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Liebe ... von Amoura Schneider Ahmed


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Das Wort Liebe drückt eines der wichtigsten und bedeutsamsten Gefühle in unserem Leben aus. Jeder hat Erfahrungen mit der Liebe – gute und schlechte. Jede dieser Erfahrungen prägt unsere Einstellung zum Leben, zur Welt und unseren Mitmenschen.

Die erste Erfahrung mit der Liebe machen wir mit unseren Eltern oder anderen Menschen, die sich um uns kümmern. Das ist unser Kapital, mit dem wir in die Welt geschickt werden. Durch diese ersten existenziellen Erfahrungen bildet sich ein Filter, durch den wir unsere Welt wahrnehmen, ob wir uns unbeschwert und sicher oder eher vorsichtig und ängstlich darin bewegen. Dazu kommen unsere Anlagen und unsere Umgebung, die zum großen Teil entscheiden, für welche Dinge in der Welt wir Liebe empfinden werden.
Da Liebe ein grundlegendes Bedürfnis ist, muss sie in unserer Gesellschaft für vieles herhalten: Die Werbung will uns ihre Produkte gerne als einen Garant für mehr Liebe verkaufen. Mord und Zerstörung wird im Namen der Liebe vollzogen. Die Liebe zu Gott hat seit dem IS eine neue – wenn auch aus der Geschichte nicht ganz unbekannte – Variante erhalten. Und die Liebe zur Heimat oder zum Vaterland drückt sich unglücklicherweise in diesen Tagen – und ganz entgegen ihrer eigentlichen Bedeutung – mehr durch Abgrenzung und Missgunst anstatt durch Zuneigung und Wertschätzung aus. Manche töten im Namen der Liebe, manch einer würde für sie sterben.

Beliebt sein ist schön
Wir alle können uns bis zu einem gewissen Grad daran erinnern, ob wir in unserer Kindheit von anderen gemocht wurden, denn das hatte einen großen Einfluss darauf, wie aufgehoben wir uns in einer Gruppe, der Schule oder dem Kindergarten gefühlt haben. Ob wir gehänselt oder ausgegrenzt wurden oder ob wir Teil einer funktionierenden Gemeinschaft waren, hat sich auf unser Befinden und unseren weiteren Lebensweg ausgewirkt. Als soziale Wesen ist es für uns wichtig, beliebt oder zumindest sich angenommen zu fühlen, und wir sind darauf programmiert, unseren Beliebtheitsstatus immer wieder zu überprüfen. Je nach unserer Veranlagung und unserer Erziehung versuchen wir diesen Status zu erhalten oder zu verbessern.
Wir versuchen gut, schön, klug, freundlich oder interessant zu sein, um geliebt zu werden. Gemocht oder geliebt zu werden, gibt uns das Gefühl von Sicherheit. Je weniger beliebt wir sind, desto unsicherer und angreifbarer fühlen wir uns in der Welt. Die Sehnsucht nach Liebe – und damit nach Sicherheit – bestimmt zu einem erheblichen Teil unser Handeln. Wir versuchen Freunde zu gewinnen, sie zu bewahren, den Partner fürs Leben zu finden, oder wenigstens im Alltag so beliebt wie möglich zu sein. Das Bedürfnis nach Liebe scheint genauso in unsere DNA eingebrannt zu sein wie unser Bedürfnis nach Schutz oder Nahrung.

Es scheint, als könnten wir uns ihrer niemals sicher sein.
Aber die Liebe scheint eine zerbrechliche und unsichere Sache zu sein. Man braucht Glück, um sie zu finden und fast noch mehr Anstrengung, um sie zu erhalten. Man kann sie verlieren, beobachten wie sie wächst oder stirbt.
Unser Bedürfnis nach Liebe macht uns das Leben alles andere als leicht. Wir strengen uns an, um geliebt zu werden und werden schon von früher Kindheit an dazu ermuntert, uns für sie zu verbiegen. Nicht selten trainieren wir uns an, einen vermeintlich nicht liebenswerten Teil von uns zu verstecken. Das ist anstrengend, und die Sehnsucht, so sein zu dürfen, wie wir wirklich sind, wächst. Manchmal glauben wir, dass wir selbst nur liebevoll genug sein müssen, damit wir geliebt werden. Oft wird dieses vermeintlich liebevolle Verhalten wie bei einer Art Wettbewerb als Gradmesser dafür verstanden, wie hoch entwickelt man ist. Eine Art „spirituelle“ Überheblichkeit – die Überzeugung, besser als andere zu sein – stellt sich ein.

Sind wir uns selbst ehrlich gegenüber, bemerken wir früher oder später, dass wir mit diesem Verhalten nicht nur den anderen, sondern vor allem uns selbst keinen Gefallen tun. Denn auch dieser „Trick“ zwingt uns, unsere ungeliebten Anteile zu unterdrücken und zu verbergen. Es bleibt dabei: Wir können die Liebe von anderen nicht herbeizaubern.

Sich selbst lieben
Alles was übrig bleibt, ist unser Bedürfnis nach Liebe – und wir selbst. Mit etwas Glück ist diese Erkenntnis für uns bedeutend genug, dass wir beginnen, uns selbst zu lieben. Schritt für Schritt lernen wir, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind, und uns und anderen vermeintliche Fehler und Unzulänglichkeiten zu verzeihen. Langsam beginnen wir, Frieden mit unseren ungeliebten Anteilen zu schließen. Wir üben uns darin, auf unser Herz und unseren Bauch zu hören und lernen allmählich, uns selbst die Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, nach der wir uns schon unser ganzes Leben lang gesehnt haben. Wir erlauben uns, trotz unseren vermeintlichen Fehlern und trotz aller alten und neuen Urteile von Dritten, liebenswert zu sein.
Erstaunlicherweise wächst mit der wachsenden Liebe uns selbst gegenüber auch die Liebe zu unserem Nächsten. Wenn wir aufhören, die Liebe bei anderen zu suchen und dieser dort nachzujagen, können wir auch den anderen immer mehr so sein lassen, wie er ist. Wenn wir uns auf diese Weise nach innen wenden, wird das Leben einfacher und leichter. Die rastlose Suche im Außen verliert ihren Reiz, und was noch wichtiger ist: Sie verliert ihre Berechtigung. Das Leben wird dadurch alles andere als farblos und uninteressant. Die Hinwendung nach innen – zu uns selbst – macht uns nicht einsam, wie man im ersten Augenblick vielleicht vermuten könnte; wir werden vielmehr freier und selbstbewusster in dem, was wir tun. Und wir können unser innerstes Wesen mit Freude zum Ausdruck bringen, ohne anderen damit zu schaden. Das Miteinander gewinnt plötzlich tatsächlich an Liebe! Wir lernen – wie uns das Christentum lehren will – unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst! Und entwickeln – wie der Buddhismus uns mahnt – echtes Mitgefühl. Gier, Hass und Neid werden überflüssig.

Die Quelle der Liebe: Suche die Liebe dort, wo sie entsteht!
Tatsächlich aber handelt es sich bei der zuvor beschriebenen Kunst, sich selbst zu lieben, um eine – in Wirklichkeit überflüssige – Tätigkeit. Gehen wir einen Schritt weiter und schauen uns den Vorgang der Liebe genauer an: Wo entsteht Liebe? Wo ist ihre Quelle? Liebe ist ohne Zweifel ein Gefühl, und dieses Gefühl nehmen wir in uns selbst wahr. Die meisten Menschen fühlen Liebe in der Gegend des Herzens oder des Bauches, vielleicht auch im ganzen Körper. Sie strömt tief aus unserem Inneren, um sich von dort her auszubreiten. Wenn also Liebe in uns entsteht, muss dort auch ihre Quelle sein.
Das mag zuerst zwar wie eine Binsenweisheit klingen, ist aber bei längerer Betrachtung der Schlüssel zu einer tiefen spirituellen Erkenntnis, die, wenn wir ihre Bedeutung in vollem Umfang begreifen, unser Leben für immer ändern kann. Denn um diese innere Quelle der Liebe in Schach zu halten, haben wir im Laufe unseres Lebens gelernt, ihr einen Riegel vorzuschieben. Wir sind unbewusst ständig damit beschäftigt, unser Innerstes zu begrenzen. Wir haben uns Fesseln angelegt, und gaukeln uns vor, nur unter bestimmten Bedingungen lieben zu können. Um unsere Liebe nicht zu fühlen, braucht es ein ständiges Nein.
Das Gegenteil jedoch ist der Fall: Hören wir damit auf, werden wir wieder grenzenlos, wie wir es als Kind waren.
Die Liebe, die wir suchen, ist immer schon da und sie ist immer in uns. Das einzige was uns daran hindert, sie zu empfinden, ist ein Widerstand, ein Argument gegen sie: Ein inneres „Nein“ verhindert, dass die Liebe in uns lebendig wird.

Liebe scheint in unsere DNA eingebrannt zu sein wie das Bedürfnis nach Schutz oder Nahrung. Und das ist sie, weil sie das ist, was wir in Wirklichkeit sind. Liebe ist unsere wahre Natur. Wir müssen sie nicht suchen und wir müssen uns nicht um sie bemühen. Egal in welchen Lebensumständen wir uns befinden, ob wir nun beliebt sind oder nicht, unseren Seelenpartner gefunden haben oder alleine sind. Liebe kann uns niemals verlassen, das ist ihrer Natur gemäß unmöglich. Alles was wir tun können ist, ihr zu erlauben, aufzutauchen. Bis zu welchem Grad steht uns frei zu entscheiden – aber im Außen finden wir sie nicht.



Infos zur Autorin Amoura Schneider-Ahmed auf
www.kopffrei.info