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Die Weisheit der Körperebene ... Matthias Grimm


Inmitten unserer Alltage mit ihren vielfältigen Anforderungen passiert es schnell, dass wir die Spur verlieren können. Verinnerlichte hohe Leistungsanforderungen, die ständig erwartete Erreichbarkeit in beruflichen und privaten Dingen, immer mehr zur Normalität werdendes Multitasking und an Sucht grenzender Medienkonsum setzen unser System unter einen permanenten Druck.

Es gibt ein ganzes Bündel von Angeboten, Coaches und Büchern, die diesen Zustand in den Blick nehmen und Selbstoptimierungsstrategien innerhalb dieser Leistungskultur anbieten. Dieser Ansatz führt nach meiner Meinung oft über die tückische Schiene der Vergleichbarkeit und Messbarkeit zu einem Kaschieren der eigentlichen Konfliktlagen, weil er im System bleibt und es manifestiert. In den meisten Fällen wird eine smarte Einbindung in die gesellschaftlichen und besonders industriellen Prozesse in den Fokus gestellt und der eigentliche Problembereich, der Widerstreit der Originalität einer jeden Persönlichkeit mit ihren Potenzialen gegen die egalisierende und konfektionierende Maschinerie, eher gestutzt. Das allgegenwärtige Funktionieren im Leistungskarussell ist das goldene Kalb, um das dieser Tanz letztlich weitergehen will. Wer da, wie viele Menschen, keinen entwickelten Kontakt zu seinem authentischen Persönlichkeitskern hat, geht schnell verloren und gerät in eine Achterbahnfahrt seines Selbstwertempfindens, vom narzisstischen Schwung bis zur depressiven Verzweiflung.

Im Flachland der Beruhigungsindustrie
Viele Menschen erkennen diese Verwerfungen wohl und suchen Auswege. In den meisten Fällen ist das erst einmal Ablenkung, Zerstreuung und dann weiter die Suche nach Techniken und Methoden, die schnell in eine Ruhezone bringen, aber eigentlich nichts grundlegend ändern sollen. Quasi eine sedierende Pille zum Abschalten und Beruhigen. Diese Instantmethoden setzen meist an den Ebenen des Verstehens, Monologisierens, Strukturierens und Diskutierens an. In einer Kultur, in der der Verstand die Dominanz hält, ist das erst einmal naheliegend, löst aber nichts wirklich. Tiefere persönliche Problemlagen lassen sich nun einmal nicht alleinig kognitiv und mental lösen, da das wichtige Ebenen ignorieren würde und dieses Ignorieren Teil der Störungen ist. Ken Wilber bezeichnet diese einseitige Orientierung der Lebensweise und deren Lösungsvorschläge in seinem integralen Deutungsansatz trefflich als Flachlandideologie und setzt dem seine Vision des ganzheitlichen Holons entgegen.

Das Fehlen des anderen Teils
Unsere Kultur hat einen langen Prozess der Abtrennung von körperlichem Wissen und geistiger Weisheit hinter sich. In den großen wortorientierten Religionen ist das in der alleinigen Dominanz des Wortes erkennbar. Die Körperebene wird ignoriert und vielfältig sogar verteufelt. Die Folge dieses Fehlen des anderen Teils ist der aktuelle, strukturell problematische und unglückliche Zustand unserer Lebensweise. Verwirrung, Sehnsucht und große Disharmonien im Leben des Einzelnen werden empfunden. Das setzt sich in den Fehlentwicklungen globalen Wahrnehmens und Handelns fort. Spätestens seit dem Eintreten großer Veränderungen im Weltklima und den sich immer stärker abzeichnenden Verwerfungen in der sozialen Weltgesellschaft kommt ein allgemeines Gefühl des Ungenügens auch in der breiten Wahrnehmung an. Tief gefühlt stimmt grundlegend irgendetwas nicht.

Der Körper als Verbindung zur Welt
Körperlichkeit endet nicht an den Hautgrenzen der einzelnen Individuen, sondern beschreibt den gesamten Weltzusammenhang. So ist eine Heilung und Glückseligkeit des Einzelnen nicht wirklich ohne Berücksichtigung der einbettenden Umstände möglich. Das Herausnehmen aus dem Zusammenhang wäre ein hoffnungsloser Abschottungsversuch der Egodimension und wesentlicher Teil der allgemeinen Krankheit – Wellspirit ist Kosmetik über dem Ungelösten. Eine Art Gated Community der Glückseligen – das klappt leider so nicht. Chögyam Trungpa Rinpoche, einer der wichtigsten Vertreter des entwickelten zeitgenössischen Buddhismus, bringt diese nur symptomorientierten Lösungssysteme im spirituellen Supermarkt auf den treffenden Begriff „Spiritueller Materialismus.“

Körperorientierte Persönlichkeitsarbeit setzt auf die Entwicklung des Zugangs zur Weisheit der Körperebenen unter Einbeziehung auch der mentalen Ebenen. Das Erweitern der Bewusstheit auf diese körperlichen (somatischen) Ebenen ist eine Erweiterung in den Gesamtzusammenhang Welt und gegen eine Abkapselung und Verpanzerung einzelner Anteile. Respektieren wir unsere Körperlichkeit, ist die Öffnung zur Ganzheit möglich. Die Hoffnung liegt in der Öffnung des Einzelnen und in der Bewegung zu Ganzen. Spirituelle Arbeit leistet dazu einen wesentlichen Beitrag.

Im Lärm der Stille
Fast jeder Meditierende kennt die Herausforderung der Stillen Meditation. Die Stille kann sehr laut sein. Vor allem die Menschen der westlichen Kulturen sind in ihrer oben beschriebenen tiefen Prägung auf diskursive Denkprozesse herausgefordert, wenn Stille eintritt. Gerade hier lässt sich unsere mentale Verwicklung am besten beobachten und gerade hier – das ist die gute Nachricht – beginnen die Lösungsmöglichkeiten.
Wir wissen auch, dass es nichts bringt, diesen Lärm unterdrücken zu wollen. Dieses Wollen verstärkt das Theater nur weiter. Sich vom Kampf in die Hingabe zu bewegen, ist ein erster großer Schritt. Den passenden Einstieg zu finden, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Geduld und Zulassen sind der Rahmen zu einer eigenen Entwicklungspraxis. Ich rate dazu, am Anfang einfache, körperorientierte Angebote zu besuchen. Wenig Theorie, viel praktisches Erfahren. Eine einfache Yogapraxis, Tanzworkshops, Trommelkurse, Singen und Tönen bringen sehr fühlbar einen Einstieg und Entwicklungsmöglichkeiten. In allen dürfte neben der Bewegung die Verbindung zu einem bewussten Atem eine Rolle spielen.

Es gibt eine ganze Menge aktiver Meditationstechniken, die für uns einen guten Einstieg in eine Praxis über den Körper ermöglichen. Ein großer Teil der OSHO-Meditationen zählt hier dazu.

Die Stille des Klangs
Die Arbeit mit Klang und Tönen ist eine überzeugende Möglichkeit aktiver Meditationspraxis. Am intensivsten ist dabei die Arbeit mit der eigenen Stimme. Unsere Stimme entsteht aus der physischen Vibration unseres Atems im Bereich des Stimmapparates und setzt sich bis in die Tiefe unseres Körpers fort. Vibrationswellen durchdringen die Organe, Gefäße, Zellstrukturen sehr erfahrbar. Alle gesprochenen Worte und Töne sind Formeln von energetischen Resonanzmustern. So funktioniert die Wirkungsmagie in Gesängen, Heilworten und z. B. Mantras. Ich halte es für unerlässlich, diese mindestens am Anfang tatsächlich zu sprechen und zu singen, um das Mitschwingen im physischen Körper zu erfahren. Daraus entsteht ein Klangmuster, das in die Stille nach dem Ton wirkt.
Deshalb ist die Praxis mit Originaltexten und Skripten so wichtig. Übersetzungen füttern unseren kognitiven Geist, sind jedoch von der tiefen Grundwirkung zumeist weit entfernt. Oft muss man die genauen Inhalte gar nicht verstehen. Die ältesten, überlieferten Lautstrukturen haben eigene Poesie und Wirkung ohne Erklärung. Gesang und Tönen sind somit eine Urpraxis, um Körper und Geist in eine wahrnehmende Verbindung mit der Welt zu bringen. OM, AUM oder AMEN ist solch eine Formel aus den Urtiefen unserer Überlieferung.

Tantrische Körpermeditationen
Eine der großen, lebendigen Traditionslinien einer körperorientierten Praxis finden wir im tibetischen, tantrischen Buddhismus – Vajrayana. Deren wichtiger visionärer Vertreter, Chögyam Trungpa Rinpoche, brachte diese Linie in die westlichen Kulturen. Er verließ Tibet in den Wirren der Endfünfzigerjahre. Über Indien und Großbritannien gelangte er nach Nordamerika, wo er in Colorado die Shambhala Übermittlungslinie begründete. Diese Linie nahm Erfahrungen der westlichen humanistischen Psychologie in die alten überlieferten buddhistischen Praxislinien auf und entwickelte so einen für die westliche Kultur erfahrbaren Praxisansatz. Sein Ansatz ist sehr offen angelegt und so fähig, aktuelle Entwicklungen zu assimilieren. Chögyam Trungpa hat eine größere Anzahl lesenswerter Bücher veröffentlicht, in denen er zu großen Teilen ganz praktisch seine Lehrlinie beschreibt. Trungpa war durchaus ganz im urtantrischen Sinne Rebell, der es vermochte, die überlieferten buddhistischen Strukturen von institutionalisierten Erstarrungen zu befreien und in eine geklärte Formessenz zu überführen.
Aus der Schar seiner Schüler entstanden verschiedene Schulen, von denen eine der Wichtigen in der Dharma Ozean Organisation ihren Ausdruck fand. Dharma Ozean ist eine aktive Gruppierung um den Lehrer, Autor und Initiator Reginald A. Ray. Ray ist eine inspirierende Figur, der ein System von körperorientierter Praxis anbietet, das über die alleinige Erfahrungsebene vermittelt wird. Die Strukturen, hier Protokolle genannt, arbeiten vor allen Dingen mit bewusstem Atem und Visualisierung im Körper und darüber hinaus. Das System ist in seinem Aufbau erfahrbar strukturiert, von theoretisch-esoterischem Überbau weitgehend frei, praxisnah, sehr subtil gestimmt und in unserem Kultursystem nach kürzerer Praxis nachvollziehbar.
Es ist eine Reise durch die Ebenen der Körperlichkeit von grobstofflichem, anatomischem Sein über die feineren, energetischen Bewegungen bis in den offenen Raum des Erfahrens des Weltkörpers Licht. Alles fließt, alles ist. Es ist, was ist.

Auch Reginald A. Ray hat verschiedene Praxisbücher veröffentlicht, von denen einige auch als praxisbegleitende Hörbücher verfügbar sind und auch als deutsche Übertragungen existieren.

Ich selbst fühle mich, ebenfalls aus der tibetisch tantrischen Praxis kommend, dieser inspirierenden und erweiternden Linie zunehmend verbunden und habe diese Erfahrungen auch in meine Lehrangebote einfließen lassen. Das tue ich gerne und bin überzeugt, dass die Schritte zur Klärung und Öffnung nur über die Ebenen der Körperlichkeit führen. Das Göttliche wohnt in jeder Zelle. Alle Praxis und alle Meditationstechniken sind kein Selbstzweck. Sie sind Hilfsmittel zur Öffnung. Stück für Stück mit Neugier, Geduld und Hingeben können.

Matthias Grimm ist Psychotherapeutischer Heilpraktiker in Berlin mit dem Focus auf Atemarbeit, Achtsamkeitspraxis und Körpermeditation, Soundmeditationen, Beratung und Workshops. Weitere Infos auf www.lebensforscher.de