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Älterwerden ist nichts für Anfänger. Weisheits-Nugget #9: Der größte Mythos überhaupt: „Ich habe das alles allein geschafft ... aus dem Buch von Bernard S. Otis


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© Thomas Mucha_AdobeStock

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In meinem Leben hatte ich das Privileg, einigen der weltweit größten Führer auf dem Gebiet der Wirtschaft, Religion, Bildung und Politik zu begegnen und ihren Rat zu erhalten. Im Jahr 1957 war ich als Präsident des Harper Woods Michigan Rotary Clubs begeistert, Sebastian Sperling Kresge als unseren Gastredner vorstellen zu dürfen, den berühmten Einzelhändler, der unter seinem Namen die Billigläden gegründet hatte, aus welchen später K-Mart wurde.
Ich fragte ihn, welchen Rat er einem 28-Jährigen wie mir geben würde, der noch am Beginn seiner Karriere stehe. Seine Antwort war interessant. Er sagte mir: „Junger Mann, wenn Sie in höheren Kreisen verkehren wollen, lernen Sie, mit der Masse umzugehen und gute Beziehungen zu knüpfen.“
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke und beobachte, was in der Welt los ist, scheint mir dieser Rat absolut richtig zu sein – selbst heutzutage. Jedes Mal, wenn ich jemanden sagen höre, er sei ein „Selfmade-Man“ oder er habe „alles allein geschafft“, denke ich: „Tatsächlich? Wollen Sie damit etwa sagen, dass Ihre Eltern und Lehrer keinen positiven Einfluss auf Sie hatten? Haben Ihre vielen Freunde und Verwandten nicht zu Ihren Denkprozessen beigetragen? Konnten Sie Ihren Erfolg ohne Geldinstitute finanzieren?“ Ich denke: „Wurde der Erfolg nicht erst durch die Hilfe von Angestellten und Käufern ermöglicht? Was ist mit der Liebe und Unterstützung, die Sie von Ihren Partnern, Kindern und anderen Menschen in Ihrem Leben erhalten hatten? Und schließlich: Wenn Krankheit, Tragödien und/oder der Alterungsprozess zuschlugen, war Ihr weiterer Erfolg reine Glückssache oder sprangen andere ein, die fortsetzten, was Sie begonnen hatten?“
Schließen Sie sich mir auf einer Tour durchs Leben an. Begleiten Sie mich zu den vielen Unternehmen, die ich besucht habe, den Meetings, an denen ich teilnahm, und den Handelsmessen, an denen ich mitgewirkt habe. Aber gehen Sie mit mir vor allem in die Hospitäler, Rehabilitationszentren, Privathäuser, und besuchen Sie mit mir die Senioren. Sprechen Sie mit den vielen alleinerziehenden jungen Müttern, die mit der Aufgabe, ihre Kinder zu erziehen und ihre Familien durchzubringen, allein gelassen wurden und dabei innovative Geschäftsideen entwickelt haben. Neulich traf ich mich mit einer dieser Frauen.
Denise ist hübsch, dynamisch, sympathisch, energievoll und steht dem Leben sehr positiv gegenüber. Sie hat ein Wasserfiltersystem entwickelt, mit dem sich gesundes, sauberes Wasser herstellen lässt. Und sie hat beschlossen, eine Vertriebsgesellschaft zu gründen, um ihren Wasserfilter auf den Markt zu bringen. Sie fragte mich, ob sie ihn mir vorführen dürfe, und ich willigte ein. Aufgrund meiner Erfahrung im Marketing und Verkauf war ich mehr von ihrem Engagement und ihrer Entschlossenheit fasziniert als von ihrer ausgezeichneten Geschäftsidee. Nach der Präsentation sprachen wir darüber, und ich gab ihr ein paar Ratschläge, wie sie Erfolg haben könnte.
Fragen Sie alle, die ich beschrieben habe, ob sie es ganz allein geschafft hätten. Und was ist der entscheidende Punkt von all dem? Es ist der, dass wir in jeder Phase unseres Lebens andere Menschen brauchen, die uns helfen. Ob im Geschäftsleben oder bei der Erziehung, es ist wichtig zu erkennen, dass es so ist – so ungern wir im Alter auch von anderen abhängig werden. Es wird definitiv irgendwann der Fall sein.
Wir werden nicht als Individuen geboren. Wir werden in eine Gemeinschaft von Menschen hineingeboren, und wenn wir ein glückliches Leben führen und Widrigkeiten aus dem Weg gehen wollen, müssen wir Beziehungen aufbauen, einander helfen und die Hilfe anderer bereits in jungen Jahren akzeptieren.
Es gibt die Geschichte eines sehr erfolgreichen Industriellen, der bei einem Bankett in New York als gefragter Redner vorgestellt wurde. Die Person, die ihn ankündigte, hob hervor, dass der Redner vor vielen Jahren von Europa in die Vereinigten Staaten kam und seine Habe in einem Sack mit sich trug, den er ans Ende eines langen Stocks geknotet hatte – er hatte sich im Laufe der Jahre ein Imperium aufgebaut.
Nach der Ansprache des Gastredners ging ein Mann zu ihm hin und fragte ihn: „Was haben Sie in dem Sack am Ende des Stocks denn mit sich getragen?“ Kleinlaut antwortete der Redner: „25.000 Dollar in bar und eine Million Dollar in Aktien und Obligationen.“
Es wäre zwar schön, glauben zu können, dass jeder erfolgreiche Mensch zu Beginn so gut ausgestattet war, Tatsache ist jedoch, dass Visionen und geschicktes Vorgehen nur ein Teil des Erfolgsrezepts sind. Auch andere Menschen sind ein unverzichtbarer Bestandteil, und deshalb ist es so wichtig, immer daran zu arbeiten, Beziehungen zu knüpfen.
In den frühen 1920er- und 1930er-Jahren gab es eine italienische Einwandererfamilie, die in Detroit, Michigan, ein kleines Chemieunternehmen führte. Die Familie war viele Jahre Kleinproduzent, sie stellte ihr Produkt tatsächlich in einer Art Badewanne her und verkaufte es an Haushalte und Geschäfte.

Während der Weltwirtschaftskrise geriet das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Mein Vater, der Buchhalter war (bevor es zertifizierte Wirtschaftsprüfer gab), managte eine bekannte Fleischverpackungsfirma einer katholischen Familie, deren Besitzer an Krebs erkrankt war und im Sterben lag. Der Besitzer des Chemieunternehmens war Kunde der Firma meines Vaters. Eines Tages kam der Besitzer zu meinem Vater und teilte ihm mit, dass sein Unternehmen in Schwierigkeiten steckte und er 3000 Dollar bräuchte, sonst müsste er den Betrieb aufgeben. Ich war Zeuge dieses Gesprächs, allerdings war ich damals noch ein kleiner Junge. Der Besitzer des Chemieunternehmens bot meinem Vater im Gegenzug für das Geld eine 50-Prozent-Beteiligung an seiner Firma an. Dad erklärte ihm, dass er nichts mit Investitionen in andere Firmen zu tun habe, händigte dem Mann 3000 Dollar aus und sagte ihm, er solle sich über die Rückzahlung keine Gedanken machen – er solle nur Erfolg haben. Der Name des Produkts war Roman Cleanser. Heute heißt es Clorox!
Es mag schön klingen, wenn man sagt, man habe es allein geschafft, aber hinter jedem erfolgreichen Mann steht nicht nur eine nörgelnde Frau (hahaha), sondern auch ein Freund, der ihn versteht.
Ich habe nicht die Absicht, über Prominente zu schreiben und berühmte Namen fallen zu lassen, sondern Geschichten von realen Menschen zu erzählen, die Gutes tun, um anderen zu helfen. Das belegt, dass wir alle einander brauchen und es nicht allein schaffen.
Ein Verwandter von mir war ein sehr bekannter Manager in der Unterhaltungsindustrie, der schwer arbeitete, sich mit viel Unterstützung einen Namen machte und für sich und seine Familie ein Vermögen aufbaute. Tatsächlich war die Familie seiner Frau einst so arm gewesen, dass Verwandte ihnen helfen mussten, damit sie überleben konnten.
Jedes Wochenende nahm er seine Kinder in einem Cabrio mit, steckte Hunderte Dollar in großen Scheinen hinter die Sonnenschutzblende und fuhr durch die ärmsten Stadtviertel von Los Angeles. Die Scheine gab er Obdachlosen, die an den Straßenecken standen. Danach gefragt, warum er große Summen an vollkommen Fremde verschenkte, die da Geld für die falschen Dinge ausgeben könnten, antwortete er, dass es nicht seine Aufgabe sei, anderen zu sagen, wie sie ihr Geld auszugeben hätten. Er sagte, sie hätten die Gelegenheit verdient, eine Chance im Leben zu bekommen und selbst zu entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollten.
Ungeachtet ihrer finanziellen Lage, ihres Bildungsniveaus, ihrer Rasse oder religiösen Einstellung ist es für jedes Mitglied einer Gemeinschaft entscheidend, einen Weg zu finden, anderen Menschen zu helfen. Sei es mit Geld, Nahrungsmitteln, Ermunterung oder einer Arbeitsstelle – Hilfe und Unterstützung sollten mit Freude bereitgestellt werden. Die einzige Vergeltung, auf die Sie hoffen sollten, ist Liebe und der Erfolg, der dadurch begründet wird.

Der Buchauszug wurde abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Mankau.


Buchtipp:
Bernard S. Otis: Älterwerden ist nichts für Anfänger – Warum jeder Augenblick zählt und was ich gern früher gewusst hätte. Mankau 4.2020, 270 Seiten, 16,90 Euro, ISBN-978-3-86374-555-4