadhi: Der Geist in vollkommener Stille, Schweben, Erleuchtung, Freiheit, Auflösung von Form und Zeit, Essenz erfahren.


Das Buch von Reiner Angermeier zum Weiterlesen:
Wald-Yoga – Die acht Strahlen der Sonne.
Synergia Verlag, 8.2019, 16,90 Euro
www.synergia-verlag.ch